Die Kuppel

Blick frei auf ein Symbol

Von Reiner Burger

Die Kuppel der Frauenkirche ist endlich zu sehen

Die Kuppel der Frauenkirche ist endlich zu sehen

05. September 2003 Der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche möglichst getreu den Plänen des Ratszimmermeisters George Bähr ist zugleich eine überaus geschickte Inszenierung. Wichtige Etappen des Baus machte die Stiftung Frauenkirche stets zu besonderen Ereignissen: das Auffinden des Hochaltars im Jahr 1993, die Fertigstellung des Kellergewölbes 1996, das unter dem Namen "Unterkirche" bekannt ist, den Einbau eines 95 Tonnen schweren Fragments an seinen ursprünglichen Ort am Treppenturm G im Jahr 2001 und schließlich Ankunft und Weihe der neugegossenen Glocken Anfang Mai dieses Jahres.

Eine der wichtigsten Etappen des ganzen Vorhabens legten die Bauleute schon Ende Juni weitgehend im Verborgenen zurück, denn die steinerne Glocke mußte bis zur Vollendung eingerüstet bleiben. Auch das Richtfest am 1. Juli fand in kleinem Kreis statt. Die bautechnischen Zwänge wirkten freilich wie die spektakulärste aller bisherigen Inszenierungen: Über Wochen hinweg hatten die Bauarbeiter damit zu tun, das Gerüst zu demontieren. Noch im vergangenen Jahr war die Kirche rundherum eingekleidet mit einem Gerüst. Wie bei einem überdimensionalen Adventskalender war von Tag zu Tag mehr zu sehen von der Frauenkirche.

Gerüst für die Laterne bleibbt

Als das Gotteshaus im vergangenen Jahr noch komplett verhüllt war, hatte das Gerüst zwölf je zwei Meter hohe Etagen und wog insgesamt 950 Tonnen. Eine besondere Herausforderung war für die Gerüstbauer das Umkleiden der Kuppel, denn trotz der starken Wölbung mußte das Gerüst als Zwischenlager für Sandstein und Mörtel hohe Gewichtsbelastungen aushalten können. Zu Beginn dieser Woche verzögerte sich an der Westseite des Bauwerks der Abbau der letzten Stangen und Bretter aus technischen Gründen. Doch nun, mehr als 58 Jahre nach ihrer Zerstörung, dominiert die mächtige Sandsteinkuppel wieder das Dresdner Stadtbild. Damit ist auch wieder weithin sichtbar, warum Dresden "Elb-Florenz" genannt wird. Allerdings wird in den kommenden Monaten auf dem oberen Kuppelabschluß in 61,5 Meter Höhe ein Gerüst für den Bau der sogenannten Laterne stehen.

Der archäologische Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche war von Beginn an eine gigantische Herausforderung: Alte Zeichnungen, Unterlagen späterer Reparaturen, Fotos und die aus dem Trümmerkegel geborgenen Steine wurden mit dem Ziel ausgewertet, die Kirche in traditioneller Bauweise als gemauerten Sandsteinbau zu rekonstruieren. Bähr hatte 1734 erstmals seine Idee kundgetan, eine Kuppel aus Stein zu errichten, und stieß damit zunächst auf erhebliche Bedenken. Der Ratszimmermeister konnte sich aber durchsetzen, weil eine Kuppelkonstruktion mit Kupfer teurer geworden wäre als mit dem nicht weit entfernt gewonnenen Sandstein.

Altes Handwerk neu belebt

Für die archäologische Rekonstruktion mußten sich die Bauarbeiter die alten handwerklichen Methoden des Sandsteinmauerwerks erst aneignen. Wie zu George Bährs Zeiten wurde Stein für Stein trocken auf kleine Bleiblättchen versetzt, die Fugen wurden außen mit Werg verschlossen. Erst dann wurde der Hohlraum zwischen den Steinen mit Mörtel vergossen. Ein Thema für sich sei der richtige Umgang mit Mörtel gewesen, erinnert sich Eberhard Burger, Baudirektor der Frauenkirche. Es habe lange gedauert, bis man die richtige Mischung für alle Anforderungen gefunden habe. Allein für die Kuppel habe an der TU Dresden und in Karlsruhe zwei Jahre lang ein eigenes Forschungsprogramm bestanden. "In den Fugen des Kuppelgemäuers brauchen wir zugleich hohe Flankenhaftung und Dehnfähigkeit. Denn auf der Kuppel können große Temperaturunterschiede auftreten, wenn auf ihr im Norden noch Rauhreif liegt und sie im Süden schon von der Sonne aufgeheizt wird." Welch segensreiche Verbindung Tradition und Moderne beim Wiederaufbau der Frauenkirche eingehen, wird am Beispiel der neuen Sandsteine - nur etwa 15 Prozent Außenfläche konnten aus Originalmaterial rekonstruiert werden - deutlich: Statt allseitig mit der Hand behauen sind die aus der Sächsischen Schweiz stammenden Steine heute genau zugesägt. Dadurch sind die Fugen nicht mehr unterschiedlich dick, der ganze Bau wird insgesamt steifer und stabiler, als es das Original sein konnte.

Enorme statische Probleme

Eines der gravierendsten Probleme beim Wiederaufbau der Frauenkirche war damit aber noch nicht gelöst. Allein Hauptkuppel und Laterne haben eine Masse von rund 9000 Tonnen. Hinzu kommen unter anderem Tambour und Innenkuppel - insgesamt muß das Hauptbauwerk 12500 Tonnen tragen. Schon beim Bau der Kirche und verstärkt in den Jahren danach traten gravierende Bauschäden auf. Die Ursache dafür war allerdings nicht das Gewicht der Kuppel, sondern daß es Bähr - anders als geplant - nicht gelungen war, die Last nicht nur über die acht Innenpfeiler, sondern auch über das Außenmauerwerk in die Fundamente abfließen zu lassen. Es entstanden Risse; die acht Pfeiler mußten mehr tragen, als sie konnten, und sie wurden deshalb zwei bis drei Zentimeter in den Untergrund gedrückt.

Eisenringe verhinderten, daß sie platzen. Damit diese Schäden in der möglichst originalgetreu wiederaufgebauten Frauenkirche nicht wieder auftreten, haben Statiker den Lastenfluß mit Hilfe eines gewaltigen stählernen Ringankers im Hauptgesims umgelenkt. Eine gravierende Abweichung vom Vorhaben des archäologischen Wiederaufbaus ist das nicht: Zum einen hatte Bähr die geniale Idee des gezielten Kraftlenkens - er konnte sie mit den technischen Gegebenheiten seiner Zeit jedoch nicht verwirklichen. Zum anderen hält sich der Eingriff in Grenzen.

Höhe bleibt unverändert

Keine Veränderung wird es - wie jüngst in Dresden von manchem befürchtet - an der Höhe des Bauwerks geben. Differenzen zu Messungen der Vorväter erklärt Baudirektor Burger damit, daß der Bezugspunkt für frühere Messungen häufig nicht der Kirchenboden, sondern das Geländeniveau gewesen sei. Zudem wird die Frauenkirche, wenn sie im kommenden Juni ihr hölzernes Laternendach samt Kreuz aufgesetzt bekommt, nicht auch noch eine Turmspitze erhalten. Burger sagt, es habe sich herausgestellt, daß diese rund 1,20 Meter hohe Spitze erst im 19. Jahrhundert aufmontiert worden sei.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05. September 2003
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb

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