04. September 2008 Die Generalstaatsanwaltschaft wird nach der Veröffentlichung von tatsächlichen oder vermeintlichen Einzelheiten aus dem Obduktionsbericht im Fall Michelle eine andere Staatsanwaltschaft mit den Ermittlungen im Fall Michelle beauftragen, weil die undichte Stelle theoretisch auch bei der Leipziger Behörde zu finden sein könnte. Das sagte der Pressesprecher der Leipziger Staatsanwaltschaft, Ricardo Schulz, am Donnerstag. Bereits am Mittwoch war bekannt geworden, dass die Staatsanwaltschaft Leipzig wegen der nicht autorisierten Veröffentlichungen ein Ermittlungsverfahren wegen Geheimnisverrats eingeleitet hat.
Die Zeitung Bild und die Morgenpost hatten Artikel mit Details über die gerichtsmedizinischen Details über den Mord an der acht Jahre alten Michelle gedruckt. Schulz zufolge soll nicht nur geklärt werden, wer von den mehr als 170 mit dem Fall befassten Ermittlern Informationen weitergegeben hat. Auch die Einleitung von Verfahren wegen Anstiftung oder Beihilfe zum Geheimnisverrat gegen Journalisten werde geprüft. Wegen der Weitergabe möglicher interner Details aus der Sonderkommission sei der Erfolg der Ermittlungen gefährdet worden, sagte der Sprecher Staatsanwalt, der sich zudem gegen die zum Teil reißerische Darstellung in den Medien wandte.
Ermittler auf die falsche Fährte gelockt
Seit Beginn der Ermittlungen hat die Staatsanwaltschaft mehrfach eindringlich um mediale Zurückhaltung gebeten und eine Nachrichtensperre verhängt, damit kein Täterwissen an die Öffentlichkeit gelangt. Es sei bedauerlich, dass etliche Journalisten sich nicht daran hielten. Auch seien die Ermittler durch Medienberichte über angebliche Details schon auf eine falsche Fährte gelockt worden. Halbinformationen behinderten die Ermittlungen und verringerten vermutlich die Chancen, den Täter zu fassen. Der bislang Unbekannte sollte nicht wissen, was die Polizei weiß, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstag.
Wenn der Täter gefunden werde, sei zudem die Beweisführung in einem späteren Prozess wegen der veröffentlichten Interna - unter anderem aus dem Obduktionsbericht - sehr viel schwieriger, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich Zeugen nicht mehr bei der Polizei meldeten, weil sie ihre Beobachtungen für falsch oder unwichtig erachteten. Mit zunehmender Zeit werde es auch schwieriger, Zeugenaussagen zu bekommen, weil die Erinnerungen immer verschwommener würden.
Vorerst keine Suche bei Aktenzeichen XY
Jetzt geht die Puzzlearbeit los, die keiner draußen sieht, sagte der Polizeisprecher über den aktuellen Stand der Arbeiten an dem Fall. Schulz zufolge sind die Ermittler, denen mehr als 1100 Hinweise vorliegen, derzeit mit kriminaltechnischen Untersuchungen und Zeugenbefragungen beschäftigt. Schulz bestätigte zugleich einen Bericht der Bild-Zeitung wonach sich die ZDF-Sendung Aktenzeichen XY...ungelöst vorerst nicht an der Suche nach Michelles Peiniger beteiligen wird.
Moderator Rudi Cerne habe der Leipziger Polizei Hilfe angeboten. Diese habe aber abgelehnt, schreibt das Blatt. Polizeipräsident Horst Wawrzynski wird mit den Worten zitiert: Wir sehen es zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht als gegeben an, in 'Aktenzeichen XY' aufzutreten. Wir waren in der MDR-Sendung 'Kripo live'. Wir wollen erst die dazu eingegangenen Hinweise auswerten.
Michelle war am 18. August nicht von den Ferienspielen im Hort nach Hause gekommen. Drei Tage später fand ein Spaziergänger die Leiche des Mädchens im Teich eines Leipziger Parks.
Text: reb./ddp
Bildmaterial: dpa