Von Jochen Buchsteiner, Auckland/Wellington
23. August 2008 Der lange Weg zu Helen Clark beginnt bei Jocelyn, führt zu Zoe, dann zu Katy, die irgendwann sagt: Am besten, Sie besprechen das mit Kathryn. Man kann sich durch die neuseeländische Ministerialbürokratie ins Amtszimmer der Regierungschefin hochkämpfen, ohne einem einzigen Mann zu begegnen - sieht man von den Uniformträgern an der Sicherheitsschleuse ab.
Das Bemerkenswerte am Erfolg unserer Frauen ist, dass ihn niemand mehr für bemerkenswert hält, sagt Colin James. Der Kolumnist hat sein Büro einige Stockwerke unter der Premierministerin, wo die Zeitungen Räume für ihre Parlamentsbüros haben. Auch hier hat sich James an Frauen gewöhnt. Ihr Anteil in Redaktionen und PR-Büros hat sich derart erhöht, dass schon von einer Feminisierung der Medien gesprochen wurde. Es wurde sogar gefordert, für die Gleichberechtigung gezielt Männer anzuwerben.
Der Premierministerin sind Triumphgesten fern
Im jüngsten Gender Gap Report des World Economic Forum überholen die Neuseeländerinnen die Deutschen. Nun haben sie nur noch Schweden, Norwegen, Finnland und Island vor sich. Frauen haben Riesenschritte in der Arbeitswelt und im öffentlichen Leben gemacht, bilanziert die neuseeländische Menschenrechtskommission in ihrem neuen Zensus zur Teilhabe der Frauen.
Der Premierministerin sind aber Triumphgesten fern: Wir sind lange Jahre ziemlich hinterhergehinkt, vor allem hinter den skandinavischen Ländern und ihren Maßnahmen zur Kinderbetreuung. Aber jetzt holen wir wieder auf. 47 Prozent der neuseeländischen Arbeitsstellen sind inzwischen von Frauen besetzt. Errechnet hat das der neuseeländische Gewerkschaftsbund, der neuerdings von einer Frau geführt wird.
Neuseeland war immer bekannt für seine Gleichberechtigung. 1893 führte es als erstes Land der Welt das Frauenwahlrecht ein. Erkämpft wurde es von Kate Sheppard, einer in Schottland geborenen Sozialreformerin, die das Männerparlament in Wellington so lange mit Unterschriftenlisten bombardierte, bis es schließlich nachgab. Sheppard, die im Alter von 78 Jahren zum zweiten Mal heiratete, ziert bis heute die Zehn-Dollar-Note in Neuseeland.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Ihren Höhepunkt erreichte die Frauenbewegung gut hundert Jahre später. Im Jahr 1999 gewann Helen Clark als Vorsitzende der Labour-Partei gegen die amtierende Premierministerin Jenny Shipley. Kurz darauf wurde Silvia Cartwright zum Governor-General ernannt, in Vertretung der britischen Königin das Staatsoberhaupt. Als dann auch noch das Parlament von einer Frau geführt wurde, war der Höchste Richter längst eine Richterin und der Generalstaatsanwalt eine Generalstaatsanwältin. Kaum ins Gewicht fiel da, dass auch die größten drei Städte des Landes von Bürgermeisterinnen regiert wurden. So selbstverständlich war die Repräsentation der Frauen, dass das neuseeländische Frauenministerium sogar zeitweise von einem Mann geleitet wurde.
Helen Clark spricht von einem Zufallsprodukt einer bemerkenswerten Generation, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Inzwischen hat sich das Verhältnis an den öffentlichen Schaltstellen etwas nivelliert. Aber eine immer noch maßgebliche Repräsentanz im politischen System garantiert heute, dass Frauen in angemessener Weise repräsentiert bleiben.
Anders als in vielen europäischen Ländern haben die neuseeländischen Frauen den Aufstieg ohne Förderprogramme und Quoten erreicht. Vorwärts gebracht haben uns der Abbau rechtlicher Ungleichheiten und eine expandierende Wirtschaft, meint die Sozialwissenschaftlerin Marilyn Waring. Die bekannte Feministin, die drei Legislaturperioden für die konservative Nationalpartei im Parlament saß, zählt zu den Begründerinnen der neuseeländischen Frauenbewegung in den Siebzigern. Als einen Schlüssel zum Erfolg sieht sie die geringere Ignoranz gegenüber flexiblen Arbeitsmarktlösungen.
Hier schlägt sich jeder auf seine Weise durch
Trotz einer sich anbahnenden Schwäche wächst die neuseeländische Wirtschaft noch immer um drei Prozent. Nur knapp darüber liegt die Arbeitslosen-Quote. Wer sich ein paar Jahre um die Kinder kümmern will, gibt seinen Job leichten Herzens auf, denn wenn man will, findet sich schnell wieder ein neuer, sagt Angelika Neill, eine Lehrerin in Auckland mit drei Kindern. Die Reporterin Glenda Wakeham, die mit ihrem arbeitenden Mann zwei Kinder aufzieht, kehrte ebenfalls ohne Mühe in ihren Job bei Radio New Zealand zurück: Der Preis sind nur die verpassten Gehaltserhöhungen in der Zeit, die man zu Hause gearbeitet hat. Auch in Neuseeland gleiche die Vereinbarung von Familie und Beruf einem ständigen Jonglierakt. Aber im Unterschied zu anderen Ländern seien die gesellschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Strukturen nicht so festgefahren. Neuseeland ist frischer. Hier schlägt sich jeder auf seine Weise durch und findet seinen Weg.
Trotz der Erfolge machen Feministinnen wie Marilyn Warin noch immer Defizite aus. Nur weil man jetzt überall Frauen in guten Positionen sieht, lässt sich noch lange nicht von Gleichberechtigung sprechen, sagt die Professorin und verweist auf den hohen Anteil von weiblichen Teilzeitstellen und die Gehaltsdifferenzen zwischen Männern und Frauen. Anschauungsmaterial bietet ihr eigenes Umfeld. Obwohl an der Auckland University of Technology deutlich mehr Männer als Frauen studieren, ist nur jeder vierte Professor eine Frau.
Der Pragmatismus schützt offenbar vor Selbstgerechtigkeit
Auch im Zensus der Menschenrechtskommission wird nicht nur geschwärmt. Er macht eine rätselhafte Entwicklung aus, die in jüngster Zeit den Anteil der Frauen vor allem in Unternehmensvorständen verringert hat. In 60 der 100 größten Unternehmen sitzen heute keine Frauen im Vorstand. Damit ist Neuseeland selbst hinter Australien zurückgefallen, das von den Neuseeländern als Macho-Kontinent verspottet wird.
Wirklich erregen tut das aber die wenigsten. Bestandsaufnahmen zur Rolle der Frau kommen in Neuseeland ohne anklagenden Unterton aus. Es wird kühl bilanziert und besonnen appelliert. Die Forderung nach mehr Frauen in der Wirtschaft wird bei uns nicht mit den Rechten der Frau begründet, sondern mit den Vorteilen für die Wirtschaft, sagt Waring. Der Pragmatismus schützt offenbar auch vor Selbstgerechtigkeit. Anders als manche Kolleginnen im Ausland sieht Premierministerin Clark mit Frauen keine neue politische Kultur einziehen: Sicherlich gibt es politisch einflussreiche Frauen, die etwas stärker an den Bedürfnissen der Familie ausgerichtet sind und sozusagen eine menschlichere Perspektive einnehmen. Aber das gilt beileibe nicht für alle - denken Sie nur an Frau Thatcher.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP