Cannabis Cup

Drogen mit einem Hauch von Muskat

Von Alexander Schimmelbusch

Experten im Highsein: Fachgespräche beim “Cannabis Cup“

Experten im Highsein: Fachgespräche beim "Cannabis Cup"

25. November 2007 Über dem Tresen im Coffeeshop „De Dampkring“, was auf Deutsch wohl „Der Dampfkringel“ bedeutet, hängt dichter Nebel. Zwei der jungen Amerikaner, die den „Dampfkringel“ bevölkern, unterhalten sich über die Sorte „Mexican Haze“, die der Coffeeshop dieses Jahr ins Rennen um den „Cannabis Cup“ schickt: „Es schmeckt nach Mango“, sagt der eine, worauf der andere „Zitrus“ erwidert, „mit einem Hauch von Muskatnuss“. Wenn man nicht wüsste, dass in holländischen Coffeeshops seit einigen Monaten kein Alkohol mehr ausgeschenkt werden darf, könnte man meinen, man sei auf einer Weinprobe.

„Der Dampfkringel“ zählt zu den ersten Adressen in Amsterdam und kann auf zahlreiche Ehrungen bei zurückliegenden „Cannabis Cups“ zurückblicken. Auf der Drogenkarte des Lokals sind mehr als dreißig Sorten Marihuana und Haschisch aufgelistet, jeweils mit der Erläuterung ihrer Wirkung, also etwa „sit-down stoned“ oder „very strong clear high“.

Lupenreine Qualität: Eine Messebesucherin inspiziert die Ware

Lupenreine Qualität: Eine Messebesucherin inspiziert die Ware

Erik, der Geschäftsführer des Dampfkringels, erläutert, dass sich Kiffer im Wesentlichen in zwei Kategorien einteilen ließen: in Arbeiter und Akademiker. Wer mit den Händen arbeite, so Erik, der suche nach Feierabend Betäubung, wer mit dem Kopf arbeite, der wolle vor allem Anregung und nach vollbrachtem Tagwerk noch etwas erleben. Zur zweiten Gruppe zählen wohl auch die beiden jungen Amerikaner, die Mützen mit dem Wappen der Universität Harvard tragen: Soeben haben sie beschlossen, sich das Rotlichtviertel anzusehen.

Brad Pitt kommt einmal im Jahr

Vor einigen Jahren wurden im „Dampfkringel“ Szenen des Films „Ocean's Twelve“ gedreht, mit Brad Pitt und George Clooney. Seither sei vor allem Brad Pitt ein treuer Kunde. „Er kommt ein paar Mal im Jahr hierher“, verrät Erik, „ganz inkognito mit Hut und Sonnenbrille. Sitzt einfach da und raucht einen.“ Erik wirkt nervös und schreckhaft, beim Sprechen blickt er sich unentwegt über die Schulter. Auf die Idee, dass seine Paranoia etwas mit den Drogen zu tun haben könnte, die er jeden Tag konsumiert, ist er offenbar noch nicht gekommen.

Dabei ist heute ein guter Tag für ihn: Wie immer in der Woche vor Thanksgiving platzt der Dampfkringel aus allen Nähten. Dann wird in Amsterdam nämlich traditionell der „Cannabis Cup“ abgehalten, eine Art Agrarmesse für den Anbau und Konsum von Marihuana, die jedes Jahr Tausende Fachbesucher aus aller Welt anzieht. Es finden Vorträge, ausgiebige Marihuanaproben und hortikulturelle Seminare statt. Ausgewiesene Experten informieren über die neuesten Verfahren beim Anbau, der im vergangenen Jahrzehnt zu einer hochspezialisierten Wissenschaft geworden ist. In diesem Jahr nehmen 25 Saatgutfirmen und 21 Coffeeshops am Wettbewerb teil, der seit zwanzig Jahren vom Marihuana-Fachblatt „High Times“ ausgerichtet wird.

Rauschebärte, Rastalocken, dubiose Gestalten

In den Messehallen herrscht schon am Vormittag geschäftiges Treiben. Man sieht Rauschebärte, Rastalocken und leicht dubiose Gestalten, die sich in Zeitlupe zu bewegen scheinen. Unter die Rapmusiker, Feuerschlucker und Legalisierungsaktivisten haben sich auch einige Anzugträger gemischt. Amerikanische Studenten schauen Hostessen in Hanfbikinis hinterher, während uralte Blumengreise sich angeregt über ihre Cannabisgärten unterhalten.

Der Wettbewerb funktioniert folgendermaßen: Jeder Fachbesucher kann für 200 Euro einen „judge's pass“ erwerben, der ihm nicht nur Proben aller im Wettbewerb vertretenen Sorten sichert, sondern ihn auch an deren Bewertung teilnehmen lässt. Etliche der Studenten haben ihre Aufgabe als Kritiker allerdings mit zu viel Elan in Angriff genommen: Sie schlafen auf dem Boden hinter den Messeständen. Neben Saatgut und Wasserpfeifen kann man an diesen auch technische Anbauhilfen und Produkte wie „Potcorn“ begutachten: Popcorn mit Rauschgift.

Thanksgiving für Cannabis

Für das Panoptikum zeichnet Steven Hager verantwortlich, der 1987 Chefredakteur der „High Times“ wurde und den „Cannabis Cup“ sogleich ins Leben rief. Hager nennt diesen ein Erntedankfest: „Es gibt ein Thanksgiving für Mais, Sojabohnen, Weizen, für alle Pflanzen der Erde. Also warum nicht für Cannabis?“ An der Wand hinter ihm hängt ein Poster von „Cannabacchus“, der Gottheit des Cannabis, die im vergangenen Jahr eigens für den „Cannabis Cup“ geschaffen wurde, wie Hager erläutert. Cannabacchus sieht aus wie eine Kreuzung aus Karl Marx, Salman Rushdie und dem Weihnachtsmann. Hager hingegen, man kann es nicht anders sagen, sieht aus wie das Klischee eines Kiffers - eines Kiffers allerdings, der seine besten Jahre weit, weit hinter sich gelassen hat.

Da geht es ihm nicht viel anders als dem Blatt, dem er seit zwei Jahrzehnten vorsteht: 1974 von Tom Forçade gegründet, entwickelte sich die „High Times“ mit Autoren wie Truman Capote und Hunter S. Thompson schnell zu einer ernstzunehmenden Stimme in den gesellschaftlichen Debatten der siebziger Jahre. Forçade hatte eine Zielgruppe entdeckt, an die zuvor keiner gedacht hatte: gebildete Drogenkonsumenten. Was Sex für die sechziger Jahre, so Forçades Theorie, war Drogenkonsum für die siebziger: eine weitverbreitete Praxis, die von der amerikanischen Gesellschaft geächtet wurde. Dem wollte er ein Ende setzen.

Mehrheit leidet an Marihuanamangel

Die „High Times“ verschrieb sich von Beginn an der Legalisierung. Forçade sah Marihuana als eine Art „Vitamin“ und war der festen Überzeugung, dass die Mehrheit der Amerikaner an akutem Marihuanamangel zu leiden hatte. Für die Redaktion der „High Times“ galt dies nicht: „Es ging dort zu wie auf einem verkommenen Karneval“, so Forçade. „Es gab Pillen im ersten Zimmer, Gras im zweiten, Kokain im nächsten und Klebstoff und Lachgas und so weiter.“ Dennoch war das Magazin ein voller Erfolg. Im Jahre 1978 wurde die „High Times“ jeden Monat von vier Millionen Menschen gelesen.

Psychisch ging es mit Forçade jedoch bald rapide bergab, er wurde instabil, litt unter Wahnvorstellungen und war überzeugt davon, dass die Geheimdienste sich vorgenommen hatten, ihn zu vernichten. Die Idee, dass seine Paranoia etwas mit seinem massiven Drogenkonsum zu tun haben könnte, lag ihm fern. Ende 1978 erschoss er sich in New York in seinem Bett - mit einem kleinkalibrigen Damenrevolver mit Perlmuttgriff.

Pubertäres Kifferblatt statt Speerspitze der Gegenkultur

Heute ist die „High Times“ stellenweise belustigend, überwiegend jedoch belanglos und sogar dümmlich - was vermuten lässt, dass in ihren Redaktionsräumen an der Fifth Avenue noch kein Rauchverbot durchgesetzt worden ist. Unter der Ägide Hagers ist die einstige Speerspitze der Gegenkultur zum pubertären Kifferblatt erschlafft: neben Rankings der kifferfreundlichsten Universitäten und Artikeln über Mittel und Wege, einen Drogentest zu bestehen, werden DVDs mit Zwergen-Wrestling angepriesen, Telefonsexdienste und natürlich jede Menge Bob-Marley-Ramsch.

Es mag ja stimmen, was der Sprecher der amerikanischen Legalisierungsgruppe „Norml“ zu bedenken gibt, dass nämlich in den Niederlanden, wo kleine Mengen Marihuana legal erworben werden können, die Rate des Cannabiskonsums in der Bevölkerung weit niedriger ist als im strengen Amerika. Für Amsterdam jedoch gilt das sicher nicht. Wer hier die ungezählten Menschen aus allen Milieus beobachtet, die in den Coffeeshops Drogen konsumieren, fragt sich angesichts jedes Passanten zwangsläufig: Ist diese Person wirklich auf dem Weg zu einem normalen Termin, oder schleicht sie sich gerade unauffällig davon, um einen Joint zu bauen? Vor allem bei jüngeren amerikanischen Touristen drängt sich der Eindruck auf, sie seien kaum der idyllischen Grachten wegen nach Amsterdam gekommen.

Am Donnerstagabend haben sich die Messehallen zur Preisverleihung noch einmal ganz gefüllt. Allen Studien zur vermeintlichen Harmlosigkeit von Marihuana zum Trotz hat man hier doch eindeutig das Gefühl, von nachhaltig beeinträchtigten Menschen umgeben zu sein. Den „Cannabis Cup“ gewinnt die Sorte „G-13 Haze“ von „Barney's Coffeeshop“. Derry, der Besitzer des „Barney's“, der heute Abend schon in mehreren Subkategorien abgeräumt hat, schlurft auf die Bühne, um den Pokal entgegenzunehmen. Sein Grinsen sitzt wie festgefroren. Auf die Frage, was ihm der Sieg bedeute, antwortet er mit einem derangierten Kichern und dem Satz: „Es wird eine grüne Weihnacht!“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.11.2007, Nr. 47 / Seite 72
Bildmaterial: Henning Bode

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