Planetenbegriff

Chaos im Sonnensystem

Von Günter Paul

Die Erde - Teil eines Systems aus neun oder zwölf Planeten?

Die Erde - Teil eines Systems aus neun oder zwölf Planeten?

17. August 2006 Im Jahr 1930 hat der amerikanische Astronom Clyde Tombaugh auf Himmelsfotos ein Objekt entdeckt, das wie die bis dahin bekannten Planeten die Sonne umkreist. Es wurde von den Astronomen schließlich als neunter Planet akzeptiert und erhielt den Namen Pluto.

Doch in jüngerer Zeit sind Zweifel an seinem Status aufgekommen. Jenseits der Bahn des Neptuns spürten die Forscher nämlich den sogenannten Kuiper-Gürtel mit vor allem - aber nicht nur - kleineren Objekten auf, von denen 1992 das erste beobachtet wurde. Bald deutete alles darauf hin, daß Pluto nichts anderes als ein Ausreißer aus diesem Gürtel ist. Wahrscheinlich sind einige der Kuiper-Objekte - jedenfalls gilt das für den Kleinplaneten 2003UB313 mit der inoffiziellen Bezeichnung Xena - sogar größer als Pluto. Es stellte sich die Frage, ob Pluto eigentlich zu Recht Planet (statt Kleinplanet) genannt worden ist - oder ob man andernfalls nicht auch Objekte, die sich nur innerhalb des Kuiper-Gürtels um die Sonne bewegen, als Planeten einordnen müßte.

Definition für Begriff „Planet“ steht aus

Die Verwirrung ist entstanden, weil der Begriff „Planet“ nie definiert worden ist. Das soll nun nachgeholt werden. Schon vor zwei Jahren richtete die Internationale Astronomische Union (IAU) dafür eine Arbeitsgruppe unter Ivan Williams von der Queen Mary University in London ein. Die Gruppe kam aber an einen toten Punkt und gab auf.

In diesem Jahr hat eine zweite Gruppe von sieben Astronomen, Autoren und Historikern unter Owen Gingerich von der Harvard University die Aufgabe übernommen. Ende Juni und Anfang Juli arbeitete diese Gruppe einen Entwurf für eine Definition aus, über die am Donnerstag nachmittag kommender Woche während der Generalversammlung der IAU in Prag nach weiteren Beratungen abgestimmt werden soll. Der Entwurf der Gruppe ist jetzt veröffentlicht worden und unverzüglich bei vielen Astronomen auf heftige Kritik gestoßen. Er erinnert an die neue deutsche Rechtschreibung, weil er eher von bürokratischen Regelungen als von Praxisnähe zeugt.

Zwergplaneten größer als Kleinplaneten?

Der "Entwurf der Resolution 5 für die 26. Generalversammlung: Definition eines Planeten" besteht aus vier Paragraphen und vier Fußnoten, von denen es vor allem die letzteren in sich haben. Ein Planet ist dem Entwurf zufolge ein Himmelskörper, der einen Stern umkreist und weder selbst ein Stern noch der Begleiter ("satellite") eines Planeten - also ein Mond - ist. Ferner muß er so viel Masse aufweisen, daß er durch die Schwerkraft in ein hydrostatisches Gleichgewicht gebracht, das heißt zu einer Art Kugel verformt wurde. Eine Abplattung infolge der Rotation ist zugelassen. Alle Voraussetzungen werden auf jeden Fall von den acht mindestens merkurgroßen Planeten sowie Pluto samt seinem Mond Charon, dem bisherigen Kleinplaneten Ceres sowie Xena erfüllt. Diese zwölf Objekte sollen zunächst fest auf der Liste der Planeten stehen, wobei es zwölf weitere Anwärter gibt, von denen einige wie die Kleinplaneten Pallas und Vesta als eher fragwürdige, andere dagegen wie Sedna und Quaoar als feste Kandidaten gelten.

Dem Entwurf zufolge soll es zwei Planetengruppen geben, die acht "klassischen" Planeten und die "Plutons", die auf stark elliptischen Bahnen die Sonne einmal in mehr als rund 250 Jahren umkreisen. Ceres darf - aber nur inoffiziell - Zwergplanet genannt werden; für die "Nichtplaneten" des Sonnensystems (Kleinplaneten und Kometen) wird der neue und ausschließlich geltende Begriff "Kleine Objekte im Sonnensystem" (Small Solar System Bodies) eingeführt. Weil sich die Astronomen ihre klassische Nomenklatur vermutlich nicht verbieten lassen, könnte es sein, daß demnächst neben den Kleinplaneten die größeren Zwergplaneten auftauchen, was von der Bezeichnung her absurd wäre.

Aus Plutos Mond soll ein Planet werden

Über die Frage, warum Plutos Mond Charon, aber nicht etwa der Mond unserer Erde oder der Saturnmond Titan ein Planet sein soll, gibt die Fußnote 2 Auskunft: weil sich der gemeinsame Schwerpunkt des Systems Pluto/Charon nicht im größeren der beiden Himmelskörper befindet, wie es beim System Erde/Mond der Fall ist. Das leuchtet zumindest jedem ein, der Astronomie studiert hat. Den Laien kann es weniger überzeugen.

Ein Schildbürgerstreich ist es auch, die Definition so zu wählen, daß man bei Pallas und Vesta rund 200 Jahre nach ihrer Entdeckung (1802 beziehungsweise 1807) immer noch nicht sagen kann, ob es denn nun Planeten sind - weil man ihre Form nicht kennt. Eine solche Definition kann nicht sinnvoll sein. Einen schlechteren Vorschlag hätte sich die Arbeitsgruppe kaum ausdenken können.

Text: F.A.Z., 17.08.2006, Nr. 190 / Seite 34
Bildmaterial: AP, dpa, Nasa, picture-alliance / dpa/dpaweb, The International Astronomical Union

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