Hagelabwehr

Die Wettermacher

Von Julia Roebke

Wieder gut gelandet: die Hagelflieger Georg Vogl (links) und Konrad Kneschaurek

Wieder gut gelandet: die Hagelflieger Georg Vogl (links) und Konrad Kneschaurek

18. Juli 2008 Es ist heiß an diesem Nachmittag auf dem kleinen Flugplatz Vogtareuth, schwülheiß und eigentlich so richtiges Badewetter. Georg Vogl sitzt im Schatten einer Tragfläche auf dem Gras und blinzelt in Richtung Osten. „Man sieht schon den ersten Pilz“, sagt er. „Da entwickelt sich was.“ Der 49 Jahre alte Vogl spricht von Wolken, die am Horizont in Form eines Pilzes in die Höhe steigen, einem entstehenden Gewitter, das Hagel mit sich bringen kann. Das sind Alarmsignale für den Piloten der Rosenheimer Hagelabwehr, einer mit zwei Maschinen ausgestatteten Fliegerstaffel, die Hagelschlag und die damit verbundenen Schäden in der Region verhindern soll.

16.30 Uhr, das Mobiltelefon klingelt. Der Meteorologe des privaten Wetterbüros aus Nürnberg meldet erste Hagelechos. „Die Wolken stehen nördlich von Füssen, wir haben also noch etwas Zeit“, sagt Vogl und informiert seinen Kollegen Konrad Kneschaurek über den bevorstehenden Einsatz. Die Piloten werden mit den zweimotorigen Propellermaschinen aufsteigen, dem Gewitter entgegenfliegen und die Wolken mit Silberjodid-Partikeln impfen. Vor dem Abflug läuft Vogl noch einmal um sein Flugzeug herum. Zwei Geräte, die aussehen wie Raketen, sind rechts und links am Ende der Tragflächen montiert. „Das sind Spezialgeneratoren mit jeweils einem Tank, in dem sich 20 Liter einer Lösung aus Silberjodid und Aceton befinden“, sagt Vogl.

Billionen Silberjodid-Teilchen

Erreicht seine Maschine in einer Höhe von maximal sieben Kilometern den Aufwindschlauch der Gewitterwolken, zündet der Pilot die an die Tanks angeschlossenen Brenner. Billionen Silberjodid-Teilchen werden dann, so die Theorie, mit dem Aufwind in den Kern der Wolke in zwölf bis 15 Kilometer Höhe transportiert. Dort dienen die Teilchen als zusätzliche Kristallisationskerne, an denen sich Wassermoleküle festsetzen. Mit der ständigen Auf- und Abwärtsbewegung der Kerne innerhalb der Wolke bilden sich Hagelkörner. Durch die Masse der zusätzlich injizierten Kerne entstünden viele kleine statt weniger großer Hagelkörner, sagt Vogl. Läuft alles nach Plan, wandeln sich diese kleinen Körner auf dem Weg zur Erde noch in Wassertröpfchen um.

16.50 Uhr. Plötzlich muss alles ganz schnell gehen. Während der zweite Pilot, der 28 Jahre alte Kneschaurek, noch mit seinem Auto über die Schotterstraße zum Flugplatz rumpelt, ist Vogl schon auf dem Weg zur Startbahn. Die Propeller drehen sich mit sattem Brummen. Ein letzter Kontakt mit dem Flugbetriebsleiter Hermann Selbertinger, die Maschine hebt ab und verschwindet in Richtung Osten. Die zweite folgt Minuten später. In dem kleinen Häuschen am Rande der Startbahn notiert Selbertinger noch die genaue Startzeit.

Vier Maschinen sind in Deutschland im Einsatz

„Den Aufwindkanal finden und genau dort den Brenner starten, das ist das Schwierigste an der ganzen Angelegenheit“, sagt er. Als Ingenieur konstruierte er 1975 die Spezialgeneratoren für die Flugzeuge und flog auch selbst die ersten Einsätze der Rosenheimer Hagelabwehr. Früher, sagt er, habe man ja noch geglaubt, mit Glockenläuten den Hagelschlag verhindern zu können. Später, in den dreißiger Jahren, wurden Hagelabwehrversuche mit Raketen unternommen. Dagegen sei die heutige Methode hochprofessionell. In Deutschland gebe es vier Maschinen, die in Rosenheim und in Stuttgart für die Hagelfliegerei eingesetzt werden. In anderen Ländern wie zum Beispiel in den Vereinigten Staaten, in Österreich und Kroatien sei diese Methode weit verbreitet.

„Die Azubis“, wie Selbertinger seine Hagelflieger im Einsatz nennt, melden sich per Funk: „Die Wolken im Osten sind geimpft, jetzt sind wir unterwegs nach Freilassing.“ Dort, gleich bei Salzburg, soll sich ebenfalls ein Gewitter zusammenbrauen. Nix wie hin, denn zum Schutzgebiet der Staffel gehören neben der Stadt Rosenheim auch die Landkreise Rosenheim, Miesbach und Traunstein sowie einige Gemeinden des Tiroler Bezirks Kufstein jenseits der Grenze zu Österreich. Der Betreiber der Flugstaffel ist der Landkreis Rosenheim, doch die Kosten, rund 200.000 Euro im Jahr, werden gemeinsam getragen.

Für Kachelmann „Aberglaube“

An 25 Tagen waren die Hagelflieger im vergangenen Jahr im Einsatz, berichtet Josef Huber, der Vorsitzende des Rosenheimer Vereins zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung. Bedenken bezüglich einer möglichen Umweltverschmutzung müsse niemand haben: „Das Silberjodid-Aceton-Gemisch wird verbrannt, am Boden ist nichts mehr nachzuweisen.“ Mit seinen Einnahmen unterstützt der fast 10.000 Mitglieder zählende Verein die Hagelabwehr und die wissenschaftliche Erforschung der Hagelbekämpfung. Denn auch wenn die Bevölkerung in der Gegend, wie Huber sagt, geschlossen hinter den Piloten steht – die Wirksamkeit dieser Art der Unwetterbekämpfung konnte wissenschaftlich bis heute nicht nachgewiesen werden. Somit melden sich in der Region auch immer wieder Meteorologen zu Wort, die die mit öffentlichen Mitteln finanzierte Hagelbekämpfung geißeln.

Fernseh-Wetterfachmann Jörg Kachelmann bezeichnete vor einiger Zeit in einem Gastbeitrag im „Oberbayerischen Volksblatt“ die Hagelbekämpfung sogar als „Aberglaube“. Eine Kerze in der Kirche helfe mehr gegen Hagel als Silberjodid, schrieb er. Eine solche Aussage treffe ihn sehr, sagt Huber, doch fordere es ihn auch heraus, wissenschaftliche Beweise zu liefern. Daher zeichnet eine von Ernst Schneider, Professor für Mess- und Regelungstechnik an der Fachhochschule Rosenheim, entwickelte automatische Erfassungsanlage seit kurzem in den Flugzeugen während des Einsatzes wichtige Daten auf. Alle acht Sekunden messe der Computer Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchte, Positionsangaben und einiges mehr, sagt Schneider. Die Auswertung, von der man sich Rückschlüsse auf die Wirksamkeit der Hagelbekämpfung erhofft, werde ein unabhängiges Institut in München vornehmen. „Das ist vielleicht auch ganz gut so“, scherzt Schneider. Er sei ein Förderer der Hagelflieger. Als diese vor kurzem nicht im Einsatz waren, habe ein Hagelschlag sein Haus böse erwischt.

Gefährlicher Weg zum Flugplatz

Die Wolkenbildung, speziell die Hagelbildung, sei ein komplexer Prozess, sagt Ulrich Schumann, Direktor des Instituts für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen. „Ich sehe die Hagelflieger eher kritisch.“ Da es keinen wissenschaftlichen Nachweis gebe, könne man jedoch auch nicht ausschließen, dass deren Arbeit wirksam sei. Er bezweifelt jedoch, dass die Piloten genau die Stelle in den Wolken finden können, an der der Aufwind die Silberjodid-Partikel in die gewünschte Höhe trägt.

19.50 Uhr, die Hagelflieger landen wieder in Vogtareuth auf der regennassen Bahn. „Es hat schwach angefangen, war zum Schluss aber massiv“, sagt Kneschaurek über seinen Flug, bevor er sich, bekleidet mit einem grauen Overall, daranmacht, sein Flugzeug zu putzen. „Wir sind direkt an der Wolkenuntergrenze geflogen“, sagt Vogl. Der immense Aufwind der Gewitterwolken zog über Österreich sogar sein zwei Tonnen schweres Flugzeug mit in die Höhe. „Als der Sog zu stark wurde, musste ich mit dem Flugzeug 90 Grad Schräglage einnehmen, um abdrehen zu können“, berichtet Vogl, der wie die anderen vier Piloten ehrenamtlicher Hagelflieger ist. Und er ist überzeugt: „Wären wir nicht geflogen, hätte es heute garantiert an drei bis vier Stellen gehagelt.“

Beulen an den Maschinen

Wenn starke Gewitterfronten aufziehen, schiebt ein Hobbypilot normalerweise seine Maschine möglichst schnell in die trockene Halle. Selbst die großen Langstreckenmaschinen der internationalen Fluggesellschaften meiden den Kontakt mit Cumulonimbus, der Gewitterwolke. Ist das nicht ein recht gefährlicher Zeitvertreib für einen Familienvater? Vogl, seit 28 Jahren als Hagelflieger unterwegs, hebt nur kurz die Schultern. „Bis jetzt hatten wir in der Staffel noch keinen schlimmen Unfall.“ Lediglich die Maschinen hätten im Hagelschlag Beulen davongetragen. Und überhaupt: „Das gefährlichste für den Hagelflieger ist der Weg zum Flugplatz. Denn gedanklich ist man da schon in der Luft.“

Wie Hagel entsteht

Hagelkörner entstehen in Cumulonimbus Wolken, den klassischen Gewitterwolken, in denen starke Aufwinde herrschen. Wassertropfen werden dort in große Höhen katapultiert, gefrieren zu Eiskörnern und fallen wieder hinunter. Im Fall lagert sich Feuchtigkeit an, bis der Aufwind, der in niedrigerer Höhe stärker ist, die Körner wieder nach oben transportiert. Dieser Vorgang wiederholt sich so lange, bis der Aufwind die schweren Hagelkörner nicht mehr halten kann und sie zur Erde fallen. Damit Körner überhaupt entstehen, braucht es kleine Partikel, an denen sich die Luftfeuchtigkeit anlagern kann, zum Beispiel Staub.

Von Hagelkörnern sprechen Wissenschaftler erst, wenn ein Durchmesser von 0,5 Zentimeter erreicht wurde. Kleinere Körner heißen Graupel. Hagelkörner mit einem Zentimeter Durchmesser schlagen mit einer Geschwindigkeit von rund 50 Stundenkilometern auf, was erheblichen Schaden verursachen kann. Die Münchener Rückversicherung schätzt, dass in Deutschland jedes Jahr ein Schaden von mehreren zehn Millionen Euro entsteht. „Am Alpenrand ist die Gefahr eines Hagelschlags besonders groß, da schwere Gewitter meist über gebirgigen Regionen entstehen“, sagt Andreas Friedrich, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst. Gerade an Hängen ströme die heiße Luft nach oben. Sie entstehe auch dadurch, dass die Sonne schräg einfalle und den Boden an Hangflächen stärker erhitze als ebene Flächen. Heiße Luft steigt auf und bildet mit der Abkühlung Wasserdampf und Wolken, die sich zu Gewitterwolken auswachsen können. (jur.)

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jan Roeder

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