Eigeninitiative

Wir basteln uns eine Weltanschauung

Von Alexander Marguier

“Näht lieber selbst“, riet die Modeschöpferin Vivienne Westwood unlängst ihrem Publikum angesichts der Wirtschaftskrise

"Näht lieber selbst", riet die Modeschöpferin Vivienne Westwood unlängst ihrem Publikum angesichts der Wirtschaftskrise

21. April 2009 Ob Dr. Oetker gut daran täte, wenn er seine Kunden dazu aufriefe, Teigfladen endlich mal selbst herzustellen und zu belegen, anstatt immer nur Tiefkühlpizzas in den Ofen zu schieben? Und warum sollte wohl ausgerechnet ein Fertigtortenhersteller wie „Coppenrath & Wiese“ plötzlich das Hohelied aufs Selberbacken anstimmen? Eben.

Da konnte es schon leicht verwundern, als ausgerechnet die kommerziell durchaus erfolgreiche Modeschöpferin Vivienne Westwood anlässlich ihrer eigenen Modenschau und vor dem Hintergrundgrummeln der Weltwirtschaftskrise unlängst proklamierte: „Kauft nicht meine Klamotten! Näht lieber selbst!“ Andererseits hat Westwood ihren Ursprung ja bekanntlich in der Punk-Bewegung, und wie lautete gleich noch die gute alte Punk-Parole: „Do it yourself or die“. So kehrt alles irgendwann zurück - auch Vivienne Westwood zu ihren ideologischen Wurzeln.

(K)eine Revolution der Wirtschaftsordnung?

Selberbastler unter sich: Mit Baumärkten ist die Industrie den Heimwerkern auf den Fersen

Selberbastler unter sich: Mit Baumärkten ist die Industrie den Heimwerkern auf den Fersen

Selbermachen lautet die Devise der Stunde, und teilweise wird sie mit einer derartigen Verve verfochten, als lasse sich jegliches Krisensymptom am besten fröhlich weghäkeln oder beiseitetöpfern. „Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ heißt der Untertitel des im Herbst vergangenen Jahres erschienenen Buchs „Marke Eigenbau“, gewissermaßen das knapp 300 Seiten dicke Manifest zur aktuellen Bastelbewegung. Aber ganz anders als der zwirbelbärtige Jean Pütz weiland in seiner WDR-“Hobbythek“ stets den leutseligen, unpolitischen Obertüftler gab, sind die „Marke Eigenbau“- Autoren Holm Friebe und Thomas Ramge mit heiligem Ernst bei der Sache.

„Die Revolution des Selbermachens, der Eigeninitiative und der Selbstorganisation wird mittelfristig auch die Landschaft der Organisationen und die Wirtschaftsstruktur verändern“, heißt es da beispielsweise. „Den Ausbeutungsverhältnissen einer globalisierten Industrieproduktion“ setzen die Eigenbau-Apologeten „die Vision einer nachhaltigen Produktion hochwertiger Produkte zu fairen Preisen entgegen, die den Wert menschlicher Arbeit und die Würde des Produzenten anerkennt.“

Wahrscheinlich alles gut gemeint, aber der Teufel steckt in der unscharfen Begriffsbestimmung dieser Art von Weltverbesserungslyrik: Wann ist ein Preis zum Beispiel „fair“ - und wer soll über dessen Fairness befinden, wenn schon der Markt ganz offenbar dazu nicht in der Lage ist? Wie definiert sich Nachhaltigkeit? Kann man Industriearbeiter in Fernost - denn wer sonst sollte mit industrieller Massenproduktion in Verbindung gebracht werden? - mehr oder weniger pauschal als würdelose Globalisierungssklaven verunglimpfen? Nein, es muss vorher wahrlich niemand in den Topf mit dem neoliberalen Zaubertrank gefallen sein, um angesichts dieses latent chauvinistischen Plädoyers für eine neue, aber dann eben doch oft muffig-rückwärtsgewandte Wirtschaftsordnung zu erschaudern.

Sehnsucht nach bäuerlichem Idyll

Gut möglich, dass im juste milieu von Berlin-Mitte oder Hamburg-Winterhude die Schuhe aus der örtlichen Ledermanufaktur besser goutiert werden als Nike-Sneakers aus vietnamesischen Sweatshops. Aber es bedarf schon einer gewissen Arroganz, wenn Holm Friebe und Thomas Ramge dabei geflissentlich die Frage ausblenden, ob auch die Nicht-ganz-so-gut-Verdiener mal eben ein paar Hunderter für rahmengenähte Treter übrig haben. Und ob chinesische Arbeiterinnen unbedingt ein würdevolleres Leben führen, wenn sie von ihren Fließbändern zurück aufs Land gehen, um dort Schweine zu hüten.

Ganz davon abgesehen, entfaltet sich hierzulande eine Do-it-yourself-Industrie, die tatsächlich kaum noch als bloßes Randphänomen abgetan werden kann. Am Mittwoch etwa meldete die Zeitschrift „LandLust“ eine im ersten Quartal dieses Jahres um 65 Prozent gestiegene Auflage; mittlerweile verkaufen sich von dem recht biederen Magazin mit Tipps zur richtigen Bodenbearbeitung, Strudelrezepten oder Anleitungen zum Selbernähen von Stoffmützen für Kaffeekannen sage und schreibe 464 000 Exemplare. Die Sehnsucht nach dem bäuerlichen Idyll des 19. Jahrhunderts (“Sauberkeit bedeutete früher große Mühe. Nach der schweißtreibenden Arbeit auf dem Land musste eine Katzenwäsche genügen. Am Samstag aber war Badetag.“) scheint dabei als Geschäftsmodell ebenso zu taugen wie der Wunsch einer vorerst noch nicht ganz so landlustigen Generation der Zwanzig- bis Dreißigjährigen, die Techniken des Knopfanbringens und Kleidernähens zu erlernen.

Marktforscher Stephan Grünewald: Die Menschen suchen ein Gegenmodell zum “digitalen Lebensgefühl“

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Die erste Ausgabe des Magazins „Cut“, eine Art hippe Version der legendären „burda moden“ einschließlich Schnittmusterbogen, war Ende März bereits nach wenigen Tagen ausverkauft. „Cut“- Herausgeber Horst Moser hat schnell nachdrucken lassen; er war von Anfang an „wegen des weltweiten Trends zum Selbermachen“ trotz (oder gerade wegen) der Krise guter Dinge. Ursprünglich wollte der freiberufliche Magazingestalter das Zeitschriftenkonzept an einen großen Verlag verkaufen, aber weil niemand zugriff, ging er kurzerhand selbst ins Risiko. Ende August erscheint die nächste Ausgabe, gleichzeitig will der enthusiasmierte Herr Moser eine Internetplattform für junge Modedesigner ins Netz stellen.

Glück auf Knopfdruck

Sogar die Volkshochschulen verzeichnen derzeit einen Zulauf, wie er vor Jahren kaum für möglich gehalten worden wäre: „Nähkurse kann ich gar nicht genug anbieten“, sagt Charlotte Klingspor von der VHS im alles andere als kleinbürgerlichen Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch Kurse im Tischlern oder Goldschmieden seien derzeit gefragter denn je, insbesondere von jungen Leuten. „Denen geht es vor allem um Individualität“, glaubt Klingspor, „weniger ums Geldsparen oder darum, dass sie im normalen Handel ihre Kleidergröße nicht finden.“

Auch der Schrebergarten ist nicht mehr peinlich

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Anne Alter, 42 Jahre alt und von Beruf Korrektorin, gehört zu jenen, die erst vor kurzem das Stricken für sich entdeckt haben. „So vor drei Jahren sah ich in einem Schaufenster Werbung dafür, dass man sich seine Socken doch selber stricken soll.“ Sie folgte nicht nur dieser Aufforderung - inzwischen betreibt die Hamburgerin auch ihren eigenen Strick-Blog im Internet: knittinganarchist.de verzeichnet am Tag mehr als tausend Zugriffe, darunter von Männern, die in ihrem Leben noch nicht einmal einen Topflappen gehäkelt haben. Das Anarchistische an ihrem Strick-Blog, sagt Anne Alter, sei nicht nur das Ausprobieren ungewöhnlicher Techniken und Materialien, sondern „meine deutliche Absage an die Wegwerfgesellschaft und an immer schnellere Konsumzyklen.“ Für sie besteht der wahre Luxus darin, „sich die Zeit zu nehmen, drei Monate lang an einem Pullover zu stricken, während andere nur fünf Minuten brauchen, um sich einen neuen Pullover zu kaufen.“

Sieht so der beschworene „Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ aus? Stephan Grünewald, Gründer des Kölner „Rheingold“-Instituts für qualitative Markt- und Medienanalysen sowie Autor mehrerer Bücher („Deutschland auf der Couch“), erkennt darin weniger einen dezidiert antiindustriellen Affekt als vielmehr das Bedürfnis vieler Menschen nach einem Gegenmodell zum „digitalen Lebensgefühl“ des 21. Jahrhunderts, das Glücksmaximierung auf Knopfdruck verheißt. „Gerade jetzt in der großen Krise machen viele Leute die Erfahrung, dass ihnen alles entgleiten kann und sie vor einem schwarzen Loch stehen. Da sehnt man sich nach praktischen Dingen, nach etwas, das man anpacken und in den Griff bekommen kann.“

Die Industrie schläft nicht

Wärmt den Kaffee und das Herz: Selbstgemachte Produkte werden im Internet gehandelt

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Außerdem ist die Industrie längst selbst dem neuen Heimwerker auf den Fersen - und zwar nicht nur Baumärkte wie Obi, die sich mit ihrer explizit jugendlich-frechen Werbung keineswegs mehr an spießige Schrebergärtner oder Hobbykellerbastler wenden. „Von Telekommunikationsunternehmen über Soft- und Hardware-Hersteller bis hin zu den Bekleidungs- und Genussmittel-Giganten findet sich kaum ein Global Player, der in der jüngsten Zeit nicht eine Bühne mit einschlägigen Mitmach-Angeboten bereitgestellt hätte“, heißt es in einem Beitrag für das unlängst bei „Campus“ erschienene Buch „Konsumguerilla“.

Ob Turnschuhträger, die sich ihre Sneakers im Internet selber gestalten können, oder „Bild“-Leser, die sich Werbemotive für ihr Lieblingsblatt ausdenken dürfen: Umstandslos leiten die Unternehmen das kreative Potential ihrer Kunden nutzbringend in eigene Verwertungskanäle zurück. Genauso, wie auch die vielen „Leserreporter“ kaum etwas anderes sind als nützliche Idioten der Boulevardmedien.

Und solange auf Internet-Marktplätzen für Selbstgebasteltes wie dawanda.com (Minderheitsgesellschafter ist übrigens der gar nicht so nischenmäßig aufgestellte Holtzbrinck-Konzern) zwar handgestrickte Handy-Täschchen in hunderterlei Ausführung angeboten werden, aber eben noch kein Funktelefon der Marke Eigenbau - so lange wird sich wohl auch die Bastler-Guerrilla an den Industriekonzernen manchen Zahn ausbeißen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: dawanda, dpa

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