Von Christian Schwägerl
17. November 2006 Ist es der ganz normale Wahnsinn, eine zufällige Häufung oder die Vorahnung französischer Verhältnisse in der Bundeshauptstadt? Seit Dienstag häufen sich in Berlin Vorfälle, die aus den alltäglichen Polizeireporten von Schlägereien, Randale und Mobbing herausfallen.
In Kreuzberg stellten sich achtzig Jugendliche Polizisten entgegen, in Tempelhof verprügelten sechzig Jugendliche einen Schüler, in Moabit hinderte eine wütende Menschenmenge Sanitäter an der Arbeit und wieder in Kreuzberg überfielen maskierte Jugendliche eine Schulklasse und stachen einen Schüler nieder.
Aus dem Alltag heraus
Mit Berliner Protest-Randale, wie man sie vom 1. Mai kennt, hat das alles nichts zu tun. Die Vorfälle geschehen aus dem Alltag heraus - einem Alltag, der in Berlin außer Rand und Band zu geraten scheint, besonders in jenen Stadtgebieten, die durch eine besonders hohe Arbeitslosigkeit von Jugendlichen aus Migrantenfamilien auffallen.
Der letzte Vorfall ereignete sich am Donnerstag nachmittag um viertel nach drei Uhr. In der Eberhard-Klein-Oberschule in der Skalitzer Straße in Kreuzberg klopfte der Darstellung der Berliner Polizei zufolge ein Jugendlicher an die Tür des Physikraums und fragte den Lehrer nach einem der Schüler. Dann stürmten mehrere offenbar maskierte Jugendliche das Klassenzimmer, schnappten sich ihr Opfer und prügelten auf den Lehrer und die anderen Schüler ein. In einem Nebenraum stachen sie ihrem Opfer mehrmals ins Gesäß und flüchteten dann über den Schulhof.
Vorwürfe an die Polizei
Unweit der Schule, im sogenannten Wrangel-Kiez, hatte es am Dienstag abend eine Auseinandersetzung zwischen rund hundert Jugendlichen und der Polizei gegeben, die inzwischen auch die Berliner Landespolitik beschäftigt. Nachdem Polizisten zwei Zwölfjährige festgenommen hatten, die des versuchten Raubs verdächtigt wurden, tauchten laut Polizei wie aus dem Nichts zwischen achtzig und hundert Jugendliche auf und bedrängten die Einsatzkräfte. Zwei Beamte seien dabei verletzt worden.
In den Berliner Tageszeitungen kamen nach dem Vorfall Jugendliche zu Wort, die von Provokationen und ausländerfeindlichen Äußerungen der Polizisten berichteten, einer der Festgenommenen behauptete, nach der Festnahme von Polizisten traktiert worden zu sein. Die Polizei wies diese Darstellungen zurück, die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus machten sich die Kritik zu eigen und forderten den Einsatz türkisch- und arabischsprachiger Polizisten. Diese hätten anders auf die zwei zwölfjährigen Jugendlichen einwirken können, als sie mit Handfesseln an die Wand zu stellen und unangemessene Sprüche zu reißen.
Wie groß das Aggressionspotential in manchen Gegenden ist, zeigte sich am Mittwoch bei einer Schlägerei vor einer Schule in Tempelhof, an der sechzig Jugendliche beteiligt waren. Zu Schaden kam ein Fünfzehnjähriger, über den eine ganze Horde hergefallen war. Das Opfer, das in Medienberichten als Deutschtürke beschrieben wurde, nannte Streitigkeiten zwischen Schülern zweier Schulen als Grund für die Auseinandersetzung.
Rettungskräfte beim Einsatz gestört
Die Berliner Polizei, eigentlich im Umgang mit Straftaten und Verrücktheiten aller Art geübt, zeigte sich irritiert, nachdem am Mittwoch eine Menschenmenge Rettungskräfte daran hindern wollte, einen angefahrenen Fünfjährigen ins Krankenhaus zu bringen. Erst der Einsatz von Polizisten ermöglichte den Transport des Kindes. Über den Grund der Eskalation konnte die Polizei bisher nur Vermutungen anstellen.
Möglicherweise seien Angehörige des Kindes ungehalten gewesen, daß der Rettungswagen ihrer Ansicht nach zu spät kam, sagte Polizeisprecher Bernhard Schodrowski. Aggressionen hätten sich auch gegen den Fahrer des Unfallautos gerichtet. Nach dem Unfall sei er, verfolgt von Angehörigen des verletzten Kindes, zur nächsten Polizeiwache gelaufen. Es sei aber völlig absurd, Sanitäter an der Arbeit zu hindern, sagte der Polizeisprecher.
Vor einigen Wochen hatten Jugendliche in Neukölln die Feuerwehr bedrängt, weil diese ihrer Meinung nach einen Brand zu langsam löschte. Die Feuerwehrleute berichteten anschließend, sie hätten für die Rettung von Bewohnern des brennenden Hauses unverhältnismäßig lange gebraucht, weil eine Kommunikation in deutscher Sprache nicht möglich gewesen sei.
Ausnahmen?
Die einfachste Deutung der Vorfälle kam am Donnerstag vom Polizeipräsidenten, Dieter Glietsch. Im Inforadio des RBB bezeichnete er die Angriffe auf Einsatzkräfte von Polizei und Rettungsdiensten als Ausnahmefälle. Die Darstellung, es gebe polizeifreie Räume in der Hauptstadt, wies er scharf zurück. Es sei selbstverständlich, daß wir überall dort präsent sind und auch einschreiten, wo es nötig ist. Der Kreuzberger Bürgermeister Schulz widersprach der Darstellung, es handle sich beim Wrangelkiez um eine No-go-area. Der Migrantenanteil sinke seit fünf Jahren, auf derzeit nur noch 35 Prozent. Es gebe in der Stadt viel schlimmere stagnierende Kieze.
Doch andere wollen in den Ereignissen mehr sehen als nur Ausnahmefälle. Die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen in Vierteln mit hohem Migrantenanteil und in den Plattenbaugegenden im Osten der Stadt ist alarmierend hoch. Parallelen zu den Ausschreitungen und Gewalttaten in französischen Vorstädten werden von Berliner Landespolitikern zwar regelmäßig zurückgewiesen, doch zugleich fallen die Lagebeschreibungen aus den Bezirken dramatisch aus. Wenn die Täter nicht rechtsradikale Schläger sind, fallen besonders Jugendliche mit Migrationshintergrund, also die Kinder und Enkel Eingewanderter, als Verursacher auf. Bei diesen Jugendlichen ist das Zugehörigkeitsgefühl oftmals so gering wie der Ehrgeiz, etwas aus sich zu machen.
Werteverfall
Aggression und Verrohung auf den Berliner Straßen haben eine neue Debatte darüber eröffnet, wie die Gesellschaft mit Jugendlichen umgehen soll, die sich als unerwünscht empfinden und denen jede Integrationsbereitschaft fehlt. Die Vorfälle in Berlin lassen manchen Politiker sehr grundsätzlich werden. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) sagte dem Tagesspiegel, das Problem liege im Werteverfall, der dazu führt, daß staatliche Ordnung nicht mehr akzeptiert wird.
Der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Frank Henkel, sieht sogar das Gewaltmonopol des Staates wanken: Offenbar werden Ordnungs- und Sicherheitskräfte in bestimmten Stadtteilen generell als Eindringlinge aufgefaßt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ dpa