Von Simone Kaiser
03. November 2004Eine Schreckensvision von Martin Löer sieht so aus: Galadiner mit der britischen Königin Elisabeth II. in Berlin. Der Saal füllt sich. Aber hinter einigen der wichtigsten Namen auf der Gästeliste fehlen noch immer die Häkchen. Die No-shows, wie Löer sie nennt, seien der Albtraum eines jeden Protokollchefs. Geladene Gäste, die einfach nicht erscheinen.
Sie werfen die ganze Sitzordnung durcheinander, sagt Martin Löer, im Bundespräsidialamt für alle Fragen des Protokolls zuständig. Wie begrüßt man das jeweilige Staatsoberhaupt? Handschlag, Knicks, Diener? Darf man Fleisch oder Alkohol anbieten? Welche Gesprächsthemen sind tabu? Löer, der zuvor Protokollchef in Brandenburg und Präsidialsekretär der Berliner Akademie der Künste war, kümmert sich seit etwas mehr als drei Jahren in Schloß Bellevue um die passenden Antworten.
Schon zwei Monate vor dem offiziellen Staatsbesuch der britischen Königin hat er sich mit seinen Counterpartsaus London, der berühmten Vordelegation, getroffen. Man müsse einen solchen Besuch rechtzeitig planen, damit zum Beispiel beim Menü überhaupt noch Änderungen berücksichtigt werden können, sagt er.
Elisabeth II. sei, gerade was das Essen betrifft, ein recht unkomplizierter Gast. Es habe im voraus überhaupt keine Restriktionen gegeben. Die Königin probiere am liebsten Landestypisches. Damit sie allerdings nicht bei den Mittagessen mit Matthias Platzeck und Peer Steinbrück genau das gleiche serviert bekommt wie bei Bundespräsident Horst Köhler, bespricht Martin Löer vorab die Speisekarte mit den jeweiligen Küchenchefs.
Und auch mit dem Gerücht, die Königin bringe ihr eigenes Mineralwasser mit, kann Löer aufräumen: Uns wurden diesbezüglich keinerlei Sonderwünsche mitgeteilt. Im Hotel Adlon, wo 42 Wassersorten vorrätig sind, wird man in der Minibar der von der Königin bewohnten 200-Quadratmeter-Präsidentensuite daher eine kleine Auswahl anbieten. Das britische Malvern sei nicht darunter - und auch von niemandem angefordert worden.
Für jeden Staatsbesuch legt Protokollchef Löer eine Mappe an, in der Extrawünsche, aber auch landestypische Gepflogenheiten notiert werden. Unterstützt wird der Protokollchef dabei vom Auswärtigen Amt und den jeweiligen Botschaften. Aber Löer stellt klar: Die Protokolliste gibt es nicht. Das ist ein Mythos.
Für jeden Anlaß werde eine individuelle Gästeliste erstellt, die dann dem Bundespräsidenten vorgelegt wird. Ist diese akzeptiert, kümmert sich Löer auch um die Sitzordnung. Er achtet darauf, daß die Königin rechts vom Bundespräsidenten sitzt, und nicht etwa gegenüber, und daß Prinz Philip zu Köhlers Linken Platz nimmt.
Auch Dolmetscher organisiert er, was in diesem Fall nicht nötig ist, da Horst Köhler und seine Frau perfekt Englisch sprechen. Löer sorgt vor allem dafür, daß der Bundespräsident über den Besucher und sein Herkunftsland "à jour" ist: Wir haben Herrn Köhler natürlich über den Tod von Prinzessin Alice informiert und ihn bezüglich der deutsch-britischen Beziehungen auf den neuesten Stand gebracht.
Ein Albtraum wäre es für Löer, wenn bei Tisch oder beim Konzert in der Philharmonie plötzlich ein Handy klingeln würde. Da wäre die Queen nämlich not amused. Sie haßt Handyklingeln, auch wenn sie einen solchen Zwischenfall schon einmal mit der Aufforderung überspielt: Sie sollten rangehen, vielleicht ist es jemand Wichtiges.
Er verlasse sich da ganz auf die Kinderstube der Gäste, sagt Löer. Toi, toi, toi - bisher ist nichts schiefgegangen. Sein eigenes Handy hat Löer natürlich immer angeschaltet, allerdings nur den Vibrationsalarm. Während eines Banketts sitzt er dann in Sichtweite des Bundespräsidenten. Per Blickkontakt verständigen sie sich - wenn ein Eingriff notwendig wird.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: dpa/dpaweb