Von Matthias Rüb
24. Juni 2008 Es war für Jeffrey Prang und seine Leute nicht schwierig, Freiwillige zu finden. Er selbst war der erste, und er hat die zwei Tage von früh bis spät durchgehalten, obwohl es unter dem schwarzen Talar mächtig heiß wurde. Vielleicht hätte sich Jeffrey Prang gewünscht, an diesem Wochenende auch auf der anderen Seite zu stehen, im Anzug oder gar im Frack statt im Talar, aber warum es dazu (noch) nicht gekommen ist, will er im Einzelnen nicht erzählen. Nur so viel lässt er wissen: Sein Partner sei mit der informellen Art seines Heiratsantrags nicht zufrieden gewesen. Und dann lacht er, ein bisschen verlegen, ein bisschen melancholisch.
Jeffrey Prang ist der Bürgermeister von West Hollywood. Die Stadt liegt im Landkreis Los Angeles, nordöstlich von Beverly Hills und westlich von Hollywood, und hat gut 37.000 Einwohner. West Hollywood ist neben und vielleicht noch vor San Francisco die informelle Hauptstadt der Lesben und zumal der Schwulen an der amerikanischen Westküste, denn so kompakt wie in WeHo siedeln Homosexuelle wohl nirgendwo sonst in den Vereinigten Staaten. Mehr als 40 Prozent der Einwohner von West Hollywood, so schätzt man im Rathaus, sind homo- oder bisexuelle Männer. Man sieht auf dem Santa Monica Boulevard auf dem Mittelstreifen mit dem akkurat geschnittenen Rasen keine amerikanische Flagge im Wind flattern, die nicht von gleich zwei Flaggen in den Farben des Regenbogens flankiert wäre.
Auch Bürgermeister Jeffrey Prang ist schwul. Die meisten, aber nicht alle der fleißigen Helfer, die am Samstag und Sonntag im Park am San Vicente Boulevard freiwillig Wochenenddienst leisten, sind schwul oder lesbisch. Es sind Buchhalter, Verwaltungsangestellte, Staatsanwälte und Mitglieder des Magistrats, die sich in der brütenden Hitze den Talar überstreifen und in die Rolle des Standesbeamten schlüpfen.
Das Gebot der Gleichbehandlung
Denn man braucht jede Menge Standesbeamte am ersten Wochenende, seit das Urteil des Obersten Gerichts des Bundesstaates Kalifornien zur Homosexuellenehe in Kraft getreten ist. Die hatten am 15. Mai mit vier zu drei Richterstimmen befunden, dass es gegen die Verfassung des Bundesstaates im Südwesten verstoße, Paaren wegen ihrer sexuellen Orientierung das umfassende Recht auf Heirat vorzuenthalten. Dem Verfassungsgebot der Gleichbehandlung werde eben nicht Genüge getan, wenn schwulen und lesbischen Paaren das Recht auf eine civil union, eine eingetragene Partnerschaft, gewährt werde, nicht aber jenes auf eine Heirat, die auch den Namen marriage trägt.
So weit schien man in Kalifornien, jedenfalls in San Francisco, vor vier Jahren schon einmal gewesen zu sein. Damals ordnete der demokratische Bürgermeister Gavin Newsom seine Standesbeamten an, auch gleichgeschlechtliche Ehen zu schließen, und 4000 schwule und lesbische Paare nutzten im Rathaus von San Francisco die Gelegenheit. Das Oberste Gericht von Kalifornien erklärte die Eheschließungen aber bald darauf für ungültig, weil der Bürgermeister seine Kompetenzen überschritten habe.
Das neue Grundsatzurteil vom 15. Mai, das in der Nacht zum 17. Juni in Kraft trat, geht aber weit über den gegenteiligen Formalentscheid von 2004 hinaus: Es erklärt nämlich das im Jahre 2000 per Referendum mit 61 Prozent der kalifornischen Wählerstimmen angenommene Gesetz für verfassungswidrig, wonach der Staat nur eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau als Ehe schließen und sanktionieren dürfe.
Kalifornien geht voran
Anders als Massachusetts - der einzige andere amerikanische Bundesstaat, der bisher die Homosexuellen-Ehe anerkennt - verlangt Kalifornien nicht, dass man am Ort der Eheschließung auch lebt: Nach Schätzungen dürften in den kommenden drei Jahren daher nicht nur die Hälfte der mehr als 100.000 schwulen und lesbischen kalifornischen Paare heiraten, sondern es werden auch fast 70.000 homosexuelle Paare aus anderen Bundesstaaten zur Eheschließung im Golden State erwartet. Deshalb nehmen auf Landeswirkung bedachte Politiker wie Newsom oder dessen Amtskollege aus Los Angeles, Antonio Villaraigosa, für sich in Anspruch, Pionierarbeit fürs ganze Land zu leisten: Wohin Kalifornien geht, dahin geht später auch die gesamte Nation. Anders als vor vier Jahren könnte dies 2008 sogar der Fall sein.
Bei den gut 200 Paaren, die am ersten Wochenende nach dem historischen Urteil im Park am San Vicente Boulevard unter einem der sechs eigens aufgestellten Heirats-Baldachine, über die weiße Stoffbahnen mit angehefteten Seidenblumen sozusagen dahinfließen, nebeneinander treten und sich vor einem Standesbeamten von West Hollywood das Ja-Wort geben, dürfte es vor allem um Lebensgeschichte und nicht um Landesgeschichte gegangen sein. Es fließen viele Tränen, es werden viele Reiskörner geworfen - in den meisten Fällen ist es übrigens ungeschälter Naturreis, schließlich ist Kalifornien auch bei biologisch-dynamischer Ernährung und Umweltschutz Vorreiter.
Helen Alland ist 85 Jahre alt, ihre Partnerin Linda Laisure ist 62. Wir haben 30 Jahre gewartet, sagt Helen, während Linda die frisch ausgefertigte Heiratsurkunde in der Hand hält. Dann zeigen sie ihre Hochzeitsringe und umarmen sich, ein ums andere Mal. David Cosio und sein Partner James, der seinen Geburtsnamen Koller für den neuen gemeinsamen Familiennamen Cosio aufgeben hat, leben seit 14 Jahren zusammen. Wir schlagen ein neues Kapitel auf, für unser beider Leben und für alle Schwulen, sagt James, dessen Hemd und schwarzes Sakko längst durchgeschwitzt sind, denn das historische Wochenende von Kalifornien wurde zumal im Süden des Bundesstaates von Rekordtemperaturen begleitet.
Wir sind Pioniere, und heute müssen wir auch an jene denken, die in den letzten Jahren gestorben sind und diesen Tag nicht mehr erleben können, sagt er und wischt sich Tränen und Schweiß aus dem Gesicht. Dass ihre Familie zu hundert Prozent hinter uns stehen ist freilich nur ein halb wahre Antwort auf die Frage des Reporters, denn von David und James sind nur die Mütter gekommen. Mein Sohn hat ebenso das Recht, glücklich zu sein wie alle anderen Menschen, sagt Frau Koller.
Sonderschichten für die Standesämter
Überhaupt ist es auffallend, wie wenige Väter zu den Hochzeiten ihrer schwulen Söhne und lesbischen Töchter in den Park von West Hollywood gekommen sind, während es an Müttern und auch an Tanten, Schwestern und Cousinen keinen Mangel hat. Luis Salinas aus El Salvador und Carlos Ruiz aus Mexiko sind seit zehn Jahren zusammen, und vor vielleicht sechs Jahren haben sie beschlossen, zu heiraten. Während manche Paare sich buchstäblich ganz allein oder vielleicht begleitet von einem Freund oder einer Freundin das Ja-Wort geben, haben Luis und Carlos eine rechtschaffene Latino-Hochzeitsgesellschaft mitgebracht, mit Brautjungfern in weißen Kleidern, und auch die Oma von Luis ist dabei.
Bis zum Sonntag abend werden allein im Park von West Hollywood 200 Paare getraut, auch die Standesämter im ganzen Landkreis Los Angeles haben Sonderschichten eingelegt, es werden gut 2000 Ehen geschlossen - ein Vielfaches im Vergleich zu einem herkömmlichen Wochenende.
Doch die Gegner der Homosexuellen-Ehe haben ihren Kampf um das, was sie den Schutz der Ehe nennen, noch lange nicht aufgegeben. Am Tag der Präsidentenwahlen vom 4. November werden die Wähler Kaliforniens abermals in einem Referendum über die Homosexuellen-Ehe abstimmen. Diesmal geht es um einen Verfassungszusatz, der die Ehe ausschließlich als als Verbindung von einem Mann und einer Frau festschreiben soll. Jüngst Umfragen deuten - anders als noch vor acht Jahren - auf einen knappen Ausgang hin. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass der Verfassungszusatz abgelehnt wird, sagte Bürgermeister Prang. Dann wird er schon zur nächsten Eheschließung unter einen der Baldachine gerufen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS