Knut des Tages

Der Bär des Jahres

Von Dieter Hoß

Unvergessen: Bruno, der Bär

Unvergessen: Bruno, der Bär

26. Juni 2007 Man muss zugeben, was man nicht gerne zugeben mag: Waldemar Hartmann hatte Recht! Da Bruno getötet wurde, habe Deutschland auch den Titel des Fußballweltmeisters verspielt. Das war eine schwerwiegende Aussage im vergangenen Jahr, dem Jahr des Sommermärchens. Natürlich wollte niemand außer dem einstigen Spielfeldrandinterviewer des Bayerischen Rundfunks diesen Zusammenhang erkennen - bis das deutsche Team im Halbfinale an Italien scheiterte; jenem Land, aus dem der erste Braunbär auf deutschem Boden seit ungezählten Jahren eingewandert war.

Deutschland hat die Hatz auf „JJ1“, so der wahre Name des Erstgeborenen von Mutter Jurka und Vater José, also seinerzeit teuer bezahlt. Allerdings längst nicht teuer genug für jene Tierfreunde, die am ersten Todestag des einstigen „Problem-Bären“ in halbseitigen Zeitungsanzeigen an den Erschossen erinnerten. „Heimtückisch“ sei er am 26. Juni 2006 „um sein Leben gebracht worden“, heißt es dort. Bruno sei ein Opfer „politischer Unfähigkeit und Arroganz“ geworden. Ein Vertriebener, der bei seiner ungeplanten Rückkehr in sein einstiges Heimatland mit Verfolgung, Schüssen und schließlich dem Tod empfangen wurde. Während Bruno durch den Abschuss nach wochenlangen Versuchen, ihn einzufangen, unsterblich wurde, hatte sich der Staat unsterblich blamiert - bis hin zu diplomatischen Verwicklungen. Die Regierung in Rom forderte zeitweise den Kadaver Brunos zurück, da dieser Eigentum eines italienischen Bärenzucht-Projektes sei. Bruno blieb, die Weltmeisterschaft ging nach Italien.

Freiheitskämpfer im Bärenpelz

Wer sich in diesem Frühjahr einfach über die Knuffigkeit des kleinen Knut freute, der kann sich kaum vorstellen, was mit dem ausgewachsenen Bruno seinerzeit verbunden wurde: Solidaritäts-T-Shirts wurden entworfen - Aufdruck: „JJ Guevara“ oder „Mich kriegt ihr nie“. Mehr noch: „Er war der Mahatma Gandhi der bayerischen Wälder. Ein Bär, der höchstens für ein Schafsherz vom Weg der vegetarischen Tugend abkam“, schrieben Brunos Anhänger nach seinem Tod auf Internet-Seiten. „Er wurde zum Symbol der Freiheit, zum letzten Einzelkämpfer, der durch die engen Maschen unseres Staates schlüpfen konnte.“ Während der Bär Bewunderung all jener erntete, in deren Vorgarten er nicht auftauchte, kostete die Bärenhatz Bayerns Umweltminister Schnappauf fast das Amt - und angesichts einiger Morddrohungen sogar fast das Leben. Unvergessen. Unglaublich.

Den Freunden des pelzigen Freiheitskämpfers bleibt längst nur noch, im Internet Brunos Rache zu spielen - in der Hoffnung auf virtuelle Genugtuung. Der Bärenkadaver lagert inzwischen in einer geheimen Kühlkammer. Er soll präpariert und ins Museum kommen. Allerdings: „Er soll kein Schaustück werden“, sagt Roland Eichhorn, ein Sprecher des Umweltministeriums. Das klingt ein bisschen nach schlechtem Gewissen.

Befreiung durch Knut

Gut, dass dann irgendwann Knut geboren wurde. Der war von Anfang an ein Schaustück, machte sich nicht über Bienenkörbe in Nachbars Garten her, musste nicht durch die Landschaft getrieben und konnte von Anfang an geliebt werden. Wir wissen noch nicht, was es im kommenden Jahr über den dann einjährigen Knut zu sagen gibt. Aber es spricht alles dafür, dass er dann zwar deutlich weniger knuffig ist, aber voraussichtlich trotzdem nicht erschossen wird. Somit werden „wir“ bestimmt auch Euromeister, oder Herr Hartmann?.

Doch Vorsicht: Brunos jüngere Geschwister sind inzwischen herangewachsen. „JJ3“, „JJ4“ und „JJ5“ haben damit begonnen, auf Wanderschaft zu gehen.

Knut - es kann nicht nur einen geben! Auch andere Tiermütter haben knuddelige Babys. Ebenso verdient Menschliches abseits der großen Geschehnisse manchmal unsere Aufmerksamkeit. Nicht nur Ereignisse wie ein Besuch im Berliner Zoo können ans Herz gehen. FAZ.NET wird daher in loser Folge so lange den „Knut des Tages“ ausrufen, bis der kleine Eisbär erwachsen geworden ist. Dann - und nur dann - könnte er sogar selbst zum Knut des Tages werden.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, FAZ.NET, picture-alliance/ dpa

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