Amoklauf auf Militärbasis

Rätseln über Hasans Motiv

Von Matthias Rüb, Washington

Viele Menschen in Fort Hood können die Tat noch immer nicht fassen

Viele Menschen in Fort Hood können die Tat noch immer nicht fassen

08. November 2009 Drei Tage nach dem Amoklauf auf einem amerikanischen Militärstützpunkt haben die zivilen und militärischen Ermittler am Sonntag weiter über die Beweggründe des Täters gerätselt. „Wir haben bislang noch kein Motiv für die Bluttat ermitteln können“, sagte der Sprecher der Ermittlungseinheit des amerikanischen Heeres für Kriminalfälle, Chris Grey. Derweil wurde der Todesschütze von Fort Hood, der 39 Jahre alte Heeresmajor Nidal Malik Hasan, in ein Militärkrankenhaus in San Antonio etwa 250 Kilometer südlich vom Tatort verlegt, wo er weiter behandelt und von Militärpolizisten bewacht wird. Hasan musste seit Samstag nicht mehr künstlich beatmet werden, blieb aber weiter auf der Intensivstation und konnte noch nicht vernommen werden.

Präsident Barack Obama und First Lady Michelle Obama sowie Verteidigungsminister Robert Gates werden am Dienstag auf dem Heeresstützpunkt Fort Hood etwa 100 Kilometer nördlich der texanischen Hauptstadt Austin an einer Trauerfeier für die 13 Toten teilnehmen. Der Präsident wird seine seit langem geplante Asien-Reise deshalb einen Tag später antreten. In seiner Rundfunkansprache vom Samstag lobte Obama den mutigen Einsatz gegen den Täter, vor allem die Reaktion der 34 Jahre alten Polizistin Kimberley Munley. Die Beamtin traf drei Minuten nach dem ersten Notruf am Tatort ein, wurde bei einem Schusswechsel mit dem Täter von drei Kugeln getroffen, konnte Hasan aber offenbar mit vier Schüssen niederstrecken. Nach mehreren Operationen befindet sich die Polizistin in stabilem Zustand. Es gilt als wahrscheinlich, dass noch mehr Menschen getötet oder verletzt worden wären, hätte sie nicht so entschlossen gehandelt.

Am Tag davor von Mann „arabischem Aussehens“ besucht worden

Präsident Obama lobte die amerikanischen Streitkräfte als Spiegelbild der pluralistischen Gesellschaft des Landes

Präsident Obama lobte die amerikanischen Streitkräfte als Spiegelbild der pluralistischen Gesellschaft des Landes

Bei aller Tragik des Geschehens hätten Zivilisten und Soldaten, die Verwundete in Sicherheit brachten und notdürftig versorgten, auch „das Beste von Amerika“ gezeigt, sagte Obama in seiner wöchentlichen Rundfunkansprache. Mit Blick auf den muslimischen Glauben Hasans warnte Obama vor voreiligen Schlüssen über das Motiv des Täters. Zugleich pries der Präsident die Streitkräfte als Spiegelbild der pluralistischen amerikanischen Gesellschaft: „Dort dienen Christen und Muslime, Juden, Hindus und Atheisten, Einwanderer oder Nachkommen von Einwanderern. Es verbindet sie ein einzigartiger Patriotismus.“ Bei dem Amoklauf hat Hasan etwa 100 Schüsse abgegeben. Die Ermittler haben bisher keine Hinweise darauf gefunden, dass einige Opfer versehentlich von anderen Soldaten oder von der Polizistin getroffen worden seien. Die allermeisten der gut 300 Frauen und Männer in dem Gebäude, in dem vor und nach dem Kriegseinsatz medizinische Untersuchungen vorgenommen sowie Formalitäten erledigt werden, waren unbewaffnet.

Die Ermittler geben an, Hasan, der als Sohn palästinensischer Einwanderer im Bundesstaat Virginia geboren wurde und aufwuchs, habe offenbar allein gehandelt. Vor der Bluttat verschenkte Hasan seinen Hausstand an Nachbarn und Bekannte. Auf Aufnahmen von Überwachungskameras ist Hasan in traditioneller arabischer Kleidung zu sehen, wie er sich am Morgen der Tat an einer Tankstelle außerhalb des Stützpunktes einen Kaffee kauft. Die Ermittler durchsuchten noch am Tag der Tat die Wohnung Hasans, der außerhalb des Stützpunktes lebte. Dabei wurde unter anderem ein Computer sichergestellt. Nach Berichten in amerikanischen Medien konnte nach einer Untersuchung von Hasans Computer keine Verbindung zu islamistischen Extremisten festgestellt werden. Eine Nachbarin berichtete, Hasan, der sonst sehr zurückgezogen gelebte habe, sei am Tag vor der Tat von einem Mann „arabischen Aussehens“ besucht worden und habe mit diesem seine Wohnung verlassen.

Kriege in Afghanistan und im Irak gegeißelt

Der Kommandeur des Stützpunktes, Generalleutnant Bob Cone, berichtete, Hasan habe den muslimischen Glaubensruf „Allahu akbar“ (Gott ist groß) gerufen, ehe er das Feuer eröffnet habe. Ermittler der Bundespolizei FBI wurden zudem schon ein halbes Jahr vor dem Amoklauf im Internet auf radikalislamische Texte unter dem Namen Hasan aufmerksam, in denen etwa Selbstmordanschläge verherrlicht wurden. Kameraden und Mitarbeiter des Amokläufers berichteten zudem, der ausgebildete Arzt und Militärpsychiater Hasan habe bei mehreren Anlässen die Kriege in Afghanistan und im Irak als gegen Muslime gerichtet gegeißelt.

In der Berichterstattung über die Tat in amerikanischen Medien wird weithin auf den Umstand hingewiesen, dass Hasan nach Aussage von Verwandten wegen seines muslimischen Glaubens von Kameraden geschmäht worden sei. Zudem habe er sich vor dem Kriegseinsatz in Afghanistan, zu dem er Ende des Monats hätte aufbrechen sollen, gefürchtet und eine vorzeitige Entlassung aus dem Dienst beim Heer angestrebt. Als Militärpsychiater im Militärhospital Walter Reed in Bethesda nahe Washington hatte Hasan offenbar mehrmals Soldaten behandelt, die nach dem Kriegseinsatz mit posttraumatischen Stresssymptomen zu kämpfen hatten. Hasan selbst war bisher noch nicht zum Kriegseinsatz in Übersee abkommandiert worden.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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