Von Peter-Philipp Schmitt
15. Mai 2007 Demokratie ist eine ganz einfache Angelegenheit: Wer nicht wählen geht, darf sich hinterher auch nicht beschweren, dass sein Favorit nicht gewonnen hat. Der Eurovision Song Contest (ESC) ist durchaus eine demokratische Veranstaltung, wenn man einmal davon absieht, dass das kleine Andorra letztlich genauso viele Punkte verteilen darf wie das große Deutschland. Nachbarschaftliches Geklüngel hat es schon immer beim Grand Prix gegeben: Schweden hat stets aus Norwegen und Dänemark die meisten Punkte bekommen (auch in diesem Jahr jeweils zwölf Punkte), genauso wie beispielsweise Griechenland aus Zypern (ebenfalls wieder zwölf Punkte).
Gleichzeitig hat Deutschland aus zwei Ländern immer besonders wenige Punkte bekommen - aus Österreich und der Schweiz. In Helsinki war dies anders. Ausgerechnet aus den beiden im Halbfinale ausgeschiedenen Alpenländern erhielt Roger Cicero seine höchsten Punktzahlen: jeweils sieben.
Auch über den letzten Platz herrschte Einigkeit
Beim diesjährigen ESC trafen 21 Nationen aus dem Westen auf 21 Nationen aus dem Osten. Jeder dieser Blöcke könnte, wenn er es darauf anlegen wollte, ein bestimmtes Land auf Platz eins hieven. Der Balkan allein oder auch nur die Republiken der ehemaligen Sowjetunion könnten dies nicht. Sieht man sich das Ergebnis von Helsinki genauer an, erkennt man, dass Ost und West in ihrer Einschätzung nahe beieinander lagen (siehe Tabelle). Marija Šerifović hat mit ihrem Molitva für Serbien klar gewonnen, gefolgt von Verka Serduchkas Ulknummer Dancing Lasha Tumbai aus der Ukraine. Und auch über den letzten Platz herrschte in Ost und West Einigkeit: Irland. Es bekam einzig aus Albanien fünf Punkte.
In der finnischen Hauptstadt landeten am Finalabend folgende zehn Nationen auf den Plätzen eins bis zehn: Serbien, Ukraine, Russland, Türkei, Bulgarien, Weißrussland, Griechenland, Armenien, Ungarn und Moldau. Nimmt man nur die Punktewertung der Länder Nord-, West- und Südeuropas - einschließlich Israel und Türkei -, dann kamen folgende Nationen unter die ersten zehn: Serbien, Ukraine, Türkei, Russland, Bulgarien, Ungarn, Armenien, Griechenland, Rumänien und Bosnien-Hercegovina. Auch Deutschland schnitt im Westen nur unwesentlich besser ab: Das alte Europa sah Swingsänger Roger Cicero auf dem 14. Platz, beim Finale am Samstagabend landete der Hamburger auf dem 19. Rang.
Die Balkanisierung begann 1993
Die nun viel beschworene Balkanisierung des Grand Prix begann im Jahr 1993. Damals traten erstmals Bosnien-Hercegovina, Kroatien und Slowenien mit eigenen Beiträgen an, nachdem 1992 noch Jugoslawien am Start gewesen war. Da sich fortan immer mehr osteuropäische Nationen bei der Europäischen Rundfunkunion (EBU) bewarben, wurden seit 1994 jeweils einige Länder in einjährige Zwangspausen geschickt. Damit wollte die EBU das Teilnehmerfeld auf etwa 25 begrenzen. Bereits 1996 traf es Deutschlands Kandidaten Leon und sein Lied Blauer Planet von Anna Rubach und Hanne Haller. Jurys in 30 Ländern befanden den Song für zu schlecht für eine Teilnahme beim Grand Prix. Zum ersten und bislang einzigen Mal durfte Deutschland nicht teilnehmen.
Daraufhin sorgten die großen vier Geldgeber dafür, dass sie fortan nicht mehr aus dem Wettbewerb geworfen werden konnten. Eine verständliche Überlegung, schließlich zahlen die sogenannten Big Four nicht nur, die bevölkerungsreichen Staaten Deutschland, Frankreich, Großbritannen und Spanien sorgen zudem für hohe Einschaltquoten. Besonders demokratisch indes ist die Regelung nicht. Die jungen Demokratien im Osten Europas nehmen sie dennoch als gegeben hin, ohne sich sogleich über die miese Schummelei zu empören.
Bildmaterial: AFP, FAZ.NET, REUTERS