18. Mai 2008 Sechs Tage nach dem verheerenden Erdbeben in der südwestchinesischen Provinz Sichuan ist die Zahl der bestätigten Todesopfer auf 32.477 gestiegen. Die Zahl der Verletzten gab die Regierung am Sonntag in Peking mit 220.000 an. Ein Nachbeben der Stärke 5,7 verbreitete erneut Angst und Schrecken, die Gefahr einer Flutwelle aus von Erdrutschen aufgestauten Flüssen ging nach Behördenangaben zurück.
Nach Angaben des Gesundheitsministeriums müssen 122.000 Menschen in Krankenhäusern und Feldlazaretten ärztlich behandelt werden. Um sich ein Bild von der Lage zu machen, setzte Chinas Staats- und Parteichef Hu Jintao am Sonntag seinen Besuch im Katastrophengebiet fort. Seine Regierung hat eine dreitägige Staatstrauer für die Opfer des Erdbebens ausgerufen. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete am Sonntag, die Trauerperiode werde amMontag beginnen.
Amerikanischer Hilfsflug nach Chengdu
Zwei amerikanische Militärflugzeuge flogen unterdessen Hilfsgüter in die betroffenen Gebiete - das erste Mal, dass Peking nach der Katastrophe Hilfe von ausländischen Truppen annimmt, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldet. Das erste Flugzeug mit Lebensmitteln, Generatoren und Decken an Bord sei am Morgen bereits in Chengdu, der Hauptstadt der Provinz Sichuan, gelandet, sagte eine Vertreterin der amerikanischen Botschaft in Peking. Eine zweite Maschine sollte am Nachmittag in der Region eintreffen.
Der Kommandeur der Truppen im Pazifik, Admiral Timothy Keating, sprach in einer Erklärung den Opfern des Bebens sein Mitleid aus. Wir werden weiterhin jede mögliche Hilfe leisten, um ihr Leiden und den Tod zu verhindern, sagte er weiter. Laut Xinhua haben die Vereinigten Staaten bislang Hilfen in Höhe von auf 1,6 Millionen Dollar (rund eine Millionen Euro) bereitgestellt. Insgesamt hätten die nationalen und internationalen Hilfsgelder eine Summe von rund 860 Millionen Dollar (rund 552 Millionen Euro) erreicht.
Atomanlagen sicher und kontrollierbar
Die Atomeinrichtungen im Erdbebengebiet beschrieben Regierungsquellen nach einer Untersuchung als sicher und kontrollierbar, wie Xinhua schrieb. In dem schwer betroffenen Gebiet von Mianyang und Guangyuan unweit des Epizentrums liegt das wichtigste chinesische Entwicklungszentrum für Atomwaffen. Dazu gehören ein Forschungsreaktor, die größte chinesische Plutoniumproduktion und andere Labors. Nach dem Erdbeben hatte das Amt für nukleare Sicherheit und das Umweltministerium sofort Nuklearexperten nach Sichuan entsandt, um die Atomeinrichtungen zu überprüfen.
Noch immer gibt es Berichte von der wundersamen Rettung mehr als 130 Stunden verschütteter Menschen: Bergungskräfte bargen am Sonntag zwei verschüttete Männer lebend aus den Trümmern. Die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua meldete, Tang Xiong sei nur leicht verletzt nach 139 Stunden aus dem eingestürzten Krankenhaus von Beichuan gerettet worden. Ebenfalls in Beichuan sei acht Stunden zuvor ein weiterer Mann, Wu Jianping, geborgen und in ein Krankenhaus gebracht worden. Über seinen Zustand lagen keine Informationen vor.
Experten zufolge können verschüttete Erdbebenopfer eine Woche und länger überleben - abhängig von der Temperatur und der Möglichkeit, etwas zu trinken. Nach den ersten 24 Stunden sinken die Überlebenschancen rapide. In einigen Gebieten wurde die Suche nach Überlebenden komplett eingestellt.
Am Samstag waren Beichuan und andere Gebiete im Epizentrum aus Furcht vor einer Flutwelle evakuiert worden. Xinhua meldete am Sonntag, die Verantwortlichen hätten von Erdrutschen aufgestaute Flüsse überlaufen lassen und das Wasser umgeleitet - die Gefahr einer Flutwelle habe sich damit vermindert.
Deutscher in Gebirgsdorf gestrandet
Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua korrigierte am Samstag eine Meldung über einen vermissten und geretteten deutschen Touristen. Der Mann sei nicht nach 114 Stunden aus Trümmern befreit worden, sondern in einem von der Umwelt abgeschnittenen Bergdorf einfach gestrandet, hieß es am Samstag in einer berichtigten Fassung der ursprünglichen Meldung. Der Tourist sei mit seinem Dolmetscher und Fahrer bereits am Donnerstag geortet worden; Soldaten hätten ihn aber erst am Samstag erreichen können und mit nach Chengdu genommen. Der Tourist sagte, er und seine Begleiter seien von den Dorfbewohnern mit Essen und Getränken versorgt worden. (Geretteter Deutscher: Es war der Weltuntergang )
Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte am Samstag: Der Fall ist uns bekannt. Es handelt sich um die Person, die sich heute bei den deutschen Stellen gemeldet hat. Angaben zur Person und zu Details des Falles wollte die Sprecherin aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht machen. Das Auswärtige Amt spricht bisher von einigen wenigen Vermisstenmeldungen Deutscher in der Region.
Urin getrunken, Tabak gegessen
Durch die schlechten hygienischen Bedingungen stieg bei feuchtwarmem Wetter die Seuchengefahr. Die Leichen können nicht schnell genug beerdigt oder eingeäschert werden. Trotz der großen Hilfsaktion mangelt es an ärztlicher Versorgung. Mehr als 100.000 Soldaten sind im Einsatz, um in den Trümmern nach Opfern zu suchen und die Hilfe zu organisieren.
Einige Überlebende, die fast 100 Stunden nach dem Beben noch aus den Trümmern gerettet worden waren, schilderten, wie sie sich am Leben hielten. Der 46-jährige Peng Zhijun berichtete, seinen eigenen Urin getrunken und sich von Papiertaschentüchern und Zigaretten ernährt zu haben. Ich musste mich selber retten, sagte der Mann laut Xinhua. Er steckte mit einem gebrochenen Arm und leichten Beinverletzungen in den Trümmern eines Gebäudes in Beichuan fest. Ich habe Zigaretten auseinandergebrochen und den Tabak gegessen. Als die Zigaretten aufgebraucht waren, habe ich die Papiertaschentücher genommen.
Immer wieder hatte Peng Zhijun gegen eine eingestürzte Wand geklopft, um auf sich aufmerksam zu machen. Als fast 100 Stunden vorbei waren, habe ihn ein Bergungstrupp gefunden. Sie waren begeistert, mich lebend zu finden - so wie ich. Ich habe laut geweint. Drei andere Überlebende wurden mit ihm geborgen. Auch sie hatten ihren Urin getrunken. Er habe andere ermutigt, seinem Beispiel zu folgen, sagte Peng Zhijun. Aber sie haben nicht gehört. Mehr als zehn Verschüttete seien um ihn herum gewesen. Am Anfang waren sie alle noch am Leben.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS