Von Claus Peter Müller
04. Juli 2007 Ausgerechnet in diesem Sommer, da sich die Documenta mit zeitgenössischer Kunst zum ersten Mal in ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte in den historischen Bergpark auf der Kasseler Wilhelmshöhe vorwagt, ist der Herkules kopflos. Der muskulöse Hüne, der seit beinahe 290 Jahren über der phantastischen Parkanlage steht und bei klarem Wetter weit über das Kasseler Becken bis zum Harz und zum Thüringer Wald blickt, wird saniert.
Die gigantische Kupferplastik, die 8,26 Meter misst, wurde von den Restauratoren enthauptet, um den Helden der griechischen Sagenwelt von innen zu inspizieren und zu sanieren. Aber nicht nur der Löwenbezwinger wird restauriert, sondern sein ganzes fensterloses, offenes Schloss, jener Palast der Winde, der als Point de Vue in Verlängerung der barocken Achse der Wilhelmshöher Allee etwa zehn Kilometer westlich der Innenstadt rund 450 Meter über dieser aufragt. Die architektonische Inszenierung ist beeindruckend und zieht Jahr für Jahr mit mehr als zwei Millionen Besuchern das Dreifache an Gästen an wie eine Documenta.
Versailles sollte übertrumpft werden
Der hessische Landgraf Karl ließ den Bau der Parkanlagen im Westen der Residenzstadt und am Osthang des Habichtswaldes 1696 beginnen. Fünf Jahre später - nach einer Italien-Reise - kamen dann Handwerker und Bauern aus den hessischen Dörfern, um für den Landgrafen nach den Plänen seines italienischen Baumeisters Giovanni Francesco Guerniero den Herkules zu errichten. Zunächst wollte man am Höhenkamm des Habichtswaldes nur ein Oktogon als Ausgangspunkt von Wasserspielen, den Kaskaden, errichten, die einmal bis weit in die Stadt reichen sollten. Dem Landgrafen wird nachgesagt, er habe damit Versailles übertrumpfen wollen. Doch nur ein Teil seiner Pläne wurde Wirklichkeit.
Der Landgraf hatte erst während des Baues des achteckigen Schlosses die Idee, auf dem Oktogon solle der Stadt zugewandt eine Pyramide samt Statue stehen: der Herkules. Die Aufgabe war heikel. Während der Westteil des Bauwerks auf festem Grund steht, musste der Ostteil, auf dem die Pyramide noch erschwerend ruht, auf einem kluftigen Geröllhang errichtet werden. Die Baumeister verstärkten also das Schloss, mauerten einige runde Öffnungen zu, verkleinerten einige Ovale und fassten filigrane Einzelsäulen zu Blöcken zusammen, bevor am 30. November 1717 die Arbeiten mit der Montage der Figur in 600 Höhenmetern abgeschlossen werden konnten. Dennoch kam Bewegung in das Ganze, und die Mauern strebten bis zu 30 Zentimeter nach außen, während das Wasser in den weichen Tuffstein eindrang und der Wechsel aus Hitze und Frost ihn zunehmend zermürbte. Jährlich sandet noch immer ein Kubikmeter des Baumaterials ab.
Herkules ist eine denkmalpflegerische Daueraufgabe
So wurde der Herkules zur ingenieurtechnischen und denkmalpflegerischen Daueraufgabe. Zuletzt musste ihm in den siebziger Jahren ein Stahlbetonkorsett eingezogen werden. Doch die Verwitterung schritt weiter voran. Darum fasste die Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch (CDU) den Plan, die gesamte Kasseler Museumslandschaft, die wegen ihrer Tradition mit jener von Dresden und München vielfach in einem Zug genannt wird, wieder so zu präsentieren, wie es ihrem Rang entspricht. Das Land allein will 200 Millionen Euro investieren.
Die Sanierung des Herkules kostet etwa 20 Millionen Euro und ist Teil des Investitionsprogramms. Die Statue wird sowohl innen als auch außen restauriert: Am Kopf werden die Löcher gelötet, die Kugeln gerissen und Blitze geschlagen haben. An den Wangenknochen werden Altersflecken abgetragen, und am ganzen Körper wird die Patina entfernt, die sich an feuchten Tagen gebildet hat. Alle Schrauben werden erneuert, etwa 300 sollen es sein. Im Inneren der Statue werden zwei Dutzend sogenannte Aussteifungsringe ausgetauscht. Die ursprünglichen Eisenringe sind mit Blei ummantelt, um die galvanische Reaktion mit dem Kupfer der Außenhaut zu hindern. Das Blei wurde allerdings im Laufe der vielen Jahre brüchig. Nun werden Edelstahlringe eingesetzt.
Edelstahlseile sollen seine Schultern stärken
In der Figur werden zusätzlich Edelstahlseile gespannt, um dem Herkules die Schultern zu stärken. Die Verankerung, die tief in die 29,30 Meter hohe und 1.300 Tonnen schwere Pyramide zu Füßen des Helden reicht, ist noch erstaunlich gut erhalten. Das stellten die Restauratoren fest, als sie Steine aus der Pyramide entnahmen. Dennoch wird der Herkules noch sicherer verankert, damit er dem drohenden Klimawandel standhält, der die Stürme wohl künftig antreiben wird.
Heute tost der Wind mit bis zu 100 Kilometern in der Stunde um die Figur, bald könnten es 160 bis 180 Kilometer in der Stunde sein. Der Herkules soll sogar 200 Kilometer in der Stunde aushalten. Damit er innerlich nicht ins Schwitzen kommt, wird zudem die Lüftung optimiert. Die Nasenlöcher, die Öffnungen in den Locken und an den Füßen reichen nicht aus, um die Bildung von Kondenswasser zu verhindern, wenn es nach heißen Sommertagen, in denen es im Herkules bis zu 80 Grad warm wird, in den Nächten abkühlt.
Mittwochs, samstags und sonntags aufs Baugerüst
Aber nicht nur die Figur muss saniert werden. Etwa die Hälfte der 70 Kilometer langen Fugen am Oktogon, dem Riesenschloss, ist zu erneuern, verwitterte Steine sind zu tauschen. Darüber soll jetzt ein Zeltdach gespannt werden, damit der berühmte Herkules als Point of Events genutzt werden kann. Schon dem Documenta-Erfinder Arnold Bode schwebte eine Exposition im Oktogon vor. Bis zur nächsten Documenta in fünf Jahren wird das Bauwerk noch nicht als Ausstellungspavillon bereitstehen, die Sanierungsarbeiten werden wohl bis zum Jahr 2012 dauern. Sicherlich 50 Fachleute nicht nur aus Deutschland werden jeweils von Mai bis Oktober am Herkules arbeiten. Bei Schnee oder Frost ist es am Winterkasten - wie der Herkules in Goethes Tagen hieß - allzu unwirtlich.
Der Besuch auf dem Baugerüst an der Spitze des historischen Monuments, das Johanna Schopenhauer als das achte Weltwunder pries, ist ein seltenes Abenteuer, aber möglich: Mittwochs, samstags und sonntags ist es von 10 bis 17 Uhr für Besucher geöffnet. Wer oben steht, entdeckt nicht nur die Äpfel der Hesperiden, die Herkules auf seinem Rücken hält. Er ahnt auch die Keule in der linken Hand des Helden, und er kann die detailverliebte Arbeit des Augsburger Goldschmieds Johann Jacob Anthoni bewundern: Anthoni hat selbst die Venen an den Füßen anatomisch korrekt hervortreten lassen.
Text: F.A.Z., 04.07.2007, Nr. 152 / Seite 7
Bildmaterial: ddp, dpa, dpa/dpaweb