China

Nicht weinen und nicht die Haare waschen

Von Petra Kolonko

22. Januar 2004 Der berühmteste Affe Chinas stammt aus der Ming-Dynastie. Sun Wu Kong, der freche und freiheitsliebende Affenkönig aus dem Roman "Die Reise nach dem Westen", ist der Liebling der chinesischen Kinder. Alle kennen seine Streiche und Zaubereien. In diesem Jahr wird der Affenkönig auch für die Erwachsenen wieder zum Helden. China kann aufatmen: Das Jahr des Widders ist vorbei, an diesem Donnerstag beginnt das Affenjahr und verspricht nach dem unglücksanfälligen Widderjahr mehr Glück.

Der Affe ist eines der zwölf Tierkreiszeichen im chinesischen Kalender; die anderen sind Ratte, Ochse, Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Widder, Hahn, Hund und Schwein. In der traditionellen chinesischen Kultur bestimmt das Geburtsjahr und nicht wie in der westlichen Astrologie der Geburtsmonat das Schicksal und den Charakter der Menschen. In Taiwan und Hongkong und in auslandschinesischen Gemeinden spielen die Geburtsjahre bei der Auswahl des Ehepartners, bei der Beschreibung der Persönlichkeit und bei der Berechnung der glückbringenden und unglücklichen Tage noch immer eine wichtige Rolle.

Aktiv und kreativ

Auch in der Volksrepublik China, wo die alten Gebräuche unter den Kommunisten als "feudalistischer Aberglauben" lange verboten und geächtet waren, haben vor allem in den ländlichen Regionen die alten Traditionen überlebt. Viele Bauern werden auf die Frage nach ihrem Geburtsjahr zuerst mit dem Tierzeichen und dann mit der Jahreszahl antworten. Der alte chinesische Kalender, der heute "Bauernkalender" heißt, gibt Anweisungen, was an welchen Tagen zu tun und zu lassen ist, und darf jetzt auch im kommunistischen China wieder verkauft werden. In den Städten kommen alte Gebräuche und Symbole in kommerzialisierter Form wieder. Mit 20000 Affen-Geschenkartikeln wirbt etwa eines der größten Kaufhäuser Pekings in der Einkaufsstraße Wang Fu Jing. Sie finden in diesem Jahr reißenden Absatz. Auch die Zeitungen sind voller Affenbilder und Fotos. Die Affenbegeisterung steht ganz im Gegensatz zum kühlen Beginn des vergangenen Schaf-Jahres. Das Schaf gilt nicht als Glücksbringer. Viele chinesische Paare hatten sogar ihren Kinderwunsch zurückgestellt, damit das Kind nicht im Schafjahr auf die Welt kam. Das Affenjahr dagegen gilt als ein gutes Geburtsjahr - nur heiraten sollte man in diesem Jahr nicht.

Wer im Jahr des Affen geboren ist, das sind die Jahre 1992, 1980, 1968, 1956, 1944, 1932, 1920 und 1908, gilt als aktiv und kreativ. Die im Zeichen des Affen Geborenen haben ein gutes Gedächtnis und gelten als besonders umgänglich. Sie passen am besten zu "Ratten" und "Drachen" und sollten eine Liaison mit "Tigern", "Schlangen" und "Schweinen" meiden.

Mehr Reisende denn je

Das chinesische Neujahrsfest, auch Frühlingsfest genannt, ist der größte Feiertag im chinesischen Kulturkreis. Zwar ist auch in China im Zuge der modernen Zeit der 1. Januar zu einem Feiertag geworden, doch beginnt für jeden Chinesen das neue Jahr mit dem Frühlingsfest, das jedes Jahr unterschiedlich fällt, meist Ende Januar oder Anfang Februar. Zu diesem Fest kommen die Großfamilien zusammen - mögen sie übers Jahr auch noch so weit entfernt voneinander leben.

Die Folge ist eine Reisewelle sondergleichen in den zwei Wochen vor und den zwei Wochen nach dem Neujahrsfest. 1,8 Milliarden Reisen werden in dieser Zeit in ganz China angetreten. Züge, Flüge und Überlandbusse sind seit langem ausgebucht. Die vielen Wanderarbeiter, die sich in den Städten als Gelegenheitsarbeiter verdingen, fahren für das Frühlingsfest bepackt mit Geschenken nach Hause in ihre Dörfer und bringen die Ersparnisse eines Jahres mit sich. In diesem Jahr gibt es mehr Reisende als je.

Bräuche variieren

Die Gebräuche zu Neujahr variieren von Region zu Region. Fast überall auf dem Land beginnen die Festlichkeiten eine Woche vor dem Neujahrstag mit dem Opfer für den Küchengott. Der Küchengott soll jedes Jahr einen Bericht über das Verhalten einer Familie an den Himmelfürsten geben. Deswegen muß er bei guter Laune gehalten werden. Vor dem Fest werden die Tore der Bauernhäuser und in den Städten die Wohnungstüren mit roten Spruchbändern verziert, an die Tür klebt man das chinesische Zeichen "fu" für Glück. Die Feiern beginnen mit einem Festmahl im Kreis der Großfamilie am Neujahrsabend. Um Mitternacht werden Knallfrösche und Feuerwerkskörper gezündet, allerdings nur in den ländlichen Regionen; in den meisten Städten in China ist das Zündeln wegen der Feuer- und Unfallgefahr verboten. Kinder bekommen von den Verwandten "Hongbao", rote Briefumschläge mit Geld. Dieses Geld heißt auch "Ya sui qian" "Geld zum Jungbleiben".

Am ersten Tag des Jahres müssen bestimmte Regeln beachtet werden, wenn man nicht Unglück heraufbeschwören will. Die Wohnung oder das Haus darf nicht gefegt werden, weil man sonst das Glück hinausfegen könnte. Es dürfen weder Messer noch Scheren benutzt werden, weil das Glück sonst abgeschnitten werden könnte. Es dürfen keine Tränen vergossen werden, denn es heißt, wer am Neujahrstag weint, der weint das ganze Jahr. Zudem müssen alle Worte die ähnlich klingen wie "schlecht", "tot" und "arm" vermieden werden. Wenn ein Teller zerbricht, so droht Unglück für das kommende Jahr. Auch Haarewaschen ist an diesem Tag nicht geboten, weil man das Glück wegwaschen könnte. In den ersten Tagen des neuen Jahres besucht man Verwandte und Freunde. Am zweiten Tag gehen die verheirateten Frauen zu ihren Eltern.

Glückwünsche per SMS

Eine Umfrage der Pekinger Jugendzeitung ergab, daß auch in den großen Städten noch etwa die Hälfte der Menschen das Frühlingsfest auf traditionelle Art feiern will. Etwa die Hälfte hält sich sogar noch an das Gebot, nicht die Haare zu waschen, und zwei Drittel aller verheirateten Frauen besuchen am zweiten Tag des Jahres noch ihre Eltern. Doch finden jetzt schon achtzig Prozent der Befragten in Peking, Schanghai und Kanton, daß die Bestimmungen zu umständlich seien und nicht mehr zum modernen Leben paßten. Statt Neujahrsbesuche zu machen, wünschen schon etwa vierzig Prozent am Telefon Glück, und etwa ein Viertel der Befragten wird die traditionellen Glückwünsche per SMS versenden.

Trotzdem werden noch immer etwa ein Viertel der Befragten während der Neujahrstage zu einem Tempelfest gehen, dort ein paar Räucherstäbchen anzünden oder einen Wunschzettel hinterlassen, auch wenn sie über das Jahr von der traditionellen Religion nichts mehr wissen wollen. Die Tempelfeste sind vornehmlich kommerzielle Angelegenheiten geworden. Mehr als den Segen des Buddha oder den Schutz der taoistischen Götter suchen die Besucher die Marktstände und die bunte Unterhaltung. Die größte Attraktion hat dieses Jahr der Tempel der Weißen Wolken in Peking zu bieten. Dort kann man die steinern Statue eines Affen berühren, das soll Glück im Affenjahr bringen.



Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

 
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