Liebesbriefe

Lust und Gram und Herzensseufzer

Von Florentine Fritzen

Die andere Valentinstags-Praline

Die andere Valentinstags-Praline

11. Februar 2006 

Der Liebesbrief heftet sich, das gibt seinem Verfasser Halt, gern an Anlässe. Er beginnt mit Sätzen wie „Lieber Florian, heute ist mein 40. Geburtstag, und ich habe ein bißchen nachgedacht. Über Dich. Über mich. Über meine Beziehung mit Stefan.“ Oft wird er an Feiertagen geschrieben, wenn die Familie satt ins Bett gesunken ist und der oder die Liebste fern. Auch der Valentinstag kommt mitteilungsbedürftigen Verliebten gelegen, konventionellen Geistern genauso wie unkonventionellen, die sich über die Trivialität des Tages hinwegsetzen und ihn geschickt für ihre Zwecke nutzen. Ob ein rosarotes Kärtchen, an einer Packung Nougat-Herzen baumelnd, oder ein mühsam ausgefeiltes Liebestraktat mit einem Strauß aus Artischocken - der 14. Februar ist vielen ein willkommenes Datum, die drei Urworte aufzufrischen oder sie nach langem Zögern doch noch schriftlich auszusprechen: Ich liebe Dich.

Der Liebesbrief aber ist zugleich ein heikles Genre. Er wird entworfen, überarbeitet, verworfen, neu begonnen, eine Weile liegengelassen, verbessert. Viel Füllertinte ist auf diese Weise schon vergebens geflossen, viel gutes Briefpapier direkt vom Block in den Mülleimer gewandert, ohne je in einem Postkasten gelandet zu sein. Und selbst wenn die dritte, siebte oder zehnte Version des Werks tatsächlich abgeschickt werden sollte, ist die Gefahr nicht gebannt. Der Liebesbrief wird mit Herzklopfen überflogen, gründlich durchgelesen, interpretiert, verstaut, manchmal versteckt, wieder gelesen, eine Weile liegengelassen - und oft zerrissen, irgendwann.

„Liebst Du mich noch genauso...?“

Direkte, aber ziemlich unromantische Aufforderung

Direkte, aber ziemlich unromantische Aufforderung

Und dann hat er im vergangenen Jahrzehnt auch noch ernste Konkurrenz bekommen. Wer sich in diesen Tagen vor dem Fest der erotischen Liebe durch das Internet klickt, dem poppen allenthalben vorgefertigte Online-Karten entgegen, die nur noch ausgefüllt und versendet werden wollen. Das digitale Angebot macht vieles einfacher - und manches komplizierter. Wenn die andere Hälfte der eigenen Fernbeziehung nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz im fernen Norden, Süden, Westen, Osten der Republik einen Brief auf seinen trägen Weg gebracht hat, es aber nicht lassen konnte, noch am selben Abend eine E-Mail zu schreiben, erscheint die papierne Botschaft schon veraltet, bevor sie überhaupt angekommen ist.

Vielleicht antwortet die Adressatin, sobald sie den Brief gelesen hat, zunächst einmal per SMS: „Diese Mehrkanaligkeit macht uns so furchtbar digital. Liebst Du mich noch genauso, wie Du es in Deinem Brief geschrieben hast? Deine Mail war dann irgendwie kühler...“ Wenn der Liebste nicht sofort zurückpiepst, macht sie ihm eine Stunde später vielleicht telefonisch eine Szene. Vielleicht tippt sie aber auch etwas beschwörende Liebeslyrik in ihr Handy, selbstgemachte oder geklaute, in jedem Fall aber verzweifelt tief empfundene - Hauptsache, er meldet sich endlich.

„Deine Stimme ist wie der Geißblattduft“

Der Liebesbrief, der auf 160 Zeichen ganz wie jener auf Papier, macht seinen Verfasser zum Poeten. „Deine Stimme ist wie der Geißblattduft“, dichtet der Fünftkläßler im Stockbett des Schullandheims und hat noch nie bewußt ein Geißblatt gesehen. Manchmal greift der Autor zum Parfumflakon in der archaischen Hoffnung, der Duft möge das Objekt der Begierde ausreichend betören, um es endlich in den Bann zu schlagen. Auch der digitale Liebesbrief verharrt nicht im sterilen Wort. Powerpoint-Präsentationen mit fröhlichen oder traurigen Smileys erzählen die „Geschichte von Johannes und Katharina“, per Mobiltelefon versandte MMS transportieren Fotos mit Kußmund. Am Ende von Liebesmails steht der Kuß als Zeichenfolge: „:-x“.

Der Liebesbrief verschleiert. Mancher gibt gar vor, in Wahrheit gar keiner zu sein, und wird mitunter erst spät als solcher erkannt. Nach der Rückkehr aus dem spanischen Sternschnuppen- und Strandfeuerurlaub bekommt die Zwölfjährige einen Brief, der auf den ersten Blick mit der blassen Formel „Viele Grüße“ endet. Daß sich hinter dem Wort „Grüße“ noch die mehrfach durchgestrichene Buchstabenfolge „und Kü“ verbirgt, stellt sie erst viele Jahre später fest, als ihr das karierte Recycling-Papier wieder in die Hände fällt. Ein auf einer Bank im Central Park verfaßtes Werk beginnt so: „Wahrscheinlich wunderst Du Dich genauso darüber, diesen Brief zu bekommen, wie ich mich darüber wundere, ihn überhaupt zu schreiben.“ Es folgen ein zehnseitiger Reisebericht aus New York und am Schluß die Worte: „Jetzt, da ich diesen Brief geschrieben habe, geht es mir irgendwie besser.“ Das nicht Gesagte zwischen der narrativen Spange kommt an: Die Form, nicht der Inhalt transportiert die eigentliche Botschaft. Der übrige Freundeskreis hat Postkarten bekommen.

Der digitale Brief ist bloß eine Nachricht

Auch der digitale Brief verhüllt, und in seiner scheinbaren Harmlosigkeit sogar noch viel geschickter als der klassische. Denn strenggenommen ist er ja gar kein Brief, sondern bloß eine Nachricht. Eine Mail an den süßen Kollegen aus dem Marketing, die „Morgen mal wieder Kantine?“ fragt und wie nebenbei noch etwas Nettes sagt, kann alltäglich und nebensächlich tun, obwohl akribisch an ihr gefeilt wurde. Zugleich ist die Hemmschwelle, auf „Senden“ zu klicken, flacher als beim Loslassen am Briefkastenschlitz. Dadurch entstehen Hybride: Botschaften ohne Anrede und Unterschrift, hinter denen mehr steckt, als sie vorgeben. Der Form nach flockiger als der gravitätische Brief, stärker auch auf das Wechselspiel angewiesen als er, der in seiner Trägheit nicht sofort eine Antwort fordert, sind oft Hunderte dieser luftigen Pings und Pongs nötig, bis die wahre Botschaft angekommen ist.

Ob der stoffliche Brief durch die Elektrokonkurrenz noch kostbarer geworden sei und sie daher nicht zu fürchten brauche, sei dahingestellt. Zum 14. Februar erscheint die Aufschrift „Ich liebe dich“ jedenfalls auf Bildschirmen, Displays und Papier. Sie muß an diesem Tag auch viel Häßliches schmücken. Die Banalität aber nimmt den drei leichtgewichtigen Worten nicht ihren Glanz. Sie leuchten selbst am Valentinstag.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.02.2006, Nr. 6 / Seite 14
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, REUTERS

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