Palio in Siena

Dreimal um die Piazza in neunzig Sekunden

Von Christoph Bertling

03. Juli 2008 Für wenige Sekunden hüllt sich die Piazza del Campo ein letztes Mal in Schweigen. Die gelbbraune Erde auf dem mittelalterlichen Platz ist noch unberührt. Alle Kirchen und Läden sind geschlossen. Die Bürger von Siena und viele Anhänger aus der ganzen Welt haben sich auf dem Marktplatz versammelt. Seit Stunden warten sie schon auf das große Rennen. „Aquila!“ Der schrille Schrei des Startleiters durchbricht die Stille, und ein betäubender Lärm breitet sich aus, als würde sich eine riesige Gewitterwolke über dem Platz entladen. Das Spektakel hat begonnen. Mehr als 50.000 Menschen jubeln den Rennpferden zu, die in mörderischem Tempo über die aufgeschüttete Erde jagen. Nun interessiert nur noch, welches Pferd als Erstes ins Ziel kommt. Erlaubt ist alles, was Erfolg bringt. Sogar Ochsenziemer dürfen von den Reitern eingesetzt werden - Schlagstöcke, hergestellt aus getrockneten, verdrehten Ochsen-Penissen.

Zweimal in jedem Sommer reiten zehn Jockeys auf ungesattelten Pferden drei Runden um den von alten Häuserreihen umschlossenen Marktplatz im Herzen Sienas. Nicht einmal neunzig Sekunden benötigen sie, um in vollem Galopp ins Ziel zu preschen. Das ist allerdings schon lange genug, um ein Jahr für Gesprächsstoff in Italien zu sorgen. Der Palio ist in der Welt des Sports eine unvergleichliche Veranstaltung. Jedes Jahr entfacht er magnetische Kräfte. „Von überall her strömen die Menschen zu uns, um unser Sportspektakel zu sehen“, berichtet Sienas Bürgermeister Maurizio Cenni stolz. Denn der Palio ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der umstrittensten Pferderennen der Welt. Viele Beobachter monieren, dass die Grausamkeit von Jahr zu Jahr zunimmt.

Tödliche Unfälle häufen sich

Sie beginnt meist schon nach der ersten Kurve. Am Rathaus-Vorbau rasen einige Pferde, von der Menge getrieben, gegen die Absperrung. Fast fünfzig Pferde sind in den vergangenen 30 Jahren ums Leben gekommen. „Diese Schlächterei aus Vergnügen muss ein Ende haben“, fordert Angela Marino vom italienischen Tierschutzverband. Doch Marinos Forderungen stoßen seit Jahren auf taube Ohren. Von dem Gesetz, das seit 2004 die Misshandlung von Tieren bestraft, ist der Palio ausgeschlossen. Auch wenn die tödlichen Unfälle sich gerade in jüngster Zeit häuften.

Denn auch wenn der Palio eigentlich ein Brauchtum aus dem Mittelalter ist, gleicht er mittlerweile einem modernen sportlichen Großereignis. Aus dem einstigen Schicksalsrennen ist ein durchorganisiertes Sportevent geworden. Längst wird nicht mehr wie im Mittelalter auf den stämmigen Arbeitspferden aus der toskanischen Maremma geritten. Es haben sich Trainings- und Scoutingsysteme wie bei anderen professionellen Sportarten etabliert. Schon lange sind leichtgewichtige Halbblüter am Start, die in der ganzen Welt eingekauft werden. Auch die Jockeys kommen nicht mehr vorwiegend aus Siena. Viele Reiter stammen aus Sardinien, sie werden aufgrund ihrer drahtigen, leichten Konstitution eingekauft.

Nach dem Palio ist vor dem Palio

„Ein Jockey kann mittlerweile in den 90 Sekunden mehr als 10.000 Euro verdienen“, sagt Professor Alan Dundes von der Universität Berkeley. Er hat sich ausgiebig mit dem Rennen beschäftigt. „Um ein großes Spektakel zu liefern, werden schnelle, reinrassige Pferde eingesetzt.“ Vor dem Rennen werden sie in einem nachtbeleuchteten Stadion gedrillt, das der Form der Piazza del Campo nachempfunden ist. Nicht selten rast ein übertrainiertes Pferd in die Zuschauer. Für solche Fälle wurden von Feuerwehr und Katastrophenschutz sogar Notfallpläne zur Evakuierung entworfen. Trotz der Brutalität ist ein baldiges Verbot unwahrscheinlich. Dafür ist das Rennen zu stark im Herzen der Sienesen verankert. „In Siena gibt es nur eine Zeitrechnung: Nach dem Palio ist vor dem Palio“, sagt Cenni.

Auf die Bedeutung des seit dem 13. Jahrhundert ausgetragenen Rennens verweisen auch die Rituale. An den Tagen des Palio hallen laute Schlachtgesänge durch die kleinen, verwinkelten Gässchen: „Viva la nostra Piazza! Tutti vincano il Palio!“ Hoch lebe unser Platz! Alle siegen beim Palio! Die Pferde werden kurz vor dem Rennen feierlich in Kirchen geführt und von den Priestern gesegnet. Der Sieg beim Palio, der unter den Stadtvierteln Sienas ausgetragen wird, wird wochenlang ausgelassen gefeiert. Vor drei Jahren gewann das Stadtviertel Torre, das erste Mal seit 44 Jahren. Das Viertel feierte 44 Tage. Camilla Curcio schwärmt heute noch von dem großen Fest. Mehr als eine Million Euro wurden ausgegeben, um die Nächte durchzufeiern. „Unser Pferd stand einer Ehrentafel mit Porzellangeschirr vor“, erinnert sie sich. Noch in einem Jahrzehnt werden sie von diesem großen Sieg sprechen.

Der Jockey schläft nebend dem Pferd

Als gebürtige Sienesin weiß Camilla Curcio: „Ein Triumph beim Palio ist mit keinem anderen Sieg im Sport vergleichbar.“ Das bestätigt Alan Dundes: „Seit dem Mittelalter wird beim Palio um die Machtverhältnisse in Siena gestritten. Da kann nicht einmal die Rivalität zwischen Oxford und Cambridge im Rudern mithalten.“ Jockey Luigi Gado sagt: „Der Palio ist unser großes Fest, dafür leben wir das ganze Jahr. In den vier Tagen vor dem Palio schlafe ich jede Nacht neben dem Pferd.“

Wenn beim Rennen ein Pferd stirbt, wird seiner bis in alle Ewigkeit gedacht. Ein Stadtviertel hat sogar die Hufe seines verunglückten Pferdes in einem Museum ausgestellt. Ohne den Tod kann der Palio nicht leben.



Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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