24. Juli 2006 Ob es den ganzen August lang regnet? Keiner weiß es, selbst nicht der Deutsche Wetterdienst. Deswegen weiß auch keiner, ob dieser Sommer zum neuen Jahrhundertsommer wird, die Hitzeperiode von vor drei Jahren noch übertrifft. Das Zeug dazu hat er. Schließlich steht es bis jetzt eins zu eins: Der Juni 2003 war wärmer als der gerade vergangene, dafür schlägt der jetzige Juli seinen Vorvorvorgänger. Fehlt für den Jahrhunderttitel eben nur noch der August.
Doch zeitigt die Hitze jetzt schon Folgen, einmal abgesehen davon, daß die Natur leidet, die Bauern Ernteausfälle befürchten, die Pegelstände der Flüsse sinken, der Wald Schaden nehmen kann. In den Niederlanden starben allein in der ersten Juli-Woche 170 Menschen, bei denen man annimmt, daß das Wetter der Auslöser für ihren Tod war.
Frankreich meldet 20 Tote, und auch in Deutschland fielen Menschen der Wärme zum Opfer. Ihre Zahl ist jedoch noch gering. In der Oberpfalz starb zum Beispiel ein 43 Jahre alter Fahrradfahrer, der in der prallen Sonne seine Fahrradkette reparieren wollte, an einem Kreislaufkollaps.
Lektion gelernt
Daß lang andauernde Sommerhitze mehr Todesopfer fordert als alle anderen Wetterphänomene zusammen, behauptet der Meteorologe Scott Sheridan von der Kent State University. Das hat nach seiner Ansicht nicht zuletzt der Sommer 2003 gezeigt. Damals kamen in Europa Zehntausende ums Leben. Allein in Frankreich ging man von 15.000 Toten aus, die meisten alte Menschen.
Für Deutschland gibt es keine solche Gesamtzahl, aber allein Baden-Württemberg zählte 1.100 Hitzetote. Sheridan hat in einer Studie herausgefunden, daß selbst die Installation von Warnsystemen am Verhalten älterer Menschen bei Hitze nichts ändert. Hierzu hat er in vier Städten - Dayton, Philadelphia, Phoenix und Toronto - Bürger im Alter von mehr als 65 Jahren befragt: Bestenfalls die Hälfte von ihnen verhalte sich nach offiziellen Warnungen anders.
Dem würde Klaus Bucher, Medizinmeteorologe vom Deutschen Wetterdienst, wohl gern widersprechen. Wir haben unsere Lektion aus dem Sommer 2003 gelernt, sagt er. Wir sind gerüstet, fügt er mit einem Verweis auf das Warnsystem hinzu, das die deutschen Meteorologen entwickelt haben und das nun seine Bewährungsprobe bestehen muß. Bucher ist da aber optimistisch. Jeder wisse mittlerweile mit Hitze umzugehen, sagt er, das sei im Bewußtsein der Bevölkerung.
Das Warnsystem wirkt
Gewarnt wird in zwei Stufen, bei einer gefühlten Temperatur von etwa 32 Grad vor starker und bei etwa 38 Grad vor extremer Wärmebelastung. Nach Buchers Worten beteiligen sich alle Bundesländer an dem System, bis auf Bayern. Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen seien gerade dabei, es zu installieren. Die Länder wiederum geben die Warnungen über Ministerien oder Ämter weiter an ihre Kinder- und Behindertenstätten, an ihre Krankenhäuser und Alteneinrichtungen.
Das Konzept scheint aufzugehen. Uns sind keine Probleme bekannt, heißt es beispielsweise in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt aus den zuständigen Ministerien. Die Hamburger Feuerwehr teilt über die Hamburger mit: keine besonderen gesundheitlichen Probleme.
Auch die Berliner Kollegen müssen nicht sonderlich mehr Personen in Not, wie es offiziell heißt, ins Krankenhaus bringen als sonst, was freilich auch an den Ferien in der Hauptstadt liegen mag. Dennoch gibt es in Berlin ein Lob. Die Bürger sind vorsichtiger geworden, drückt es ein Feuerwehrsprecher aus, sie gehen nicht aus der Wohnung raus und werden wohl mehr trinken.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.07.2006
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