Heilbronner Gewalttrio

„Es ist kein Einzelfall“

Von Rüdiger Soldt

10. Januar 2008 Wer den Fußweg zur Heilbronner Theresienwiese entlang geht, übersieht sie fast, die kleine Gedenktafel, die an die im April 2007 in der Nähe des traditionellen Heilbronner Festplatzes grauenvoll ermordete Bereitschaftspolizistin Michele Kiesewetter erinnert.

Die alkoholisierten Gewalttäter, ein 16 Jahre alter türkischer Jugendlicher, ein 19 Jahre alter heranwachsender Bosnier und ein 22 Jahre alter erwachsener Deutscher, haben die Tafel nicht übersehen. Immer wieder traten sie am Mittwochnachmittag gegen die Tafel, die an die tote Polizistin erinnert, deren Mörder eine Sonderkommission noch immer verzweifelt sucht.

Zivilcourage, die er bereuen wird

Und dann kommt es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung, die an den Vorfall in der Münchner U-Bahn erinnert, und über den dank des Wahlkampfes des hessischen Ministerpräsidenten Koch (CDU) nun seit Wochen das ganze Land diskutiert.

Ein 73 Jahre alter Mann, geboren in Serbien, zeigt Zivilcourage. Er versucht das alkoholisierte Trio von ihrem Tun abzuhalten. Wenige Minuten später wird er diesen beherzten und couragierten Einsatz bereuen: Die Jugendlichen greifen den Mann an, schlagen ihn auf dem Kopf, so dass er bewusstlos und mit schweren Verletzungen in das Krankenhaus gebracht werden muss.

Schon zuvor hatte es Ärger gegeben

Die Täter flüchteten in den Stadtteil Heilbronn-Böckingen, bis die Polizei, die mit einem Hubschrauber eine Großfahndung eingeleitet hat, alle drei Täter kurze Zeit später festnehmen kann. Die Gewalttäter waren schon seit den Mittagsstunden durch die Heilbronner Innenstadt gezogen, hatten gegen Autos uriniert und lautstark randaliert.

Mindestens eine Flasche Wodka sollen sie getrunken haben. Auch beim Randalieren am Mittag waren sie von einem 60 Jahre alten Mann beobachtet und ermahnt worden. Auch bei dieser Auseinandersetzung zeigten Heilbronner Bürger Zivilcourage: Zwei 25 Jahre alten Türken verteidigten den Angegriffenen, die Täter flüchteten dann in Richtung Theresienwiese.

Heilbronn gilt als sichere Stadt

Die drei Tatverdächtigen befinden sich nun in Untersuchungshaft. Nach Polizeiangaben wurden gegen die jungen Männer am Donnerstag Haftbefehle wegen gefährlicher Körperverletzung erlassen. Alle drei Beschuldigten legten Teilgeständnisse ab, die jedoch äußert widersprüchlich sein sollen.

Wo sind die Ursachen für die Gewalttaten, wie kommt es zu dieser unbeschreiblichen Verrohung? Heilbronn gilt als sicherste Großstadt Baden-Württembergs, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, der Anteil der ausländischen Bevölkerung auch nicht höher als in Mannheim oder Heidelberg.

Zunehmende Gewalt

„Es ist kein Einzelfall, es kommt aber auch nicht jeden Tag vor“, sagt Rainer Kölle von der Heilbronner Polizeidirektion. Seit etwa zehn Jahren registriere man die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen. Viele Jahre seien die Statistiken zu positiv ausgefallen, weil die auch in den baden-württembergischen Gefängnissen als besonders gewalttätig geltenden Spätaussiedler aus Russland nicht gesondert erfasst worden seien.

Auch die Staatsanwältin Michaela Molnar, derzeit Sprecherin der Heilbronner Staatsanwaltschaft, ist der Auffassung, dass die Gewalttätigkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen etwa seit Ende der neunziger Jahre deutlich zugenommen hat. Frau Molnar muss es wissen, denn sie hat zuvor zehn Jahre als Jugendstaatsanwältin gearbeitet. „Früher war eine Schlägerei im Bierzelt beendet, wenn jemand am Boden lag,jetzt beginnt die Schlägerei erst richtig, wenn jemand am Boden liegt“, sagt die Staatsanwältin.

Gruppenzwang und Alkohol als Ursache

Als Ursachen nennt sie „Gruppenzwang“, „Alkohol“ und den von den Eltern nicht kontrollierten Medienkonsum. Die Staatsanwaltschaft Heilbronn hat in der Altersgruppe 14 bis 18 Jahre insgesamt 38 Intensivtäter registriert: 19 sind Deutsche, 14 sind Nichtdeutsche und fünf Spätaussiedler.

In der Altersgruppe der Heranwachsenden (18 bis 21 Jahre) haben die Staatsanwälte in der nordwürttembergischen Stadt 14 Intensivtäter registriert - vier Deutsche, fünf Nicht-Deutsche und fünf Spätaussiedler.

Die mutmaßlichen Täter waren der Polizei bekannt

Von dem Trio, das den Rentner an der Gedenktafel misshandelte, ist nur der 16 Jahre alte Türke bislang als „Intensivtäter“ in den Akten der Staatsanwälte geführt worden. Der Bosnier ist mit Verkehrsdelikten aufgefallen, der Deutsche stand mehrfach wegen Betrug, Wohnungseinbrüchen, Waffenbesitz und Diebstahl vor Gericht.

Der baden-württembergische Innenminister Rech (CDU) sagte, die Täter hätten sich ruchlos verhalten. „Hier muss die Strafe auf dem Fuß folgen, zumal ein Mitbürger Opfer ist, der Zivilcourage gezeigt hat“, sagte Rech.

Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Pflieger warnte dagegen davor, an den Heilbronner Gewalttätern nun „ein Exempel“ zu statuieren. Der Generalsekretär der baden-württembergischen CDU, Strobl, der auch Heilbronner Bundestagsabgeordneter ist, forderte „scharfe ausländerrechtliche Sanktionen“. Zum Schutz der Bevölkerung gehöre „das Gelichter hinter Schloss und Riegel“, jede Nachsicht sei fehl am Platze. Da alle Täter vorbestraft seien, müsse die SPD ihren Widerstand gegen eine Verschärfung des Jugendstrafrechts und des Ausländerrechtes endlich aufgeben, sagte der CDU-Politiker.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

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