25 Jahre CD

Die Welt war eine Scheibe

Von Robert von Lucius

25 Jahre und schon fast wieder veraltet: CDs

25 Jahre und schon fast wieder veraltet: CDs

17. August 2007 Eine Feier hätte das eigentlich verdient: Vor genau 25 Jahren, am 17. August 1982, wurde in Hannover-Langenhagen die erste Fertigungsstätte der Welt für Compact Discs eröffnet, die silbrig-flachen Wunderscheiben, die Musik plötzlich anders hören ließen, die Unterhaltungselektronik und Lebensgefühl veränderten. Erst wurden Schellackplatten Makulatur, und später fanden auch Schallplatten nach dem Siegeszug der CD nur noch Liebhaber.

Auch die Vorläufer der CD stammen aus der Stadt an der Leine, oder zumindest stand ein gebürtiger Hannoveraner an der Wiege. Und das ist nicht alles: Die erste Rechenmaschine, die erste Glühbirne und der erste deutsche Kleinwagen (nicht Volkswagen, sondern Hanomag) stammen aus Hannover. Hier brannte auch die erste Gaslaterne auf dem Kontinent, hier fuhr der erste automobile Feuerlöschzug, hier erfand der Ingenieur Walter Bruch das PAL-System, das 60 Länder als ihr System für Farbfernseher übernahmen. Da wundert es nicht, dass von hier auch der erste Tapetenkleister stammt und hier der erste Durchgangsbahnhof stand.

Dritte Tonträger-Premiere in Hannover

Vor allem aber beim Sehen und Hören waren Hannoveraner erfindungsreich. Begonnen hatte der technische Siegeszug schon 1887, als Emil Berliner mit einer Nadel Schallschwingungen in gewachste oder geätzte Zinkplatten ritzte und damit Töne aufzeichnete. Als er aus Hartgummi Schellackplatten pressen ließ, wurde das System fabrikreif. Berliners Bruder gründete die „Deutsche Grammophon-Gesellschaft“, bekannt unter dem Namen Polygram, und brachte so seit 1898 Schallplatten und Musik in die Wohnungen. Das Markenzeichen der Firma: der Hund, der vor dem Grammophon ergeben der Stimme seines Herrn lauscht.

Polygram brachte Hannover nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Ingenieure und Tontechniker, Fertigkeiten und Erfindergeist. So hatte auch die Musikkassette 1965 in Hannover Weltpremiere. Die erste Laserstrahl-CD in Serie im August 1982 war die dritte hannoversche Weltpremiere eines Tonträgers. 130 Techniker hatten sie über Jahre hinweg entwickelt. Statt mit Diamantennadeln, die rauschende Rillen abtasten, wurden nun die Töne digital aufgenommen und mit einem Laserstrahl ohne direkte Berührung abgetastet. Kratzer und Rauscher dürfte es also eigentlich nicht mehr geben, weil die dreizehn Gramm schwere Polycarbonat-Scheibe mit Aluminium bedampft und mit Schutzlack versiegelt ist. Viele empfinden die Perfektion der Töne aber als steril, ohne die Tiefe der Plattenmusik.

Die erste Pop-CD: „The Visitors“ von Abba

Damals war Polygram Teil des niederländischen Philips-Konzerns, der die Fertigungswege in großer Geheimhaltung in staubfreien Räumen vorbereitete. Der Konzern baute Langenhagen zur größten Fertigungsstätte der phonographischen Wirtschaft in der Welt aus. Zur Eröffnung kamen Claudio Arrau, dessen Einspielung von Chopin-Walzern die erste Klassik-CD war, und der Popsänger Peter Gabriel. Die erste Pop-CD aus Langenhagen, die damit am Freitag auch 25 Jahre alt wurde, war „The Visitors“ von Abba. Die Nachfrage stieg schnell: Die Fabrik musste Nacht- und Wochenendschichten einlegen und stellte hunderte von Arbeitslosen ein – obwohl das erste Abspielgerät, das zudem noch sehr teuer war, erst zwei Monate nach der ersten CD auf den Markt kam.

Schon 1987, fünf Jahre nach der Marktreife, wurden mehr CD-Spieler verkauft als Plattenspieler. Zu Beginn konnte eine CD nur zwanzig Minuten Musik wiedergeben, heute ist die Standard-Speicherkapazität 74 Minuten. Anfangs war fast jede dritte Compact Disc Ausschuss, später jede zehnte. Erst in jüngster Zeit sinkt die Nachfrage nach CDs wieder. Jugendliche laden sich die Musik auf den iPod, der einen Schrank voller CDs ersetzt. Auch die in Fernost illegal hergestellten Raubkopien, die CD-Brenner und das Herunterladen von Musikdateien über das Internet auf MP3-Player mit einer vielfachen Speicherkapazität machen der CD-Industrie das Leben schwer. Dazu kommt der Streit um das Urheberrecht, der die Arbeit der Hersteller und Musiker ebenso untergräbt wie vor einem Vierteljahrhundert, als es um die Zukunft der Musikkassetten ging.

Das Ende naht schon wieder

Das Ende der Silberlinge scheint zu nahen. Aber die Fabrik an der Emil-Berliner-Straße bleibt trotz beständig wechselnder Eigner und Namen. Erst kam die CD-Rom für Computer, dann die DVD für Filme. Jetzt tragen CDs für Navigationssysteme zum Absatz bei, bald wird es die neue Generation von CDs sein, die bei Filmen die DVD ablösen werden. So verkauft das Werk derzeit 185 Millionen CD jährlich. Vier Milliarden Scheiben sind aus Langenhagen gekommen seit jenem 17. August 1982, an dem Claudio Arrau ein wenig verwundert auf die Scheibe schaute, die Langspielplatten, Singles und Musikkassetten ersetzte – und nun selber zum Auslaufmodell wird.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, reuters

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