11. Juli 2008 Nach dem ICE-Unfall auf der Kölner Hohenzollernbrücke hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen. Wir ermitteln wegen Gefährdung des Bahnverkehrs, sagte ein Sprecher der Kölner Behörde am Freitag. Außerdem sei ein Gutachten in Auftrag gegeben worden. Die Untersuchungen richteten sich bislang gegen Unbekannt.
Hintergrund ist der Unfall am vergangenen Mittwoch, bei dem der ICE 518 kurz nach der Abfahrt aus dem Kölner Hauptbahnhof aus den Gleisen gesprungen war. Die 250 Fahrgäste blieben unverletzt. Ursache sei eine defekte Radsatzwelle gewesen, teilte das Eisenbahnbundesamt mit. Es sei nicht auszuschließen, dass das Problem auch andere ICE-3 betreffe, hieß es bei der Bahn.
Anonyme Hinweise
Man möchte sich nicht ausmalen, was hätte passieren können, sagte Oberstaatsanwalt Günther Feld dem Hörfunksender MDR Info. Die Ermittlungen richten sich gegen zunächst unbekannte Mitarbeiter der Bahn, sagte Feld.
Zu Hinweisen von Reisenden, die sich schon über eine Stunde vor dem Unfall nach dem Verlassen des Bahnhofes am Frankfurter Flughafen in Richtung Köln bei Zugbegleitern über verdächtige Geräusche beschwert hätten, wollte der Sprecher der Staatsanwaltschaft keine Aussagen machen. Auf der Strecke zwischen Frankfurt Flughafen und Köln erreichen die ICE-Züge Geschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometer pro Stunde.
Man prüfe nun, ob es einen Zusammenhang zwischen den Geräuschen und dem späteren Entgleisen des Zuges gegeben habe. Falls sich dies herausstelle, müsse man sich fragen, ob da falsch reagiert wurde. Unter anderem sollen nun die Reisenden befragt werden, möglicherweise auch die begleitenden Mitarbeiter. Ein Gutachter untersuche die Unfallursache.
Die Bahn wies den Verdacht zurück: Es dürfe nicht der Eindruck erweckt werden, das Fahrpersonal des ICE habe am Mittwoch nicht auf Hinweise von Fahrgästen über atypische Fahrgeräusche reagiert. Dieser sei schlichtweg falsch. Das Fahrpersonal sei entsprechenden Kunden-Hinweisen nachgegangen und habe gemäß den Vorschriften die notwendigen Maßnahmen ergriffen.
Sicherheit hat oberste Priorität
Die Bahn hat als Konsequenz aus dem Unfall kurzfristig ihre ICE-3-Flotte aus Sicherheitsgründen aus dem Verkehr gezogen. 61 ICE-3-Züge werden außerplanmäßig technisch überprüft. Aus diesem Grund mussten am Freitag 78 Zugverbindungen gestrichen und weitere eingeschränkt werden. Es kommt zu erheblichen Behinderungen für Tausende Reisende. (Über Fahrplanänderungen informiert die Deutsche Bahn).
Es ist die größte Bahn-Rückrufaktion seit dem ICE-Unglück von Eschede 1998. Mit den jetzt stattfindenden Zusatzuntersuchungen gehen wir auf Nummer Sicher, erklärte Bahn-Vorstand Karl-Friedrich Rausch. Die Sicherheit unserer Fahrgäste hat oberste Priorität. Die Bahn bedauere die Kurzfristigkeit der Maßnahme, sagte ein Sprecher des Unternehmens in Düsseldorf. Der Bahnverkehr werde noch über das Wochenende hinaus beeinträchtigt sein.
Untersuchung mit Ultraschall
Die Bahn teilte mit, 61 der insgesamt 67 hochmodernen ICE-3-Züge müssten überprüft werden. Die anderen 6 seien gerade erst gewartet worden. Die DB habe eine vorgezogene Überprüfung der Radsatzwellen bereits nach 60.000 Kilometern Laufleistung angeordnet, teilte die Aufsichtsbehörde, das Eisenbahnbundesamt mit. Normalerweise werden sie alle 300.000 Kilometer kontrolliert.
Bei den untersuchten Radsatzwellen handelt es sich nach Angaben einer Bahn-Sprecherin um Eisenteile, welche die Räder des Zuges miteinander verbinden. Sie würden derzeit mittels einer Ultraschalluntersuchung an drei Standorten in Deutschland geprüft. Pro Rad dauere der Vorgang rund dreißig Minuten. Die Überprüfung begann nach Bahn-Angaben in der Nacht zum Freitag. Der überwiegende Teil der deutschen Fernverbindungen werde von den Zugausfällen nicht betroffen sein, teilte der Konzern mit.
Insgesamt verfügt die Deutsche Bahn über 240 ICE-Züge, die ICEs der ersten beiden Generationen sowie die ICE mit Neigetechnik sind nicht betroffen. Der ICE 3, der auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt am Main und Köln eingesetzt wird, bietet 440 Reisenden Platz.
Ausfall mitten in der Urlaubszeit
Der Ausfall trifft die Bahn mitten in der Urlaubsreisezeit, in fünf Bundesländern beginnen an diesem Wochenende die Schulferien. Zudem sind die Züge gerade freitags immer besonders hoch ausgelastet. Der für den Personenverkehr zuständige Bahn-Vorstand Rausch bat die Bahn-Kunden um Verständnis für einzelne Zugausfälle und Komfort-Einschränkungen. Man arbeiten mit Hochdruck daran, für möglichst viele Verbindungen Ersatzlösungen zu finden. Wir arbeiten an Ersatzfahrplänen, versicherte eine Bahnsprecherin.
Betroffene Reisende könnten ihre Fahrkarten kostenlos umtauschen oder sich erstatten lassen. Außerdem können Fahrkarten mit Zugbindung für die nächstgelegene Reiseverbindung gültig geschrieben werden. Reisende mit ICE-Fahrkarten, die auf einen IC umsteigen müssen, erhalten den Differenzbetrag erstattet.
Regionalbahn rast in Schafherde
Unterdessen ist abermals ein Zug der Deutschen Bahn AG in eine Tierherde gerast. Nach Angaben der Bundespolizei Frankfurt erfasste eine Regionalbahn am Freitagmorgen zwischen den südhessischen Orten Bensheim und Lorsch eine Schafherde. 52 Tiere wurden dabei getötet, während der Lokführer und die etwa zehn Passagiere mit dem Schrecken davonkamen. Sie wurden mit einem Ersatzbus zum nächsten Bahnhof gebracht. Der leicht beschädigte Zug konnte nach den Aufräumarbeiten seine Fahrt fortsetzen.
Auf der einspurigen Strecke erhielten sieben Züge Verspätungen, sagte ein Polizeisprecher. Wie die Schafe von ihrer nahen Weide auf das Gleis geraten konnten, werde noch ermittelt.
Erst am 26. April war ein aus Fulda kommender ICE der ersten Generation bei mehr als Tempo 200 vor einem Tunneleingang in eine Schafherde gerast, entgleist und erst nach rund einem Kilometer im Tunnel zum Stehen gekommen. 19 Fahrgäste wurden verletzt.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp, dpa, reuters