Nanga Parbat

Rettung in dünner Luft

Von Bernd Steinle, Alfons Kaiser und Michaela Seiser

24. Juli 2008 Es war keine Mission von Anfängern. Simon Kehrer und Walter Nones sind erfahrene Alpinisten. Kehrer ist 29 Jahre alt und stammt aus St. Vigil/Enneberg in den Dolomiten. Er klettert seit 16 Jahren, schloss 2004 seine Ausbildung als Bergführer ab, bietet Kletterrouten, Skitouren oder Eiskletterkurse an und ist auch im Dienst der Bergrettung aktiv. Nones wurde in Cavalese geboren, auch in den Dolomiten, ist 36 Jahre alt und Bergführer. Er stand 1995 in Nepal auf dem Island Peak (6189 Meter) und dem Lobuche-Ostgipfel (6119 Meter). Er bewältigte die höchsten Berge Nord- und Südamerikas, den Mount McKinley (6194 Meter) und den Aconcagua (6982 Meter). Vor vier Jahren gelang Nones über den Abruzzengrat der Aufstieg zum K 2 (8611 Meter), dem zweithöchsten Berg der Welt. Der Nanga Parbat sollte nun sein zweiter Achttausender werden.

Beide kannten Karl Unterkircher seit langem. 2006 waren sie bei Unterkirchers Expedition zum Genyen (6204 Meter) in der chinesischen Provinz Sichuan dabei. Der Bergsteigergruppe gelang damals die vermutlich erste Besteigung des Sechstausenders – den höchsten Punkt betraten sie nicht, um die Heiligkeit des Berges zu respektieren. Aus der Expedition ging der Dokumentarfilm „Das Geheimnis des Genyen“ hervor. Und nun dieser Berg, der Nanga Parbat („Nackter Berg“), 8125 Meter hoch, zuerst von Hermann Buhl 1953 bestiegen, nachdem 31 Kletterer die Versuche mit ihrem Leben bezahlt hatten, „Schicksalsberg der Deutschen“, einer der anspruchsvollsten Achttausender, mithin einer der am schwierigsten zu besteigenden Berge überhaupt. Zu dritt stiegen sie hinauf, wagten die Erstbesteigung der Rakhiot-Wand, „dieser verwunschenen, zerklüfteten Eiswand mit den vielen Gletscherspalten“, wie Unterkircher sie nannte. Zu zweit sollten sie wieder herunterkommen. Der 37 Jahre alte Karl Unterkircher, ausgerechnet der erfahrenste unter ihnen, stürzte am Mittwoch vergangener Woche auf dem Weg nach oben in eine Gletscherspalte – und verunglückte tödlich.

Mit Schokolade und Schmelzwasser haben sie sich bei Kräften gehalten

Simon Kehrer und Walter Nones überlebten. Nones rief noch mit nachlassender Batterie seines Satellitentelefons seine Frau an, es gehe ihnen gut, aber sie könnten nicht zurück. Sie mussten weiter nach oben, um aus der Wand zu steigen, kämpften sich auf 7000 Meter hoch. Tagelang harrten die beiden Südtiroler am Berg in 6600 Metern Höhe aus. Ein Zelt schützte sie vor dem Schneetreiben. Bei Kräften hielten sie sich unter anderem mit Schokolade und Schmelzwasser. Die italienischen Organisatoren der Expedition hatten Funkkontakt mit ihnen. Sie seien bei klarem Bewusstsein und verfügten noch über Lebensmittel und Brennstoff, hieß es am Dienstag. Am Mittwoch gab es noch eine kleine Lawine. Am Donnerstag schließlich, endlich, wurde das Wetter besser, die Sonne schien, und es war windstill. Simon Kehrer und Walter Nones verließen am frühen Morgen ihr Zelt, um halb acht Ortszeit sah man sie schon vom Basislager aus. Gegen neun Uhr waren sie auf dem Plateau in 5700 Metern Höhe, auf dem ein Hubschrauber landen kann.

Damit waren sie aber noch nicht in Sicherheit. Schwierigkeiten bei der Hubschrauberrettung ergeben sich vor allem durch die Höhe, die meist auf 6000 Meter begrenzt ist, wie Hans Pletzer erklärt, Einsatzpilot im österreichischen Bundesministerium für Inneres in der Flugeinsatzstelle Klagenfurt. Bis zu dieser Höhe garantiert der Hersteller, dass die Turbine funktioniert. Mit zunehmender Höhe nimmt der Sauerstoffgehalt in der Luft ab – und der Hubschrauber erbringt eine geringere Leistung. Auch ist der Ballast begrenzt, den ein Hubschrauber in dieser Höhe mitnehmen kann. Pletzer sagt, bei den in Österreich gängigen Typen seien es höchstens 1000 Kilogramm in geringer Höhe. Aber schon auf dem Großglockner, dem mit 3800 Meter höchsten Berg Österreichs, wo Pletzer rund 200 Einsätze geflogen ist, sind es nur noch 200 Kilogramm. Am Nanga Parbat also, auf einer Höhe von fast 6000 Metern, können nicht mehrere Bergsteiger gleichzeitig geborgen werden. Denn neben der Höhe spielen auch die Windverhältnisse eine Rolle. Oft sind in dieser Höhe Landungen nicht möglich – und eine schwierigere Seilbergung muss vorgenommen werden. In Europa sind solche Seilbergungen üblich, da das Fluggerät wegen steiler Felsflanken oder Rinnen nicht landen kann.

Bei der Rettung zuerst an den abgestürzten Kameraden gedacht

Nicht nur der Hubschrauber hat mit der dünnen Luft zu kämpfen – auch der Pilot. Während Bergsteiger sich beim Höhenbergsteigen allmählich akklimatisieren, muss sich der Pilot sofort anpassen. Er startet in geringer Höhe, bei vielleicht 2500 Metern, und ist in zehn Minuten auf 6000 Metern. Ohne künstliche Sauerstoffzufuhr gerät er in Gefahr, sich die Höhenkrankheit zuzuziehen. Wahrnehmungsvermögen, Koordinationsvermögen und Reaktionszeit werden beeinträchtigt. Als ein Pilot vor drei Jahren mit dem Ecureuil/AStar AS 350 B 3 auf dem 8848 Meter hohen Gipfel des Mount Everest landete, war das eine Ausnahme: Er kannte das Gebiet und die wechselnden Windgegebenheiten. Und er musste nur mit dem Nötigsten fliegen: Pilot und Maschine. Material und Flugretter sind für solche Flüge noch zu viel Ballast.

Am Donnerstag also musste der Helikopter wegen der großen Höhe an seiner Einsatzgrenze möglichst leicht bleiben. Inzwischen war der Einsatz sogar wieder fraglich, weil Nebelfelder aufzogen. Dann flog der Hubschrauber der pakistanischen Streitkräfte doch. Zunächst nahm er, da wegen des Gewichts nur ein Mann transportiert werden konnte, Kehrer auf, wie ein Behördenmitarbeiter in Pakistan und Vertreter der Himalaja-Expedition in Italien später bestätigten. Sie brachten ihn zum Basislager auf 4400 Metern. 20 Minuten später holte der Pilot Nones in Sicherheit. Vom Basislager flogen die beiden in die Provinzstadt Gilgit, wo sie mindestens einen Tag bleiben und im Militärkrankenhaus untersucht werden sollen. Dann wollen sie in die pakistanische Hauptstadt Islamabad reisen. Die Veranstalter erklärten, beide benötigten keine medizinische Hilfe.

Der italienische Außenminister Franco Frattini dankte den pakistanischen Behörden für ihre Hilfe, der Extrembergsteiger Reinhold Messner lobte die Leistung der beiden Alpinisten, und auch Unterkirchers Ehefrau Silke zeigte sich laut „Repubblica Online“ erleichtert über die Rettung. Kaum jemand dachte jedoch am Donnerstag an den iranischen Bergsteiger Saman Nemati, der nach acht Tagen immer noch am Nanga Parbat festsitzt, wie der Sprecher des iranischen Bergsteigerverbands am Donnerstag berichtete. Kehrer und Nones, so berichteten die Retter, hätten nach der Rettung zuerst an ihren abgestürzten Bergkameraden Karl Unterkircher gedacht. Die beiden hätten eine kleine Gedenkfeier abhalten wollen. Doch das war nicht mehr möglich. So ritzten die beiden Unterkirchers Namen in einen Eisenteller – und ließen ihn bei der Gedenktafel für Hermann Buhl zurück.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

 
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