Orkan „Kyrill“

Die lange Nacht der Deutschen Bahn

Von Florentine Fritzen, Alfons Kaiser, Tilmann Lahme und Kerstin Schwenn, Frankfurt, Basel und Berlin

19. Januar 2007 Da sitzen sie nun an Gleis 8. Eine Schicksalsgemeinschaft ohne Schicksal. Im Zug von Leipzig waren sie zufällig beieinander. Als sie gegen 19 Uhr am Frankfurter Hauptbahnhof ausstiegen, fuhren ihre Züge nicht mehr, nicht nach Köln, nicht nach Straßburg, nicht nach Freiburg. Da standen sie, haben über ihre nahe Zukunft geredet, haben sich an Gleis 8 niedergelassen, haben Orangensaft getrunken von der Bahn und Tee von der Bahnhofsmission und Bier, das sie sich selbst gekauft haben. Insgesamt fünf Flaschen Beck's. Schon leer und noch wertvoll. Ein Obdachloser nutzt die Gunst des Sturms, der dem Bahnhof Betrieb beschert, als wäre es nicht bald Mitternacht, sondern Mittag: „Kann ich die Flaschen haben?“

Sie sehen nicht einmal unglücklich aus, Franziska Oerding, Student, dicker weißer Schal, schwarze Lederjacke, Puma-Tasche, Converse-Schuhe, die nach Freiburg wollte. Felix Zimmermann, Student, Sneaker, Strickmütze, Ringelsocken, der nach Straßburg will, und Timo von Wirth, Doktorand und Unternehmensberater, Mütze, Business-Schuhe, das Gesicht in die Hand gestützt. Unentschlossen ragt die „Zeit“ aus seiner Umhängetasche. Er wollte eigentlich nach Köln. Nein, sie machen niemanden verantwortlich dafür, daß sie hier sitzen, es ist ja auch nicht so schlimm, zehn Grad, nette Gesellschaft. Nein, sie sind nicht wütend, „weil man weiß“, sagt Franziska Oerding, „daß es ausnahmsweise nicht die Schuld der Bahn ist“.

Männer mit roten Leibchen

Viele Leute laufen vorbei zu den beiden Übernachtungs-ICE. Die Männer vom Sicherheitsdienst der Bahn haben jetzt rote Leibchen mit der Aufschrift „Service“ umgebunden. Für „Service“ wirken sie aber sehr groß und sehr stark. Der eine hält ein Megaphon in der Hand. Auf dem Bahnhof hat er ausgerufen, daß jetzt Übernachtungsplätze in den ICE zur Verfügung stehen, bis ihn die Lautsprecherdurchsage mit der gleichen Aussage übertönte. Jetzt ist der Mann vom „Service“ doch wieder für die Sicherheit da: Er wacht darüber, daß nicht die falschen Leute in den ICE steigen, die Obdachlosen. „Wir bleiben die ganze Nacht. Da war ein Anruf aus Berlin. Zwölf-Stunden-Schicht.“ In den Zügen, die jeweils 500 Plätze haben, ist jeder zweite Platz besetzt. Die Passagiere der Nacht sitzen da, als führen die Züge in zwei Minuten los. Aber sie bleiben einfach stehen.

Daei hatte der Tag so schön begonnen. Beim Neujahrsempfang der Deutschen Bahn AG erinnert Bahn-Chef Hartmut Mehdorn angesichts der milden Temperaturen fast wehmütig an den Frostwinter vor genau einem Jahr. Die Windwarnungen des Wetterdienstes sieht er noch recht gelassen. Die Bahnführung hat wegen des Orkantiefs „Kyrill“ vorsichtshalber angeordnet, die Geschwindigkeiten aller Nah- und Fernverkehrszüge zu drosseln. Am Abend will Mehrdorn gesellig mit Journalisten zusammensitzen. Da kommt er dann schon aus dem Krisenzentrum herbeigeeilt. Vorsorglich hat sich die Bahnführung am späten Nachmittag entschieden, den Verkehr ganz einzustellen und sämtliche Personen- und Güterzüge in die Bahnhöfe rollen zu lassen. Ein Intercity mit etwa 180 Passagieren steckt da in der Nähe von Osnabrück schon fest - aufgehalten auf freier Strecke von einem umgestürzten Baum. „Das hatten wir noch nie“, sagt Mehdorn über den Totalstillstand, selbst überrascht. Dann entschwindet er in das Krisenzentrum. Die vorbereiteten Reden über das erfolgreiche Geschäftsjahr 2006 bleiben ungehalten, die fein gedeckten Tische unbesetzt. Die Gedanken der Eisenbahner kreisen um Hotel- und Taxigutscheine, Tee und Decken, Bunker und Notunterkünfte.

Zwei Männer geben Auskunft

Schon am späten Nachmittag war die lange Nacht zu erahnen. Um 18 Uhr an Gleis 8 in Frankfurt: Der „mobile Service“ sieht aus wie ein Würstchenwagen mit Laptop. Zwei Männer geben Auskunft. Ja, der Zug fahre, ob man bis Hamburg komme, sei ungewiss, ab Hannover werde es schwierig. Bis Göttingen gehe es auf jeden Fall. „Nach momentanem Stand.“ Der Zug hat 15 Minuten Verspätung. Abfahrt 18.15 Uhr. Fünf Minuten später die Durchsage, Entschuldigung wegen der Verspätung, Verringerung der Fahrtgeschwindigkeit auf 50 Kilometer in der Stunde, alle weiteren Informationen später. Im Speisewagen ist das Bier aus. 19.37 Uhr eine Ansage, der Zug halte in Fulda, werde wegen des Sturms nicht weiterfahren, Freigetränke im Bistro, ein Schwabe schimpft ins Handy. 20.39 Uhr Fulda, ans Ziel Göttingen ist nicht mehr zu denken, zurück nach Frankfurt also, auf zu Gleis 3, dort nur nervöses Lachen unter den Wartenden, keine Informationen von der Bahn, aber im Bordbistro gibt es Bier, der Zug fährt wirklich, aber langsam, er müsse nach Sicht fahren, sagt die Ansage, wegen der Äste auf den Gleisen. 22.27 Uhr: Außerplanmäßig - gibt es noch Pläne? - halte man in Hanau. 22.57 Ansage, der Zug ende in Frankfurt, dies sei der vielleicht letzte fahrende Zug in Deutschland. „We ssänk you for trrravelling with Deutsche Bahn and say Goodbye.“ 23.23 Uhr Hauptbahnhof.

Und da stehen sie nun. Zwei Araber, die all das, was sie noch schlechter verstanden als die anderen, mit orientalischer Gemütsruhe ertragen, wollen ins Hotel, „we know a good one“. Am Service-Schalter gibt es Hotelgutscheine. Aber die Hotels sind wegen der Messen weitgehend ausgebucht. Am Service-Schalter gibt es Taxi-Gutscheine für bis zu 80 Euro. Gruppen werden gebildet, Richtung Fulda, Richtung Wiesbaden, Richtung Hanau. Einige sitzen auf den Bänken, die Feuerwehr und Johanniter aufgebaut haben. Es gibt Suppe und Wurst und Brot. Feuerwehrchef Reinhard Ries bietet gleich auch den Fotografen etwas an, die verzweifelt nach Motiven suchen für Aufregung oder Verzweiflung. Es laufe alles hervorragend, die Bahn bewältige das gut, und in wenigen Stunden werde alles vorbei sein, meint Ries. Es ist, als hätte der Bahnhof all die Menschen in langsamen Bewegungen verdaut.

Skat spielen und Würstchen essen

Die anderen, die er nicht hinausbefördert hat aus dem Bauch der Stadt, spielen Skat, essen Würstchen, unterhalten sich - oder sitzen an Gleis 8 und wundern sich über die Zeitläufte. „Vor zwei Tagen habe ich noch in Zürich in einem Nobelhotel logiert“, meint Timo von Wirth. „Und heute frage ich bei der Bahnhofsmission um eine Übernachtungsmöglichkeit an.“ Franziska Oerding hat schon zu Hause angerufen, dort im Internet nach einer Mitfahrgelegenheit suchen lassen, einen Fahrer gefunden, der von Paderborn nach Freiburg will und extra einen Umweg macht über den Frankfurter Hauptbahnhof, so gegen ein Uhr soll er kommen. Felix Zimmermann könnte auch mitfahren, bis Offenburg wenigstens oder sogar bis nach Kehl, von dort könnte er nach Straßburg laufen.

Die drei von Gleis 8 sehen aus wie etwas müde, aber gutgelaunte Fußballfans vor einem halben Jahr. Plötzlich sind alle Menschen so freundlich. Das bißchen Schicksal, das übrigbleibt, organisieren die drei schon weg. Aber was ist mit denen, die das nicht können? Mit dem 85 Jahre alten Mann aus Köln? Er war morgens nach Dresden gefahren, hatte sich zwei Stunden die Stadt angesehen, wollte abends zurück nach Köln, ein Vielfahrer vielleicht, ein Bahnfreak, vielleicht ein Jahreskartenbesitzer. Von seiner Reise erzählte er noch seinen drei Mitfahrern. „Einmal habe ich ihn noch gesehen, wie er hier herumlief“, meint Felix Zimmermann. Jetzt ist er nicht mehr da. Die drei vertrauen auf die gute Organisation der Bahn.

Blauer Caddy mit Thermoskannen

Und auf das große Herz von Beate Ellger. Aus dem blauen Caddy holt sie Thermoskannen und gießt Tee aus. Dann reißt sie die Lasche ihrer Brusttasche aus, und da fliegen schon die Luftballons heraus: „Für die Kinder.“ Kinder sind nicht zu sehen, aber darauf kommt es wohl nicht an. Normalerweise arbeitet sie fünf mal fünf Stunden die Woche für die Bahnhofsmission, bekommt pro Stunde 1,50 Euro, ein kleines Zuverdienst zu Hartz IV. Heute wird sie länger arbeiten. „Ich habe im Radio gehört, was los ist, und bin sofort los. Ich konnte nicht mehr zu Hause bleiben.“ Mit dem Bus ist sie von Sossenheim reingefahren und läuft seitdem mit ihrem Caddy durch den Bahnhof. Die drei von Gleis 8 trinken schon den Tee aus der blauen Thermoskanne - da zaubert sie noch Zucker und Süßstoff aus der Seitentasche hervor.

Viel Platz kann sie nicht anbieten in der Bahnhofsmission. Die drei Pritschen und die Matten sind vor allem für Frauen reserviert. „Wir sind ja nicht im Krieg“, meint Beate Ellger, 53 Jahre alt, rötlich gefärbte Haare, arbeitslos, einmal geschieden, einmal verwitwet. „Das Motto ist: Helfen, wie man helfen kann.“ Allzu viel ist aber nach Mitternacht nicht zu tun. „Die meisten Menschen hier haben Geld“, meint sie. „Die gehen ins Hotel und sind verschwunden.“ Wenn die Hotels nicht belegt sind.

Tausende Geschichten von Quartiersuch

Es gibt an diesem Abend Tausende Geschichten von Quartiersuche und Heimfahrtversuchen. Im ICE 500 zum Beispiel von Basel nach Dortmund. Start um 19.12 Uhr. Schon sechs Minuten später ist Schluss, im Grenzort Basel Bad. „Gut, dass man überall Leute kennt“, sagt ein Hesse, greift zum Mobiltelefon, nach zwei Minuten hat er sein Nachquartier, steigt aus und geht von dannen. Der Lautsprecher spricht von einem Regionalexpress nach Freiburg um 19.48 Uhr, aber auch der fährt nicht lang: Zugverkehr eingestellt. Der Zugführer stellt sein Handy zur Verfügung. Eine Frau will zurück ins Büro und dort schlafen. Eine dritte meint fachmännisch, das Auge des Sturms werde „in dieser Gegend zwischen 22 und 24 Uhr erwartet“. Ein Mann will, daß der Zug weiterfährt. Der Zugführer will aber nicht, wegen der Anweisungen. An der DB-Information stellt ein Angestellter Bescheinigungen über Zugausfall aus. Die fachmännische Frau wird „Regress fordern“.

Im Pulk steht plötzlich ein Zweimetermann in einer Liechtensteiner Feuerwehruniform. „Ich habe im Auto noch zwei Plätze nach Frankfurt frei.“ Mehrere schießen auf ihn zu und klammern sich an ihn. „Frankfurt? Super!“ Am Steuer des Mietwagens also der Mann von der Freiwilligen Feuerwehr. Er hat das Auto am Baseler Flughafen besorgt, um noch in dieser Nacht nach Limburg zu kommen. Dort muss er einen Einsatzwagen von der Reparatur abholen. Auf dem Beifahrersitz schläft sein Kollege. Hinten unterhält sich ein ägyptischer Architekt mit einem italienischen Psychologen, Fachgebiet Familientherapie. Sturm „Kyrill“ zerrt am Auto. Der Feuerwehrmann fährt 170 und erzählt Geschichten aus Liechtenstein. Von Fürst Hans Adam II. Von der Stahlindustrie. Von den kurzen Wegen. Um halb zwölf hält er in Frankfurt.

Orkanböen am neuen Berliner Hauptbahnhof

In Berlin ist es da schon passiert. Um kurz vor 23 Uhr reißen die Orkanböen am neuen Berliner Hauptbahnhof einen zwölf Meter langen Zwei-Tonnen Stahlträger aus der seitlichen Glasfassade heraus. Aus gut vierzig Metern Höhe prallt er auf eine große Freitreppe, auf der sich zum Glück niemand befindet. Der Hauptbahnhof wird evakuiert. Ein zweiter Träger hatte sich schon gelöst und in einen anderen verkeilt. Der Bahnhof bleibt bis zum Freitagmittag vollständig gesperrt. Mehdorn will prüfen lassen, wie es dazu kommen konnte. Die Grünen weisen schnell die Schuld zu: Die Orkanschäden belegten das Versagen des Bauherrn Deutsche Bahn und der Bauüberwachung, meint Grünen-Baupolitiker Peter Hettlich. Mehdorn habe offensichtlich den anspruchsvollen Architektenentwurf für den Hauptbahnhof auch aus Kostengründen „zurechtgeschustert“. Mehdorn gehe Schnelligkeit vor Sorgfalt, Prestige vor Sicherheit. Wieder wird Mehdorn angegriffen wegen der architektonischen Gestaltung des eine Milliarde Euro teuren Bahnhofs - das doch vom Architektenbüro Meinhard von Gerkan geplant wurde.

Alles wie immer also am Freitag. Der Bahnverkehr beginnt sich zu normalisieren. In aller Frühe unternimmt die Bahn Erkundungsfahrten. Zuerst wird der Nahverkehr am Morgen aufgenommen, wenn auch mit verminderter Geschwindigkeit. Die S-Bahnen in Hamburg, München und Berlin laufen. Auch im Fernverkehr fahren am Vormittag schon wieder Züge, Köln-Frankfurt, Hamburg-Berlin, München-Stuttgart, Frankfurt-Karlsruhe-Basel, Köln-Aachen-Brüssel, Hamburg-Hannover. Abseits der Magistralen - vor allem in Nordrhein-Westfalen und in Norddeutschland - werden aber auch andauernde Sperrungen vermeldet. „Bis alles wieder nach Fahrplan läuft, wird es noch den Tag über dauern“, sagt ein Bahnsprecher. „Es sind alle Zugumläufe gestört, kein Zug stand heute morgen da, wo er eigentlich sein sollte.“ Zum Teil werde erst in einigen Tagen freie Fahrt möglich sein. Beziffern will die Bahn die materiellen Schäden am Freitag noch nicht. Die lange Nacht der Bahn ist längst noch nicht vorüber.

Die drei von Gleis 8

Zu Mitternacht sind in Frankfurt noch Hunderte am Bahnhof. Die drei von Gleis 8 haben endlich von den Taxigutscheinen erfahren, nicht per Lautsprecher, sondern per Zufall. Franziska Oerding hat schnell drei weitere Freiburger zusammen, Felix Zimmermann kommt auch mit in den Wagen und wird in Kehl abgesetzt, nach Frankreich will der Fahrer ihn nicht bringen. Die Mitfahrgelegenheit sagt Franziska Oerding telefonisch ab, und um drei Uhr ist sie bei ihrem Freund in Freiburg. Timo von Wirth findet mit ein paar anderen ein Großraumtaxi Richtung Köln - per Zufall war der Fahrer schon mit Gestrandeten der Gegenrichtung aus Köln gekommen. Für ihn hat sich die Nacht gelohnt. Allein mit dieser stürmischen Fahrt über die fast autofreie Autobahn 3 bekommt er 480 Euro über die Taxi-Gutscheine. Einer ist dabei, der von der Bundeswehr in Idar-Oberstein kommt, nach Köln will und dort dann Anschluß nach Aachen sucht, einer will noch nach Erftstadt, einer verspricht seiner Freundin in Düsseldorf am Handy, er werde zur Not mit dem Fahrrad, das er dabeihat, zu ihr kommen.

Felix von Wirth also, Innovationsmanager in einer Unternehmensberatung, läuft zu Gleis 8, holt sein Gepäck, rückt seine Mütze zurecht, zieht seinen Rollkoffer hinterdrein in Richtung Taxi. Die „Zeit“ hat er nicht angerührt an diesem langen Abend. Noch immer unentschlossen ragt sie aus der Leinentasche. Die Wasserflasche mit dem rosafarbenen Etikett in seiner Hand wackelt durch die Düsternis. Unter der Anzeigentafel bleiben Hunderte zurück. Ein zynischer Witz zaubert hinter die Verbindungen ein Display-Laufband: „Verspätung ca 190 M“ - „Delay approx. 20 min.“ Dabei wird es bis zum Morgen dauern. Die Rufe unter diesem klappernden Gruß der Hilflosigkeit dringen hoch in die Halle, bis hinauf zu den Tauben: Limburg! Montabaur! Darmstadt! Offenbach! Die Nacht wird die Rufe erhören.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

 

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