Gesellschaft für deutsche Sprache

Eine Reise um die Welt in vierzig Namen

Von Gerhard Müller

Beliebte Namenspatronin: Arwen (gespielt von Liv Tyler) in “Herr der Ringe“

Beliebte Namenspatronin: Arwen (gespielt von Liv Tyler) in "Herr der Ringe"

14. November 2006 Seit Jahrzehnten ermittelt die Gesellschaft für deutsche Sprache die beliebtesten Vornamen. Oben auf der Liste stehen Marie, Anna und Sophie, Maximilian, Alexander und Lukas. Aber der Vorrat an Vornamen, aus dem die Eltern schöpfen, ist heute schier unbegrenzt. Jede Sprache, jede Kultur kommt als Quelle in Frage. Anregungen erhalten die Eltern aus Popmusik, Film, Literatur, auf Fernreisen und aus ihrer Phantasie. (Liste nicht zugelassener Namen: Von AJ bis Fischer)

Die Wahl der Vornamen ist frei - mit Einschränkungen, niedergelegt in den „Dienstanweisungen für die Standesbeamten und ihre Aufsichtbehörden“. Paragraph 262 fordert in Satz 3: „Bezeichnungen, die ihrem Wesen nach keine Vornamen sind, dürfen nicht gewählt werden.“

Öfter Familien- oder Ortsnamen

Satz 4 legt fest, daß für Knaben nur männliche, für Mädchen nur weibliche Vornamen zulässig sind. Aber immer öfter werden Familien- oder Ortsnamen zu Vornamen (Cooper, Madison); und auch bei der Genuszuordnung gibt es Schwankungen (Jona, Kai, Luca).

Nachweisen lassen sich besondere Vornamen anhand fremdsprachiger Vornamenbücher und Internetrecherchen. Die Belege müssen seriös und zweifelsfrei das Vorkommen eines Namens nachweisen. Einige Beispiele sollen zeigen, auf welche Ideen Eltern heute kommen - und kommen dürfen.

Adrina: Dieser seltene Mädchenname - von den Eltern, einer deutschen Familie in Sachsen-Anhalt, selbst geprägt - war für den angloamerikanischen Raum und für das Bulgarische (kürzere Variante zu Alexandrina) nachweisbar. Auch wegen der rein weiblichen Struktur keine Einwände.

Alisha: Ein moderner Vorname aus dem englischen Sprachraum, Variante von Alice/Alicia. Auch zu Patricia gibt es heute die Abwandlung Patrisha.

Apsara: Traditioneller indischer Mädchenname mit der Bedeutung „himmlische Maid“. Um Bestätigung bat eine Familie in Baden.

Artjom (auch Artiom): Der russische Jungenname wurde von einer Familie, die heute in Ostfriesland lebt, gewünscht. Von Artemius, nicht zu beanstanden.

Arwen: Seit einigen Jahren werden immer wieder Namen aus den J.J.R.-Tolkien-Romanen, besonders dem „Herrn der Ringe“, nachgefragt. Arwen als walisischer Mädchenname ist auch in einigen Namenbüchern verzeichnet (englisch „fair, fine“). Andere fiktionale Namen müssen auf ihre Qualität als Vorname geprüft werden, zum Beispiel Galadriel, Tinuviel und die Jungennamen Aragorn oder Legolas.

Bekir: Eltern aus dem Kosovo erbaten die Bestätigung für diesen islamisch-südslawischen Jungennamen. Er geht auf das Arabische zurück, Bakr mit der Bedeutung „Erstgeborener“.

Blerti: Ein albanischer Vorname („grün, maienfrisch“). Der Junge albanischstämmiger Eltern wurde auch im Mai geboren. Albanische Vornamen sind prägnant und leicht zu erkennen. Beispiele: Bleron, Drilon, Fatlum, Ledion, Qendrim.

Chenoah: Wie die meisten neuen Namen aus den Vereinigten Staaten stammend, wo jede denkbare Wortform als Vorname möglich ist. Viele traditionelle Namen werden abgewandelt. Hinzu kommen Namen aus vielen Sprachen der Welt und indianische Namen. Auch Chenoa („weiße Taube“) ist indigen.

Curly: Dieser Name, heute öfter gewünscht, kommt aus dem Englischen („krauses, welliges Haar“), kommt insofern auch bei Jungen vor und kann darum nicht als Einzelname vergeben werden.

Dajanira: Hier liegt eine Neubildung vor, die in Analogie zu den in Lateinamerika geläufigen Mädchennamen Dayanira, Deyenira, Dejanira und Dianira zu sehen ist. Die Bitte um Bestätigung kam von einer deutschen Familie in Hessen.

Diyar: ein seltener kurdischer Vorname („offen“, „klar“), gewünscht von einer Immigrantenfamilie. Weil Diyar auch für Jungen nachgewiesen werden kann, mußte das Mädchen noch einen zweiten Namen haben - in diesem Fall Nisa.

Drilona: Dieser Mädchenname kommt in Albanien öfters vor. Gewünscht wurde er von Immigranten in Niedersachsen.

Jamiro: Ein Künstlername, durch einen berühmten Sänger bekannt. Aufgrund der klaren maskulinen Struktur und analoger Bildungen (Casimiro, Miro, Ramiro, Spiro) und weil dieser Vornamen schon gelegentlich vergeben wurde, zulässig.

Jivan, Jeevan: Der indische Jungenname („Leben“) wurde für eine deutsche Familie aus Süddeutschland bestätigt. Indische Vornamen werden immer öfter gewünscht - vergleiche auch Putri.

Juni: Als Variante von Junia/June im Englischen geläufig. Juni muß aber, da auch Kurzform zu Junius (womöglich auch zu Junior), durch weiblichen Vornamen ergänzt werden. Gleiches gilt für den Namen Juli, den immer mehr Mädchen bekommen. Dann gilt Juli als Kurzform für Julia/Julie. Die Schriftstellerin Juli Zeh (geboren 1974) heißt bürgerlich Julia.

Lestat: Ein fiktiver männlicher Name. Vorbild ist Anne Rice' Roman „The Vampire Lestat“ („Der Fürst der Finsternis“). Gewünscht wurde Lestat, auch im Angloamerikanischen bekannt, schon zweimal.

Liora: Wie Leora ein hebräischer Mädchenname („Licht, mein Licht“); ausgesucht hat ihn eine deutsche Familie in Baden-Württemberg.

Luan: Der albanische männliche Name („Löwe“, „Held“) - ihn trägt auch ein bekannter Boxer - kann auch als Zusammenziehung von Lou und Ann als weiblich aufgefaßt werden, ist also nicht eindeutig.

Manila: Nicht nur Orts-, sondern auch Vorname - im Italienischen als Variante von Manilia oder ideologisch bestimmt im Blick auf die philippinische Revolution.

Meidias: Name eines antiken griechischen Künstlers. Gewünscht von Eltern in Sachsen - der Vater ist Bildhauer.

Morino: Ein Vorname, der fürs Italienische belegt ist - als Erweiterung zu Moro.

Nemo: Seit dem Film „Findet Nemo“ bekannt. Schon in den Sechzigern war Nemo („niemand“) vergeben worden, angeregt durch den Film zum Jules-Vernes-Roman „20.000 Meilen unter dem Meer“. Ein Standesamt forderte die Hinzufügung eines traditionellen Jungennamens.

Niccel: Geprägt nach Schweizer Vorbild: Die Frau des Kabarettisten Emil Steinberger heißt Niccel (aus Nicola/Nicole). Kurzformen, auch auf -el (wie Hänsel, Gretel, Bärbel, Stoffel) gibt es von Nicola/Nikola oder Nikolaus reichlich. Als Einzelname nicht möglich, zusammen mit dem weiblichen Namen Jolie aber wohl.

Nikita: Heute auch weiblich! Im Russischen männlich, kommt Nikita in manchen slawischen Sprachen und im angelsächsischen Sprachraum auch als Mädchenname vor, etwa als Variante von Nicole, Nicola. In einem Fall nannten die deutschen Eltern aus dem Ruhrgebiet ihre Tochter zusätzlich Sanam, das ist ein Mädchenname persischer Herkunft.

Osama, Usama: Arabischer Vorname („Löwe“), dessen Vergabe trotz gravierender politischer Bedenken möglich ist. Anders steht es um die den Familiennamen einschließende Form Osama bin Laden, die ein Kölner Gericht vor drei Jahren den Eltern türkischer Herkunft verweigerte.

Putri: Dieser weibliche Name kommt in Indien und Indonesien vor („Tochter“). Gewünscht wurde der Name von einem binationalen Paar - die Mutter aus Indonesien, der Vater ein Deutscher.

Rahul: Ein weiteres Beispiel für indische Vornamen, die heute öfter auch von deutschen Familien ausgesucht werden. Diesen Namen trug der Sohn Buddhas.

Rhianna: Vornamen keltischen Ursprungs, oft über das Englische vermittelt, sind heute auch bei uns beliebt. Rhianna ist abgewandelt vom walisischen Rhiannon („Nymphe“, „Mondgöttin“): Nach der Überlieferung war Rhianna die schöne Tochter eines Königs der Unterwelt.

Shaima: Gewünscht von Eltern, die aus Algerien stammen. Shaima/Shayma - nach französischer Transkription Chayma - war die Tochter Halimas, der Amme Mohammeds.

Shakir: Ein arabischer Jungennamen („Dank“), den eine Immigratenfamilie aus Nordrhein-Westfalen vergab.

Shania: Mädchenname mit Sha-, vielfach neu geprägt, sind bei Afroamerikanern sehr beliebt. Vielleicht steht der Suaheli-Name Shani („wundervoll“) dahinter. Andere verweisen auf einen indianischen Vornamen mit der Bedeutung „on my way“. Um Bestätigung bat eine deutsche Familie aus Hessen.

Sinovuyo: Ein Mädchenname der Xhosa. Die Familie aus Norddeutschland, die ihn sich wünschte, war in christlicher Mission in Südafrika, der Name („wir sind glücklich“) wurde ihr dort von Freunden empfohlen. Das Mädchen hat noch zwei traditionelle europäische Vornamen.

Solea: Im romanischen Sprachraum gibt es zu sol („Sonne“) mehrere Vornamen, so etwa im Französischen Soléa. Nun heißt auch ein Mädchen in Rheinland-Pfalz so.

Summer: Wie Sunny aus dem Angelsächsischen. Zuletzt von einer deutschen Familie in Brandenburg gewünscht.

Sunny: Aus dem angelsächsischen Raum, für Mädchen und gelegentlich auch für Jungen. Darf nur mit einem weiteren, rein männlichem oder weiblichem Namen eingetragen werden. Der Sohn der deutschen Familie aus Hessen, um den es hier ging, heißt Sunny Noah.

Timasia: Als weibliche Form zu Timasion (griechischer Heerführer) und Timasius (römischer Konsul im vierten Jahrhundert) zu betrachten. Jetzt auch in Norddeutschland heimisch.

Vredeber: Ein seltener Vorname deutschen Ursprungs, der von Wilfried Seibicke (“Historisches Deutsches Vornamenbuch“) als Variante zu Namen mit den Wurzeln Fried + Ber/n/ gedeutet wird.

Wiglev: Dieser Jungenname ist als (seltene) Variante zu Wiglaf, Wiglef zu verstehen und auch in dieser Schreibform anzuerkennen. Dem Wechsel zwischen f und v begegnet man zum Beispiel auch bei Detlef, Gustaf, Olaf.

Zerda: Der kurdische Mädchenname („blond“) wurde in der letzten Zeit öfter gewünscht. Ihn trägt die Hauptfigur einer im türkischen Fernsehen und auch in Deutschland zu empfangenden Serie.

Zhara: Eine seltene Schreibform, die in einem neueren englischen Namenbuch zu finden ist. Variante von Zahra oder Shara (aus Shari, Sharon abgewandelt).

Dr. Gerhard Müller ist Leiter der Sprach- und Vornamenberatung der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden.



Text: F.A.Z., 14.11.2006, Nr. 265 / Seite 9
Bildmaterial: AFP, AP, CINETEXT, Cinetext Bildarchiv, ddp, Disney/Cinetext, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, REUTERS

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