Von Katja Gelinsky, Washington
27. August 2009John Travolta gehört weiter dazu. Als völlig falsch wies ein Sprecher des Hollywood-Schauspielers Berichte zurück, Travolta habe nach dem tragischen Tod seines Sohns Jett Anfang des Jahres die Verbindung zu Scientology beendet. Es gibt keine Veränderung in der Beziehung zwischen der ,Church of Scientology' und John, teilte Paul Block, der Sprecher des Schauspielers, mit. Er (Travolta) ist Mitglied, und so wird es nun und für immer bleiben.
Amy Scobee war jahrelang die Frau im Top-Management von Scientology, die sicherstellte, dass prominente Mitglieder wie John Travolta oder auch Hollywood-Schauspieler Tom Cruise in Celebrity Centers der Organisation betreut, beraten und bei der Stange gehalten werden. Zwei Mal hat sie Travolta angeblich zurückgeholt, als der Filmstar die Sekte verlassen wollte. Nie hätte Scobee damals gedacht, dass sie selbst auf die Idee kommen könnte, auszusteigen. Wie viele führende Scientologen ihrer Generation war die 45 Jahre alte Amerikanerin schon als Teenager Mitglied geworden. Ich wusste nichts von der Welt draußen, weil ich schon so lange dabei war.
Doch 2005, nach 27 Jahren Scientology, entschloss sich Scobee zum blow, wie der Ausstieg Abtrünniger im Vokabular der Sekte heißt. Auf unserer Agenda steht die Förderung von Menschenrechten, aber wir haben selbst die übelste Bilanz, die man sich denken kann, sagte die ehemals Verantwortliche für die Haute Volée von Scientology unlängst in einem Interview mit der in Florida erscheinenden Zeitung St. Petersburg Times
Scobee ist eines von vier ehemaligen Scientology-Mitgliedern aus dem engsten Führungszirkel, die nach Jahren des Schweigens als Abtrünnige jetzt massive Vorwürfe gegen die Sekte und vor allem gegen David Miscavige erheben, das langjährige Oberhaupt von Scientology. Die Aussteiger berichten von körperlichen Misshandlungen, Psychoterror, Sklavenarbeit, Straflager, Gewalt- und Willkürherrschaft. Miscavige habe eigenhändig seine engsten Mitarbeiter geschlagen, gewürgt und getreten.
Solche Vorwürfe sind nicht neu. Aber nun melden sich Schlüsselfiguren zu Wort, sagt die bekannte Scientology-Kritikerin Ursula Caberta, Leiterin der Arbeitsgruppe Scientology der Hamburger Innenbehörde. Dies sind extrem wichtige Leute, bestätigt der Soziologieprofessor Stephen Kent von der kanadischen University of Alberta, einer der wenigen Wissenschaftler in Nordamerika, die sich kritisch mit Scientology auseinandersetzen.
Neben Amy Scobee haben die ehemaligen Scientology-Führungskader Tom De Vocht, Mark Rathbun und Mike Rinder gegenüber der St. Petersburg Times ausgepackt. Etliche weitere amerikanische Scientologen sagten sich daraufhin ebenfalls von der Sekte los. De Vocht, ein gebürtiger Belgier, der Scientology 28 Jahre angehörte, war jahrelang einer der Spitzenmanager in Clearwater, Florida. Dort befindet sich das spirituelle Hauptquartier für Scientologen aus der ganzen Welt, wie die Sekte selbst über das Zentrum schreibt.
De Vocht schätzt, er habe von 2003 bis zu seinem blow 2005 bis zu einhundert Mal beobachtet, wie Miscavige Mitarbeiter schlug. Auch er selbst wurde Opfer der Wutausbrüche des 49 Jahre alten Scientology-Oberhaupts. Selbst Mark Rathbun und Mike Rider blieben nicht verschont. Dabei waren sie die rechte und die linke Hand von Miscavige, sagt Ursula Caberta.
Rider war jahrelang Sprecher von Scientology und Chef des berüchtigten Geheimdienstes der Sekte. Jetzt verkauft der 54 Jahre alte Aussteiger Autos. Rathbun besetzte als Chef für juristische und finanzielle Angelegenheiten jahrelang eine Schlüsselposition im höchsten Führungsgremium, dem Religious Technology Center mit Sitz in Los Angeles. 2004 verließ er Scientology, nachdem er bei Miscavige in Ungnade gefallen war. Manche vermuteten, Rathbun sei gestorben. Im Februar 2009 meldete sich der 52 Jahre alte Aussteiger im Internet als Berater für Scientology-Abtrünnige zurück.
Nach den Schilderungen von Rathbun und Rider war das Management der Scientology-Organisation, die damit wirbt, eine Zivilisation ohne Irrsinn, ohne Kriminelle und ohne Krieg zu schaffen, ein Mikrokosmos, der das Gegenteil dieser Ziele verkörperte. Miscavige habe nicht nur geprügelt. Die Mitarbeiter seien auch durch bizarre Spiele, öffentliche Beichten, Sicherheitsüberprüfungen und durch zwangsweise Isolierung bei angeblichen Missetaten drangsaliert worden. Aber Rathbun und Rider geben zu, dass sie nicht nur Opfer waren. Auch sie selbst hätten Mitarbeiter misshandelt.
In der Eliteeinheit Sea Organization (Sea Org) habe es ein gegenseitiges Hauen und Stechen gegeben. Niemand wird respektiert, weil er (Miscavige) ständig Leute schlechtmacht und schlägt, so Rathbun. Rider sieht die Organisation damit auf dem Weg der Selbstvernichtung. Diese Fäulnis aus dem Inneren heraus ist . . . zerstörerischer für die Scientology-Bewegung als alle äußeren Einflüsse. Ähnlich äußert sich der Aussteiger Mark Headley aus Burbank, Kalifornien. Mehr und mehr Mitglieder verlassen die Organisation in immer kürzeren Abständen, sagte das ehemalige Sea-Org-Mitglied, im Gespräch mit dieser Zeitung. Wie viele Mitglieder Scientology noch hat, weiß man nicht genau. Aber Headley ist sich sicher, dass ihre Zahl mittlerweile geringer ist als die Zahl der Aussteiger.
Abtrünnige wie Headley, Rathbun und Scobee werden von Scientology als verbitterte Lügner und Versager gebrandmarkt. In der Organisation stehe alles zum Besten. Scientology verzeichne enormes Wachstum, behauptet der Sprecher der Sekte, Tommy Davis, der Sohn der Schauspielerin und Scientologin Anne Archer. Seit 2004 habe man neun neue Zentren eröffnet, fünf weitere sollten noch in diesem Jahr folgen.
Reine Propaganda, sagt Ursula Caberta. Die Zahl der Scientologen stagniere international oder sei rückläufig. Wir beobachten schon seit längerem Zerfallserscheinungen. Auch Stephen Kent hat den Eindruck, dass die Sekte in großen Schwierigkeiten steckt. Der Soziologieprofessor und die Leiterin der Hamburger Arbeitsgruppe Scientology führen diese Entwicklung auch auf die Vernetzung von Aussteigern im Internet zurück. Vor allem in den Vereinigten Staaten, wo keine staatliche Aufklärungsarbeit betrieben wird, spielen die schockierenden Berichte der Abtrünnigen eine wichtige Rolle, sagt Caberta. Auch die Protestbewegung Anonymous mache der Sekte schwer zu schaffen. Die Aktivisten, die ihren Widerstand gegen Scientology im Internet begonnen haben, organisieren international Proteste vor Scientology-Zentren. Außerdem ist Miscavige mit potentiell kostspieligen Schadensersatzklagen einstiger Verbündeter konfrontiert - eine ironische Wende, denn jahrelang hat die Sekte ihre Gegner mit Gerichtsprozessen bekämpft.
Nun ist sie selbst die Beklagte, zum Beispiel in einem Verfahren wegen Verletzung von Arbeitsgesetzen, das Mark Headley gegen Miscavige und seine Getreuen angestrengt hat. Scientology versklave seine Angestellten durch Einschüchterung, erzwungene Unterschriften unter Verzichtserklärungen und durch erzwungene Armut, heißt es in der Klageschrift. Headley, der mit seiner Mutter als Sechsjähriger zu Scientology kam, bezieht sich auf seine Erlebnisse im kalifornischen Scientology-Komplex International Management Headquarters bei Hot Springs. Dort arbeitete er von 1989 bis zu seinem Ausstieg 2005, unter anderem als Leiter für Medienproduktion. Der Prozess ist als Testfall für mögliche weitere Klagen von Aussteigern gedacht.
Für sein Aufbegehren zahlt Headley allerdings einen hohen Preis. Er werde bespitzelt und denunziert. Ich werde von Detektiven verfolgt, bei meinen Freunden schlechtgemacht, und einige meiner Kunden bekamen Anrufe von Scientology-Vertretern, die behaupteten, ich sei Anführer oder Mitglied einer internationalen Hassgruppe, schildert er. Damit nicht noch mehr Führungsleute davonlaufen, hat der Scientology-Chef auch den Druck nach innen verstärkt. Miscavige und sein verbliebenes Personal sind hoch nervös, sagt die Scientology-Beauftragte Caberta.
Bislang vergeblich warten Kritiker der Sekte auf Anzeichen dafür, dass Polizei und Justiz in den Vereinigten Staaten den jüngsten Enthüllungen über Gewalt und Zwang an der Spitze von Scientology nachgehen. Auch die Politik müsse reagieren, findet Ursula Caberta. Hochinteressant aus deutscher Sicht seien vor allem die Berichte des Aussteigers Rathbun zur Steuerbefreiung von Scientology. Rathbun bestätigte gegenüber der St. Petersburg Times, dass die Sekte die Anerkennung als Non-Profit-Organisation 1993 durch Zermürbung der amerikanischen Steuerbehörde mit Tausenden von Klagen erkämpfte. Erpressung war nicht mehr nötig, so der Architekt der Steuerbefreiungsaktion.
Seit Rathbuns Coup genießt Scientology den Schutz der amerikanischen Regierung - auch gegenüber deutschen Behörden. So wird Deutschland im Menschenrechtsbericht des amerikanischen Außenministeriums regelmäßig dafür kritisiert, dass Scientology nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt wird. Ich erwarte schon, so Caberta, dass die amerikanische Regierung nun darüber nachdenkt, für wen sie sich da eigentlich einsetzt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS