Von Karin Truscheit
30. Januar 2008 Americo V.-S. beginnt seine Biographie bei der Eroberung Südamerikas durch die Spanier. Den Zeitraum gute 500 Jahre später, für den sich die Staatsanwaltschaft besonders interessiert, möchte der Mann aus Uruguay zunächst nicht erörtern. Dafür schildert er nach historischem Exkurs eine wunderbare Kindheit in den fünfziger Jahren in Montevideo, eingebettet in einen spanisch-italienischen Familienclan mit aristokratischen Wurzeln und handwerklichem Talent.
Es ist dieses Händchen für die Metallbe- und -verarbeitung, das ihn von Montevideo bis nach Wiesbaden gebracht hat. Angeklagt ist der 63 Jahre alte Mann seit Montag vor dem Wiesbadener Landgericht wegen Mordes und drei Mordversuchen. Er soll bei einem seiner rund 500 Einbrüche in Deutschland und Österreich einen Hauseigentümer mit einem aufgesetzten Schuss getötet haben. Bei anderen Einbrüchen, die ihm zur Last gelegt werden, soll er zweimal auf die Bewohner geschossen haben, als diese ihn nachts im Haus bemerkten.
Ein mutmaßlicher Mörder, der Menschen liebt
Als Sozialist bezeichnet sich Americo V.-S., als einer, der trotz Wohlstands und adeliger Herkunft die Menschen liebt und immer gegeben hat. Er habe immer geteilt und schon im Alter von neun Jahren in Montevideo einen Literaturpreis für sein Werk mit dem Titel Das Herz der Freunde der Welt gewonnen. So habe er auch seine sechs Kinder erzogen, zu guten Menschen, die so werden sollten wie er.
Na, das will ich nicht hoffen, rutscht es da dem Vorsitzenden Richter heraus und Americo V.-S. schaut etwas pikiert über seine silberne Brille zum Richter auf, als sehe er partout nicht, was der Richter damit gemeint haben könnte. Der beeilt sich auf die beiden Staatsanwältinnen zu verweisen, die sich abwechseln mussten, um mehr als eine Stunde lang die seitenlange Anklageschrift vorzutragen. In Hessen soll er allein 200 Einbrüche verübt haben.
Simple Taktik: offenes Fenster
Das Tätigkeitsgebiet von Americo V.-S. in Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Hofheim, Hochheim, Bad Homburg, Darmstadt, Bonn oder Hamburg umfasste demnach bevorzugt Lagen, wo die Straßennamen wenig Verkehr und die Häusergröße viel Geld suggerieren: Ameisenweg, Wespenweg, Glühwürmchenweg, Eichenwaldstraße, Laubenheimerweg, Richard-Strauß-Straße.
Das Vorgehen, das dem Angeklagten während der Fahndung den Namen Fensterbohrer einbrachte, war nach Ansicht der Staatsanwaltschaft fast immer das gleiche: Des Nachts suchte er sich die Terrassentür oder das Kellerfenster des Hauses, bohrte zwei, drei Löcher in den Holzrahmen und führte dann einen unbekannten Gegenstand durch die Öffnung, um so den Griff von innen zu betätigen. Was das für ein Gegenstand ist, konnte bis heute nicht genau geklärt werden.
Ob Bewohner anwesend waren, störte ihn nicht
Manchmal ritzte er auch mit einem Glasschneider ein kleines Viereck in Fenster- und Türscheiben, erhitzte diese und brach das markierte Stück dann heraus. So hatte er eine Möglichkeit, bequem an den Griff zu gelangen. Mitunter tat es auch ein Ziegelstein, um an den Fenstergriff zu gelangen. Oft bog er auch Gitterstäbe an den Kellerfenstern auseinander oder durchtrennte die Kabel der Bewegungsmelder. Dabei schreckten ihn weder Alarmanlagen, Warnungen vor dem Hunde, noch die Tatsache, dass nachts die Bewohner meist anwesend sind.
Americo V.-S. ist das alles zu banal. Er möchte sich erst mit seinem Pflichtverteidiger beraten, und dann zu den Vorwürfen später, vielleicht, Stellung nehmen. Der nur etwa 1,60 Meter große Mann, der mit seinem halblangen silbergrauen Haar und der Brille aussieht wie Richard Gere in klein und rustikal, wird in Handschellen und Fußfesseln in den Gerichtssaal geführt. Zunächst entbietet er der Richterbank höflich seinen Respekt, bevor er von seiner südamerikanischen Fußballkarriere und Foltererlebnissen als politischer Häftling in Uruguay berichtet.
Wahrheit gesucht, Gedächtnis lückenhaft
1944 in Montevideo geboren, bricht er mit 16 für den Fußball die Schule ab, gewinnt angeblich mit 17 Jahren 250.000 Dollar in einer Lotterie, heiratet mit 18 und beginnt mit 22 eine Journalisten-Ausbildung, da er die Wahrheit sucht. Nach dem Militärputsch in Uruguay wird er 1973 inhaftiert, darf 1979 nach Italien ausreisen. Frau und Kinder holt er nach. Es folgen Jahre in Rom und Genua, nur unterbrochen von kurzen Spanien-Aufenthalten.
Wovon haben Sie sich und ihre Familie denn ernährt in all den Jahren?, fragt der Richter. Ich kannte alle Fußballspieler Lateinamerikas. - Das tun viele, damit kann man kein Geld verdienen. Auch jede weitere Frage nach Art und Höhe seiner Einkünfte verweigert er. Fußballtrainer und technischer Leiter für seinen Sohn, ein Ausnahmetalent, sei er gewesen, lässt er über seine Dolmetscherin antworten. In einer großen Familie helfe schließlich jeder jedem. Das müsse genügen. Auch habe er immer wieder Geld an die Armen gegeben. Außerdem könne er sich seit seinem Unfall 1994 an manche Dinge nicht genau erinnern.
Selbst zweimal überfallen worden
Erinnern kann er sich daran, dass er 1999 zweimal überfallen und beraubt wurde, das Geld habe er eigentlich an Bedürftige verteilen wollen. Im selben Jahr kommt er auch nach Deutschland, kurz darauf beginnt hier die Einbruchserie, die erst 2007 mit seiner Festnahme endet. Viel Bargeld hat Americo V.-S. bei seinen Einbrüchen nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht gestohlen.
Mitgenommen hat er indes alles, was irgendwie einen Wert vermittelte: Drehbleistifte, Brillenputztücher aus Seide, einen Pelzmantel, Montblanc-Kugelschreiber, Uhren, Handys, Kameras, ein Modellauto, ein Straußenlederportemonnaie, Besteck, Nagelnecessaires, Sonderprägung-Münzen, Zigaretten, Zigarren, einen Humidor, Ringe, Armbänder, Morgenmäntel, ein Damenfahrrad.
Ehepaar von Schüssen nur knapp verfehlt
Sogar zwei verpackte Weihnachtsgeschenke stahl er, eins enthielt ein Glas Honig, das andere eine Schachtel Pralinen. Oft musste er unverrichteter Dinge die Häuser wieder verlassen. Wenn er etwa über den Keller eingedrungen war und eine verschlossene Brandschutztür ihn am Zugang zu den oberen Etagen hinderte. Manchmal floh er auch, wenn er einen Alarm auslöste. Oft verübte er mehrere Einbrüche in einer Nacht, meist in derselben Straße.
In Hamburg verfolgte ihn ein 39 Jahre alter Hauseigentümer als er das Haus schon verlassen hatte. Diesen Mann erschoss er - so sieht es die Staatsanwaltschaft - mit einem aufgesetzten Schuss. In Mainz schoss er, als er schon auf dem Weg nach draußen war, in das dunkle Wohnzimmer, weil das Ehepaar von den Geräuschen wach geworden und die Treppe heruntergekommen war. Nur um wenige Zentimeter verfehlte er sein Ziel.
Auf frischer Tat ertappt
Da Americo V.-S. die Angewohnheit hatte, bei seinen Einbrüchen zu essen und zu trinken und die Reste zurückzulassen, liegen offenbar DNA-Spuren von den Tatorten vor, die ihm zuzuordnen sind. Gefasst wurde er schließlich nach langen polizeilichen Ermittlungen auf frischer Tat im feinen Wiesbadener Viertel Sonnenberg: In der Nacht zum 1. Juni 2007 lagen Polizeibeamte auf der Lauer und konnten ihn stellen. Im Rucksack fand man professionelles Einbruchswerkzeug.
Ein Rätsel blieb seine Verhaftung zunächst, weil der vor Gericht so mitteilsame Americo V.-S. zunächst keine Angaben über seine Identität machte. Erst ein in Rom gespeicherter Fingerabdruck brachte Klarheit.
Der Angeklagte berichtet am Montag auch darüber, dass er in seinem Leben nie mit Kriminellen zu tun hatte. Man sah mich immer in der Nähe von Ärzten, Richtern, Philosophen oder Arbeitern. Jetzt, in der Haftanstalt, gehe es ihm extrem schlecht. Ich bin hier unter Leuten, die Drogen verkauft oder Völkermord begangen haben. Das mag ein Grund sein, warum sein Pflichtverteidiger anfragen lässt, ob man seinen Mandanten nicht bitte in eine Einzelzelle verlegen möge.
Text: F.A.Z.