Jazz im Krieg

Die einfachen Soldaten wollten Swing, die Offiziere Schmalz

Von Wolfram Knauer

01. Oktober 2003 Jazz in den "barracks": In den GI-Clubs der Besatzungstruppen fand nach dem Krieg die musikalische Verbrüderung zwischen amerikanischen und deutschen Musikern statt

Fast jeder ältere Jazzmusiker der Rhein-Main-Region kann Geschichten über die US-Army-Clubs erzählen, in denen man so direkt wie kaum sonstwo mit der amerikanischen Musikkultur konfrontiert wurde. Albert Mangelsdorff begann seine Karriere 1947 in einem dieser Clubs im Bad Sodener Kurhaus, als Rhythmusgitarrist der Otto-Laufner-Bigband. Er berichtet von den Sessions bei Lippmanns, im Hotel Continental am Hauptbahnhof, die bis in die frühen Morgenstunden gingen und bei denen immer auch amerikanische Musiker mitwirkten. Gleich nach seinem Einstieg in die legendäre Joe Klimm Combo trat er in einem schwarzen GI-Club in Bonames auf. Für ihn wie für viele andere Frankfurter Musiker war die Nähe der Amerikaner ein Glücksfall, die Chance, amerikanische Kultur hautnah zu erleben. Der deutsche Jazz ist nicht denkbar ohne die Kontakte, die Deutsche und Amerikaner insbesondere in der direkten Nachkriegszeit zusammenbrachten und die deutschen Musiker durch eine Art musikalische Lehre gehen ließen.

Man hatte eine jazzmusikalische Durststrecke hinter sich. Coleman Hawkins, Benny Carter, Louis Armstrong, Duke Ellington, die alle in den dreißiger Jahren in Europa spielten, machten um Deutschland einen großen Bogen. Jazz wurde nach 1933 zur verbotenen Kunst. Man lernte ihn, wenn überhaupt, nur noch durch Schallplatten kennen. So waren die musikalischen Kontakte zwischen Siegern und Besiegten nach dem Krieg eine ganz neue Erfahrung. Amerikanischer Jazz war wieder im Radio zu hören, man konnte Schallplatten kaufen, die Musik im Konzert erleben. Amerikanische Militärkapellen, in denen oft hervorragende klassische Musiker wie Jazzmusiker mitwirkten, spielten nicht nur bei armeeinternen, sondern oft auch bei öffentlichen Anlässen für die deutsche Bevölkerung.

Zum Thema

Daß Frankfurt nach dem Krieg zur deutschen Jazzmetropole wurde, hängt nicht zuletzt mit der strategischen Position der Stadt im besetzten Deutschland zusammen. Das Hauptquartier der amerikanischen Streitkräfte war im Poelzig-Bau untergebracht, dem ehemaligen I.G.-Farben-Hochhaus, heute Universität, das als General Creighton W. Abrams Building zum Hauptquartier der 5. amerikanischen Armee, zum "europäischen Pentagon" wurde. Es gab unzählige Kasernen in und um Frankfurt, und es gab seit Kriegsende die Rhein-Main Air Base als wichtigsten Luftumschlagplatz für die Versorgung der amerikanischen Besatzungsmacht.

Die amerikanische Armeeverwaltung hatte schon während des Kriegs darauf geachtet, ihren Soldaten auch eine moralische Unterstützung zukommen zu lassen, die vor allem darin bestand, ihnen den Dienst im feindlichen oder besetzten Land so annehmlich wie möglich zu machen. Zuständig hierfür waren die dem Kriegsministerium untergeordneten Special Services. Zu ihren Aufgaben gehörte die Organisation von Filmvorführungen, Bühnenshows mit Größen des amerikanischen Entertainments (die legendären USO Shows), aber auch die Unterhaltung der Army-Supermärkte, der sogenannten post-exchanges (PX), die Organisation von Sportveranstaltungen und das musikalische Programm in den zahlreichen GI-Clubs der Kasernen.

Alle Bereiche des deutschen Kulturlebens in den besetzten Gebieten waren nach dem Krieg von der Militärregierung abhängig. Ob man ein öffentliches Konzert plante, ein Buch, eine Broschüre oder auch nur ein Ankündigungsplakat drucken lassen wollte - man mußte zuerst eine Genehmigung der Militärregierung einholen. Amerikanische Offiziere achteten darauf, daß keine Militärmärsche erklangen oder andere Musik, die zuvor irgendwie nationalsozialistischen Zwecken gedient hatte. Solch einen Verdacht erregten die Jazzer nun gewiß nicht. Als Carlo Bohländer, eines der Gründungsmitglieder des Frankfurter Hot Clubs, am 17. Mai 1945, eine Woche nach Waffenstillstand, zu den Besatzungsbehörden ging, um die Genehmigung für ein Jazzkonzert zu beantragen, erhielt er diese, nachdem die prüfenden Offiziere das Konzertprogramm in Augenschein genommen hatten, das ausschließlich bekannte Swinghits enthielt. "Die wußten, daß wir das nicht in acht Tagen gelernt hatten", erzählt Bohländer. "Die wußten genau, das sind keine Nazis gewesen."

Der Hot-Club, 1941 von Jazzfans und jungen Musikern gegründet, wurde nach Kriegsende zum Zentrum der jazzmusikalischen Aktivitäten in Frankfurt. Er organisierte Konzerte, Sessions, gemeinsame Schallplattenabende. Er hatte seine eigene Band, die Hot Club Combo, deren Besetzung zwischen Quartett und Sextett schwankte und in der meist Frankfurter Musiker wie der Trompeter Bohländer, der Saxophonist Paul Martin, die Pianisten Hans-Otto Jung und Günter Boas, der Schlagzeuger Lippmann und andere saßen. Sie spielten nicht nur wöchentlich in Clubs und Restaurants des Nachkriegs-Frankfurt, sondern waren auch ein Teil des GI-Clubprogramms der vielen amerikanischen Armeebasen in der Rhein-Main-Region.

Der Hot Club, dem bald auch einige Amerikaner als Mitglieder angehörten, organisierte mindestens drei verschiedene Combos, die alternierend die GI-Clubs der Region bespielten - dabei handelte es sich um etwa fünfundzwanzig Clubs in Frankfurt sowie weitere in Bad Homburg, Bad Nauheim, Bad Soden, Limburg, Oberursel und anderen Städten. Zu den Frankfurter Clubs gehörte beispielsweise der Topper Club an der Adickesallee, dort, wo sich einst am WAC Circle einer der größten PX der Stadt befand und heute das neue Polizeipräsidium steht, ein großer Club im Kasinogebäude des Poelzig-Baus, der Plantation Club in der Betts-Kaserne an der Homburger Landstraße oder der Club auf der Rhein-Main Air Base. Im Schumann's am Hauptbahnhof oder im Rendezvous-Club im vormaligen "Maier-Gustl" spielten oft amerikanische Bands, deutsches Publikum war hier lange Zeit nicht zugelassen. Die Bands wurden von der "special services agency" vermittelt. Einige wurden für eine ganze Woche oder länger engagiert, die meisten allerdings rotierten durch die verschiedenen Clubs in "one night stands". Die Bezahlung war nicht großartig, sicherte aber ein regelmäßiges Einkommen, oft durch Zigaretten, Kaffee und Schokolade aufgebessert.

Es gab drei Arten von GI-Clubs: EM Clubs (Enlisted Men Clubs) für die einfachen Soldaten, NCO Clubs (Noncommissioned Officer Clubs) für die mittleren Ränge sowie die Officer Clubs für die Offiziere. Daneben gab es Service Clubs, die keine alkoholischen Getränke ausschenkten. Einige der Clubs waren in früheren deutschen Restaurants und Sälen beherbergt, die meisten aber in den verschiedenen Militärbasen, den "barracks". Bis 1949 waren die Clubs meist nach Hautfarbe getrennt, danach gab es Clubs, die "vor allem" bei schwarzen oder bei weißen Soldaten beliebt waren. GI-Clubs waren amerikanisches Hoheitsgebiet und damit zumindest in den vierziger Jahren für deutsche Staatsbürger off-limit, sofern sie nicht dort arbeiteten oder von Amerikanern eingeladen waren.

Ein amerikanischer Soldat, der in den fünfziger Jahren in Frankfurt stationiert war, berichtet über den Club in der Gibbs-Kaserne am Marbachweg: "Im Club arbeiten Deutsche, als Kellnerinnen, Barbedienung und Manager. Es gibt fünf große Räume. Der erste ist eine moderne Bar, fast wie eine der schicken Cocktail Lounges in New York. Die Drinks sind unglaublich billig. Canadian Club kostet dreißig Cents, guter Champagner zwei Dollar die Flasche und eine gute Flasche deutschen Biers fünfzehn Cent. Im nächsten Raum befinden sich ein Eßsalon und eine Tanzfläche. Das Ganze ist in weich-plüschigen Farben gehalten, mit Holzvertäfelung und schweren Vorhängen. Dann gibt es ein Spielzimmer mit Stühlen, Sesseln und einer Bowlingbahn. Sie bauen gerade eine neue Bar, westernmäßig mit Schwungtüren - so was erwartet man nicht auf einer Army Base. An jedem Samstag gibt es Musik und Unterhaltung."

Musik wurde zwischen 19 und 23 Uhr gespielt, in einigen Clubs gab es auch Live-Musik zum Mittagessen. Abends spielten die Bands meist vier fünfundvierzigminütige Sets. Das Repertoire umfaßte die populären Hits des Tages, das, was man heute als Jazzstandards bezeichnen würde, gespielt im Swingidiom der Zeit. Bis in die sechziger Jahre hinein fand richtiger Jazz am meisten Zuspruch in den EM Clubs (für einfache Soldaten). In den Offiziersclubs wollte das Publikum lieber biedere Balladen hören. Die "special services agencies" versorgten die größeren Bands mit "stock arrangements", also gedruckten Arrangements - von kitschigen Nummern bis zu Stücken von Duke Ellington oder Stan Kenton.

Die Musiker in den amerikanischen Armeekapellen wurden für den Dienst in den Clubs zur Abendunterhaltung eher selten eingesetzt. Die "special services agencies" hielten "auditions" ab, Vorspiele, um deutsche Musiker zu engagieren, und sie organisierten die Verteilung dieser Musiker auf die verschiedenen Clubs der Region. Der große Bedarf an Musikern sorgte für eine straffe Organisation durch die Agentur. Musiker kamen nicht nur aus dem Rhein-Main-Gebiet, sondern aus ganz Deutschland, selbst aus anderen Ländern, weil sie in der Rhein-Main-Neckar-Region ihren Lebensunterhalt damit verdienen konnten, Jazz zu spielen. Horst Lippmann berichtet 1946 in den "Jazz Club News", einem hektographierten monatlichen Informationsblättchen: "In Frankfurt schießen die kleinen und großen Orchester dank der überaus zahlreichen amerikanischen Clubs aus dem Boden." Im Juni 1946 fragt er gar: "Wird Frankfurt die Hochburg des Jazz in Deutschland?"

Auswärtige Musiker in Frankfurt wurden in einem Special Services Hotel untergebracht, einem ehemaligen privaten Apartmenthaus nahe dem Südbahnhof. Dieses "Musikerheim" schloß um ein Uhr morgens die Pforten. Hier lebten Musiker wie die Sängerin Caterina Valente, der Pianist Paul Kuhn, der Trompeter Ack van Rooyen und andere. Die Agentur sorgte für den Transfer in die Clubs und die Rückkehr ins Hotel. 1946 organisierte Olaf Hudtwalker außerdem eine Bühnenshow mit Musikern wie dem Pianisten Günter Boas, dem Schlagzeuger Ata Berk und der schwarzen Sängerin Dolly Anany, die vor allem in den schwarzen amerikanischen Clubs der Gegend auftraten.

Für keinen der deutschen Musiker waren die GI-Club-Engagements die einzige Einnahmequelle, für viele aber waren sie wichtig, weil sie hier eine Professionalität an den Tag legen mußten, die ihnen die amerikanische Musik näher brachte, als das ihre deutschen Erfahrungen je hätten tun können. Albert Mangelsdorff berichtet, daß viele dieser Jobs für deutsche Musiker in den frühen fünfziger Jahren rar wurden. Ein Grund war die zunehmende Integration schwarzer Soldaten, die dazu führte, daß mehr und mehr Clubs nun von Weißen geleitet und frequentiert wurden, deren Musikgeschmack mehr kommerzieller Pop-Musik zuneigte. Hans Kollers Band, in der Mangelsdorff damals spielte, fand eine Lösung, indem sie eine attraktive Sängerin engagierte, die den kommerziellen Part übernahm und so Platz für das Jazz-Programm der Band ließ.

Mehr und mehr wurde in den fünfziger Jahren die deutsche Jazzszene mit ihren Clubs und Tourneen zum Ort, wo der Jazz wirklich stattfand. Bald war das Engagement im GI-Club vor allem eine Bewährungsprobe für junge Musiker, die hier die Musik der Amerikaner so zu spielen versuchten, daß sie auch von diesen ernst genommen wurde. Bis weit in die siebziger Jahre hinein fanden deutsche Musiker immer noch regelmäßig Jobs in den "barracks", in den GI-Clubs oder in Clubs neben den amerikanischen Kasernen. Sie spielten Jazz, später Rock oder Soul. Die GI-Clubs waren wie eine Schule, in der man nachweisen mußte, daß man die Sprache des authentischen Jazz beherrschte, bevor man als Jazzmusiker ernst genommen werden konnte.

Der Autor ist Leiter des Darmstädter Jazz-Instituts.



 
Designer ABC
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche