Gelage im Dienst

Chinesische Beamte trinken sich zu Tode

Von Till Fähnders

Hier trinkt der Polizist nicht, sondern inspiziert eine illegale Schnapsbrennerei in Nordchina.

Hier trinkt der Polizist nicht, sondern inspiziert eine illegale Schnapsbrennerei in Nordchina.

09. November 2009 Der 46 Jahre alte Shen Hao war Parteichef des vielleicht berühmtesten Dorfs in China. In Xiaogang in der zentralchinesischen Provinz Anhui hatten im Jahr 1978 mutige Bauern den Kollektivismus der Mao-Jahre auf den Misthaufen der Geschichte geworfen. Sie begannen, die Felder ohne Erlaubnis aufzuteilen und privat zu bestellen. In den vergangenen Jahren war es nun an Shen Hao, die Entwicklung des Reformdorfs voranzubringen. Doch am vergangenen Freitag wurde der Parteichef tot auf seinem Bett gefunden. Die Dorfbewohner berichten, er sei nach einem Bankett mit Investoren an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums gestorben.

Offenbar hatte Shen Hao am Vorabend eines der berüchtigten chinesischen Geschäftsessen gegeben, bei denen das Hochprozentige reichlich fließt und sich keiner dem wörtlich gemeinten Ruf „Ganbei“ („trockenes Glas“) verweigern kann. Ein anderer Funktionär hatte Shen Hao auf dem Weg nach Hause stützen müssen, berichtete seine Vermieterin: „Er sah sehr müde aus und wollte schlafen.“ Der Parteichef, so berichtete die Zeitung „China Daily“, sei außerdem überarbeitet gewesen und hatte Herzprobleme.

Zu Tode trinken - auf Staatskosten

Wenn sich die Todesursache bestätigt, dann ist Shen Hao der dritte Funktionär binnen weniger Monate, der eines der offiziellen Saufgelage nicht überlebt hat. Im Juli starb ein Beamter in der Stadt Wuhan nach einem Abendessen mit offiziellen Gästen. Der Alkohol hatte eine Herzattacke verursacht. Schon früher war in Xinyang in der Provinz Henan ein für Familienplanung zuständiger Beamter nach einem Besäufnis an einer Gehirnblutungen gestorben. Er wurde posthum als „exzellentes Parteimitglied“ geehrt.

Die „Ganbei“-Kultur ist nicht erst wegen der Todesfälle in Verruf geraten. Manche fordern eine gesetzliche Beschränkung der häufig luxuriösen Bankette – auch um die Kosten zu senken, denn die Rechnung wird meist aus der öffentlichen Kasse beglichen. Jährlich werden Milliardenbeträge von Kadern weggetrunken und verfuttert. Das gesellige, aber auch aufgezwungene Trinken gehört für sie zum Berufsprofil. Nicht selten geht es bis zum Exzess. „Natürlich kannst du dich dafür entscheiden, nicht mitzutrinken“, sagte ein Beamter der „China Daily“. „Aber das erschwert den Umgang mit anderen Funktionären.“ Es gebe ein ungeschriebenes Gesetz, das die Abstinenz in solch einem Fall verbiete.

Wasser für mich, Hirseschnaps für dich

In Politik und Geschäftsleben wird das Trinken als Weg gesehen, die unerlässlichen „Guanxi“ (Beziehungen) auszubauen. „Chinesen treffen gern Entscheidungen am Esstisch“, sagt ein Geschäftsmann. Meist wird Bier und klarer Reis- oder Hirseschnaps gereicht. Wer betrunken ist, macht sich nicht lächerlich, sondern wird in gewisser Weise zu einem Verbündeten. Manchmal wird geschummelt, etwa um später die Verhandlungspartner alkoholisiert oder verkatert zu Preisnachlässen bewegen zu können. Ausländische Manager berichten, dass ihre chinesischen Geschäftspartner beim abendlichen Gastmahl immer wieder das Glas ansetzten – sich aber auch nach vielen Runden keine Wirkung anmerken ließen. Denn während die Ausländer höflich den scharfen Schnaps hinunterwürgten, hätten sich die Chinesen aus einer anderen Flasche heimlich Wasser einschenken lassen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP

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