Allerseelen in Polen

Ein Licht für Tante Zosia

Von Konrad Schuller, Warschau

03. November 2006 Der Abend senkt sich mit feinem Regen in die Kronen der Bäume. Zwischen den Obelisken, den Mausoleen, den Kreuzen und Stelen dieser Stadt der Vergangenen mischt sich das Blau der Dämmerung mit Myriaden von roten, weißen und gelben, grünen und blauen Flämmchen. Gedämpft, konzentriert, geschäftig summt der Friedhof am Abend vor Allerseelen. In den Alleen raschelt das Laub unter hundert Schuhen, in hundert Lungen kitzelt der Dampf von zehntausend Paraffinkerzen. Kazimierz beschleunigt den Schritt. Wie bei allen hier baumelt eine Plastiktüte an seinem Arm, wie bei allen hier enthält sie ein Dutzend Lichter - nur Rot und Weiß allerdings, kein Grün und schon gar kein Blau, denn Kazimierz entstammt einer guten Familie, und den neumodischen Farbenschnickschnack überläßt er lieber den Parvenüs.

Die Nacht vor Allerseelen ist eine große Nacht in Polen. Nicht ganz so groß wie Weihnachten oder wie Ostern, aber doch fast. Auf den Straßen ziehen lange Kolonnen zu Fuß Richtung Friedhof, aus überfüllten Bussen ergießt sich alles, was gehen kann, auf die Zufahrten: Familien, Nachbarschaften, Kinder, Hunde, Omis mit Krücken, Liebespaare. Still und effizient regelt die Polizei den Verkehr, etwas weniger still rufen die fliegenden Händler auf ihren improvisierten Tischen auf den verstopften Gehsteigen ihre Ware aus: Kränze, Kringel, Zuckerwatte, Handschuhe, Chrysanthemen, Nelken, Schnürsenkel - und vor allem Lichter, Lichter.

Zweieinhalb Millionen Tote liegen auf dem Friedhof

Tief drinnen dann, in den dunkelnden Alleen des Powazkowski-Friedhofes, hat Kazimierz einen Zettel aus der Jacke geholt und entziffert im Licht einer Kerze ein halbes Dutzend geheimnisvoller Chiffren aus Zahlen und Buchstaben. Der Zettel ist in der Handschrift seiner Frau verfaßt und ist so etwas wie der Marschbefehl des Abends. Jede Zeichengruppe bezeichnet eine Person: Onkel Jarek, Großtante Zosia, Großpapa Antoni. Alle haben sie hier irgendwo ihre Ruhestätte, wenn auch Großtante Zosia, die kinderlos starb, nur ein symbolisches Grab besitzt, da ihre sterbliche Hülle bei der Zerstörung von Warschau im Weltkrieg verschollen ist.

Eigentlich hätte Kazimierz' Frau mit dabeisein sollen an diesem Abend ebenso wie die beiden Mädchen, die es sicher furchtbar aufregend gefunden hätten, wie all die anderen die Kerzen zu halten und in leichtem Grausen vor dem Schwefelgeruch des Streichholzes den Kopf wegzubeugen, während Papi den Docht entzündet. Da aber die Mutter bald ihr drittes Kind erwartet und da die Großeltern nicht gut zu Fuß sind, ist der Vater diesmal allein losgezogen - ausgestattet mit der eindringlichen Mahnung, unverzüglich anzurufen, wenn alles erledigt sei, sowie vor allem mit den Koordinaten der wichtigsten Onkel- und Tantengräber. Ohne sie wäre seine Mission hoffnungslos. Der Powazkowski-Friedhof im Norden der Warschauer Innenstadt ist groß; mehr als zweieinhalb Millionen Tote sind hier seit 1792 zur Ruhe gebettet worden, und in der Dämmerung wächst er ins Unermeßliche. In seinem labyrinthischen Inneren geht man am Abend vor Allerseelen in Lichterflimmern und Paraffindunst leicht verloren.

Promintentengräber sind heller als die anderen

Was jeder allerdings findet, sind die Gräber der Großen. Während nämlich Privatpersonen wie Onkel Antoni oder Tante Zosia mit drei, vier Lichtern zufrieden sein müssen, wächst an den Gedenkstätten der Großen die Helligkeit von Stunde zu Stunde. An den Gräbern großer Dichter wie des antikommunistischen Poeten Zbigniew Herbert, an den Ruhestätten charismatischer Freiheitskämpfer wie Jacek Kuron bricht vor Allerseelen die Nacht nicht ein. Schon am Nachmittag sind die Kerzen kaum zu zählen, und mit jeder Minute werden es mehr. In Kreisen und Spiralen winden sich die Lichter um solche Gräber, jede Stunde eine neue Schicht.

Wenn schließlich der Abend kommt, beginnen wie in den Stämmen alter Bäume die inneren Ringe zu verlöschen, während außen immer noch neue hinzukommen. Auch Kazimierz hat für seine Lieblingstoten je eine Kerze dabei: eine für Herbert, den Dichter, eine für Justyna und Mykolaj Chopin, die Eltern des Komponisten Frédéric Chopin, und eine für die Sammelgedenkstätte der polnischen Offiziere, die im Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst in Katyn ermordet wurden. Kazimierz schweigt und entzündet sein Licht, hundert andere um ihn schweigen und tun es ihm nach. Selbst das Mädchen zu seiner Linken mit den Mickymaus-Motiven auf der Winterjacke hört auf zu plappern. Sein Großvater läßt ein Streichholz zischen, entzündet ein Licht, gibt es ihm. Es stellt die Kerze unter eines der ungezählten schwarzen Marmortäfelchen, und sein plötzlich ernstes Gesicht verrät, daß es nicht viel versteht, außer diesem: Was hier geschieht, ist herrlich und furchtbar, so herrlich und furchtbar wie Weihnachten und wie Ostern.

Verstärkter Patriotismus an Allerseelen

Gott, die Familie, das Vaterland - all das kommt am Abend vor Allerseelen in Polen zusammen. An keinem anderen Tag strömt der polnische Patriotismus so voll wie an diesem. Vaterlandsliebe ist für Polen weit mehr als für andere Länder Verbundenheit mit dem Vergangenen. In den 214 Jahren seit der Einweihung dieses Friedhofes war dieses Land nur 41 Jahre lang unabhängig; 173 Jahre lang war es geteilt oder besetzt. Die Polen haben deshalb gelernt, ihre Heimat vor allem als Traum aus der Vergangenheit zu begreifen. Das Polen, das gestern war, ist das eigentliche, nicht das Polen von heute, das ist die Botschaft dieser Geschichte. Dementsprechend ist der Powazkowski-Friedhof, die Stadt der Vergangenen, für sie vielleicht in einem höheren Sinne Heimat als das lärmende Warschau der Gegenwart, die Stadt der Lebenden.

Für deutsche Besucher ist das schwer zu begreifen. Für sie, die lernen mußten, die Geschichte in seelische Quarantäne zu legen, um zu ihrem Land ein erträgliches Verhältnis zu gewinnen, kann diese polnische Zeitentiefe verstörend sein - wenn etwa im Gespräch mit polnischen Freunden die familiäre Erinnerung an die Opfer der deutschen Besatzung bis 1945 plötzlich eine Dringlichkeit gewinnt, als sei kein Tag vergangen. Für eine Nation, die mit dem Vergangenen so lebt wie diese, das spürt ein deutscher Besucher in solchen Momenten, ist die Welt reicher - reicher an Trost, aber auch reicher an Gespenstern, die nicht ruhen wollen.

Städte gingen unter, aber Friedhöfe wuchsen weiter

Kein Ort in Polen steht so sinnfällig für die Identität dieser Nation mit ihren guten und bösen Erinnerungen, wie dieser Friedhof. Seit preußische Truppen Ende des 18. Jahrhunderts die umliegenden Parkanlagen der Fürstin Czartoryska einäscherten, hat er wie durch ein Wunder alle Zerstörungen und Eroberungen dieser oft eroberten Hauptstadt heil überlebt. Die russische Okkupation im 19. Jahrhundert, die systematischen Sprengungen der Nazis im 20. sind an ihm vorbeigegangen. Sein Grundriß mit den ungezählten Alleen und Planquadraten, die als geheimnisvolle Zifferfolgen auf Kazimierz' Zettel stehen, ist damit der eigentliche Plan dieser Stadt. „Vielleicht ist das die eigentümlichste Eigenschaft des polnischen Schicksals“, schrieb einmal der Publizist Jerzy Waldorff - „die Städte gingen mit wehenden Fahnen unter, das ganze Land fiel in Trümmer, aber die Friedhöfe blieben nicht nur erhalten, nein, sie wuchsen und wuchsen . . .“

In den langen Jahren der Fremdherrschaft sind deshalb Polens Friedhöfe die Orte gewesen, wo die Erinnerung an die Toten der eigenen Familie zugleich Erinnerung an das verlorene eigene Land war. Auch der Powazkowski-Friedhof ist schon im 19. Jahrhundert zu einer nationalen Weihestätte geworden. Generation für Generation legte hier ihre Kämpfer zur Ruhe, Generation für Generation pilgerte zu den Grabsteinen, um sich der Existenz jenes Landes zu versichern, das es auf keiner Landkarte mehr gab, sondern nur noch, wie ein Gedicht es sagt, „im Herzen“.

Pilgerfahrten zum Friedhof

Im 19. Jahrhundert waren die Gräber der „fünf Gefallenen“, welche 1861 während einer Demonstration von russischen Gendarmen erschossen worden waren, Pilgerziel von Tausenden, am Ende der kommunistischen Herrschaft zog man zum Grab des Abiturienten Grzegorz Przemyk, den die Miliz 1983 im Gefängnis totgeschlagen hatte. Am Grab der Opfer von Katyn zündete man Kerzen an, ebenso wie dort, wo die Kämpfer des Warschauer Aufstands gegen die Nazis ruhen.

Zuletzt aber, nach den Helden und Märtyrern ist immer die Familie zu ihrem Recht gekokmmen. Heute ist das nicht anders. Jetzt gilt es, den Instruktionen auf dem Lageplan der Ehefrau zu folgen. Auf den Gräbern von Onkel Jarek und Großpapa Antoni brennen schon ein paar Lichter, die Familie ist verzweigt, offenbar sind andere schon früher dagewesen. Zuletzt ist zwei Ecken weiter auch die schwere Grabplatte der Schwiegeroma Jadwiga sichtbar geworden.

Kazimierz greift in die Tüte, ein Streichholz zischt, die Kerze brennt. Vorher, unterwegs, hat er noch leise und fröhlich geplaudert, jetzt aber ist er so ernst geworden, wie vor ihm das Mädchen mit der Mickymaus-Jacke. Dann, plötzlich, fährt er zusammen, erinnert sich der Schwiegermama, die schlecht zu Fuß ist und nicht kommen konnte. Ein Mobiltelefon blinkt auf, der Wählton piepst die Nummer der Ehefrau. „Marzena?! Ja, alles in Ordnung. Sag Mama, auf dem Grab sind schon Kerzen, sie wird sich freuen.“ Für alle scheint das Licht zu Allerseelen, selbst für Tante Zosia, die kinderlos starb.



Text: F.A.Z., 03.11.2006, Nr. 256 / Seite 9

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