Frühjahr 1968 in Frankfurt

„Geht nach Hause und macht die Revolution“

Von Thomas Kirn

12. März 2008 Wenn Schliemanns Erben dereinst nach uns graben werden und in der Schicht der späten Sechziger des zwanzigsten Jahrhunderts suchen, werden sie als Leitfossil die Reste eines technischen Geräts finden. Das Megafon war vor aller Munde, Rudi Dutschke und Daniel Cohn-Bendit sind damit ebenso häufig abgebildet wie die weniger berühmten ungezählten AStA-Vorsitzenden, Fachschaftssprecher und Demonstrations-Anführer. Das Geräusch von 1968, Zeitgenossen erinnern sich, war das leise Klicken beim Einschalten und das unmittelbar darauf die Ohren marternde Rückkopplungsquietschen des immer erst mal falsch eingestellten Stimmverstärkers.

Er quietschte am Gründonnerstag vor den Gebäuden der Frankfurter Societäts Druckerei an der Mainzer Landstraße, ehe eine Stimme rief: „Drucker, lass das Drucken sein, komm herunter, reih dich ein!“ Hunderte auf der Straße nahmen den Ruf auf, doch drinnen gab es niemanden, der sich einreihen konnte, weil Druckerei und Redaktionen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Frankfurter Neuen Presse, der Abendpost/Nachtausgabe und der von den Rufern vor allem gehassten „Bild“-Zeitung an diesem Tag nicht arbeiteten. In den Gebäuden war nur ein Hausmeister, der an einem Seitenfensterchen kurz sein erschrockenes Gesicht zeigte. Die Zeitungen wurden und werden am Karfreitag produziert.

Rudi Dutschke zu Besuch in Frankfurt

Da begann, was später die „Osterunruhen“ genannt wurde. Am 11. April 1968 hatte ein Rechtsradikaler in der West-Berliner City auf Rudi Dutschke geschossen und ihn schwer verletzt. Der Soziologiestudent war der bekannteste Mann der Außerparlamentarischen Opposition. Er hatte sich noch wenige Wochen zuvor in Frankfurt blicken lassen und großen Erfolg gehabt, obwohl er gar nicht zu Wort kam. Die ob des Auftauchens des leibhaftigen SDS-Vorsitzenden um die öffentliche Sicherheit und Ordnung besorgte Frankfurter Polizei hatte ihn eingesperrt, noch ehe er bei der Kundgebung „Schluss mit dem Krieg in Vietnam“ auf dem Römerberg sprechen konnte.

Die rechtlich gewagte Festnahme auf dem Flughafen sprach sich bald herum, das Thema „Vietnam-Krieg“ wurde durch „Freiheit für Dutschke“ ersetzt, mehr als tausend Demonstranten belagerten das verbarrikadierte Polizeipräsidium an der Friedrich-Ebert-Anlage. Auf Geheiß des SPD-Oberbürgermeisters und Polizeichefs Willi Brundert, der die Festnahme für einen politischen Fehler hielt, wurde Dutschke freigelassen. Am Hauptbahnhof soll er bei der Abreise nach Berlin den Genossen über Megafon zugerufen haben: „Geht nach Hause und macht die Revolution!“

Am 11. April rang Dutschke im Krankenhaus mit dem Tod. Ein wirrer Münchner Hilfsarbeiter hatte den Studentenführer als „dreckiges Kommunistenschwein“ beschimpft und auf ihn geschossen. In der linken Szene machte sofort der Satz „,Bild‘ hat mitgeschossen“ die Runde. Das Boulevardblatt und andere Zeitungen des Axel-Springer-Verlags, vor allem die in Berlin erscheinenden, hatten bereits seit 1966 über die Apo und die Protestbewegung an den Universitäten in unmissverständlicher Ablehnung geschrieben. Springer-Blätter hatten 1967 selbst den von einem Polizeibeamten verursachten Tod des Studenten Benno Ohnesorg zeitweise der Protestbewegung zur Last zu legen versucht.

Brüllen und Schimpfen statt Diskussionen

An Karfreitag und am Ostermontag 1968 versammelten sich in zahlreichen Städten Zehntausende von Demonstranten in der erklärten Absicht, die Auslieferung von Zeitungen des Springer-Verlags, speziell der „Bild“-Zeitung, zu verhindern. In Frankfurt wurde das Blatt seinerzeit im Lohndruck an der Mainzer Landstraße hergestellt. So war die Adresse des Protests sozusagen richtig, doch getroffen hat es vor allem die bürgerlichen Blätter, deren frische Ausgaben nur unter allergrößten Schwierigkeiten und unter Polizeischutz auf den Markt kommen konnten, während die zuletzt und spät nachts gedruckte „Bild“-Zeitung kaum beeinträchtigt war.

Abneigung bis zum Hass, Unduldsamkeit bis zur Verweigerung: Auch nur zuzuhören, war keine Spezialität eines publikumsmächtigen Verlages. Verständigungsbereitschaft war keine Tugend des Jahres 1968. Zu erinnern ist etwa an den gutgemeinten Versuch des Hessischen Rundfunks, Ende Mai 1968 mit Wissenschaftlern, Schriftstellern und Journalisten im großen Sendesaal über die Notstandsgesetze zu debattieren und dies im Fernsehen zu übertragen. Es kamen unter anderen Adorno, Bloch, Mitscherlich, Böll, Enzensberger, Hochhuth, Jens und Augstein.

Die Veranstaltung lief ins Chaos, als Augstein den vom SDS gefahrenen Kurs gegen die Notstandsgesetze kritisierte. Statt Diskussion nur noch Brüllen und Schimpfen, die Senderegie brach die Übertragung schließlich entkräftet ab. Die vom Sendungsbewusstsein weiter durchdrungenen Intellektuellen zogen um in eine Frankfurter Schule in der Nähe der Universität und ließen sich nun vom Frankfurter SDS-Sprecher Hans-Jürgen Krahl beschimpfen, sie betrieben nichts anderes als Selbstbeweihräucherung. Krahl sagte „Selbstagitation“.

Brandstiftungen im Kaufhof und im Kaufhaus Schneider

In diesem Jahr 1968, in dem Martin Luther King und Robert Kennedy erschossen wurden, die Sowjetunion in Prag den real existierenden Sozialismus mit der Panzerkanone lehrte und die Französische Republik durch Studenten und Renault-Arbeiter an den Rand einer Revolution geriet, flammte in Frankfurt ein Zeichen, über dessen Bedeutung für die Geschichte des Terrorismus in Deutschland noch heute gestritten wird.

Vier Täter, darunter Andreas Baader und Gudrun Ensslin, legen am späten Abend des 2. April Brände im Kaufhof und im Kaufhaus Schneider. Es gibt großen Schaden. Rasch werden die Schuldigen ermittelt, nicht zuletzt deshalb, weil Baader im Club Voltaire geprahlt hat. Im Oktober verhängt die 4. Große Strafkammer jeweils drei Jahre Zuchthaus. Das Gericht unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Gerhard Zoebe führt strafmindernd aus, den Angeklagten seien „gewisse ideelle Motive“ nicht abzusprechen. Der Richter nimmt Ensslins Prozesserklärung auf: „Wir haben es aus Protest gegen die Gleichgültigkeit gegenüber dem Vietnam-Krieg gemacht.“ Die Angeklagte bezeichnet die Brandstiftungen aber auch als „Fehler“ und „Irrtum“.

Während des Prozesses lernt Ensslin die Hamburger Journalistin Ulrike Meinhof kennen. Meinhof kommentiert die Brandstiftung nach dem Urteil in der Zeitschrift „Konkret“. Sie findet, dass die Brandstiftung keine antikapitalistische Aktion gewesen sei, sondern „systemerhaltend, konterrevolutionär“. Es sei schließlich der Sinn des Kapitalismus, Waren zu erzeugen, um sie zu vernichten, sei es durch Verkauf, Verbrauch, Verbrennen oder Ersatz durch die Versicherung. Gefallen hat Meinhof allerdings, dass es sich um eine Straftat handelt: „Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch.“ Meinhof brach dann selbst das Gesetz; sie war dabei, als Baader im Mai 1970 in Berlin-Dahlem mit Waffengewalt aus der Haft befreit wurde. Von diesem Augenblick an gehörte sie zur Roten Armee Fraktion, wurde steckbrieflich gesucht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Lutz Kleinhans

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