18. Juni 2006 Ein Wochenende lang halten die englischen Fans das Frankfurter Bahnhofsviertel besetzt. So wird es die Polizei noch Tage später formulieren, und so sagt es der kernige Brite, der Samstag nacht ein Bordell verläßt: Verglichen mit dieser Invasion, war D-Day gar nichts. Wir sind Engländer, und wir sind Fußballfans. Wir sind hier, um euer Bier zu trinken und um eure Frauen zu nageln.
1:0 gegen Paraguay. Auf den Straßen des Rotlichtbezirks herrscht mehr Betrieb als zu Messezeiten, sonnenstrapazierte Gesichter, überall Weiß-Rot. Je später die Stunde, desto höher die Plastikbecherhalde im Rinnstein. Man hat in das englische Publikum sehr viele Hoffnungen gesetzt, sagt ein Bordellbesitzer, aber einige Frauen sind schon wieder abgereist. Gegenüber von Frankfurts größtem Laufhaus liegen drei junge Engländer rücklings auf der Straße. Sie haben die Beine angewinkelt, ihre Köpfe ruhen auf Rucksäcken. Die Männer sind eingeschlafen.
Alle rudern zurück
Das Rotlichtmilieu als Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft hat schon im Voraus eine Menge Aufregung verursacht. Plötzlich hieß es, 40.000 Zwangsprostituierte würden wegen des Großereignisses nach Deutschland gebracht. Heute weiß keiner mehr genau, woher diese Behauptung stammt, Behörden und Aktivisten rudern gleichermaßen zurück. Aber der Dreiklang Fußball - Männermassen - Sex lenkte den Blick auf die Sperrbezirke. Das Ausland ereiferte sich über angeblich extra für die WM eingerichtete Wellness-Puffs und Verrichtungsboxen. Und prompt stand das ganze Land am Pranger, in dem käuflicher Sex seit 2002 erlaubt ist. Jetzt, da das Turnier begonnen hat, sorgen Kampagnen dafür, daß die Männer auf den Fanmeilen mit dem Thema Zwangsprostitution konfrontiert werden. Die Polizeikontrollen im Milieu sind so scharf wie selten. Was aber läßt sich tatsächlich sagen über die Lage in den Bordellen der Nation?
Alles wie immer, heißt es bei der Hamburger Polizei, und der Leiter des Frankfurter Milieukommissariats, Wolfgang Meyer, bekräftigt: Es hat sich nichts verändert. Die Münchner Fahnder sind bei ihrer ersten Großrazzia zwar auf deutlich mehr Prostituierte gestoßen als sonst, aber erstens gab es an den Papieren der Frauen nichts zu beanstanden, und zweitens rüstet die Szene zum Oktoberfest in ähnlichem Umfang auf. Öffentlich auftretende und dadurch auch international bekannte Häuser wie das Pascha in Köln und das Artemis in Berlin jubeln, sie seien an den Grenzen ihrer Kapazität angelangt, und das schon in der Vorrunde. Aber so etwas scheint die Ausnahme zu sein. Das Geschäft läuft wie immer, läßt ein exklusiver Hamburger Club verlauten. Der Betreiber eines Münchner Laufhauses schnarrt ins Telefon: Wir haben schon nicht mit viel gerechnet. Aber nicht einmal ein bisserl mehr ist gekommen.
Stringtangas im Trikot-Look
Natürlich hat sich auch die Branche auf das Weltereignis eingestellt. Beate Uhse verkauft Stringtangas im Trikot-Look. Das Artemis hat eines seiner Sexkinos zum WM-Studio umfunktioniert und überträgt dort alle Spiele. Ansonsten dominiert die übliche Flaggendeko, der eine oder andere Betrieb hat renoviert. Aber die Ausweitung von Sperrbezirken, der Neubau von Bordellen - alles Medienmärchen. In Frankfurt strömen die Engländer in die einschlägigen Straßen, die Woge setzt ein, sobald ein Spiel zu Ende ist, und fließt ab, wenn die nächste Partie beginnt. Aber die größten Menschentrauben bilden sich immer dort, wo es einen Fernseher gibt - oder Bier.
Joanna ist aus Köln angereist, eine erfahrene Brünette, eher herb, 33 Jahre alt. Für 130 Euro - 24-Stunden-Tarif - hat sie sich in einem Frankfurter Laufhaus eingemietet. Ich bin extra nur wegen des England-Spiels hier, das sind normalerweise gute Gäste, sagt die Frau mit leichtem osteuropäischen Akzent. Aber es ist nicht so, wie wir uns das gedacht haben. Wenn eine Gruppe reinkommt, bringt das nichts. Die Gruppenmenschen kommen nur zum Schauen, die sind einfach neugierig, was hier los ist. So eine Atmosphäre wie im Rotlichtviertel gibt es in England nicht. Wenn man bedenkt, was die Fans alles ausgeben für Tickets und Hotels . . . Aber für uns reicht es dann nicht mehr. Die haben mehr Spaß am Saufen.
Laura lehnt an ihrem Türrahmen, 25 Jahre, Typ Gazelle. Die Geschäftsverhandlungen klingen typischerweise so:
Oh, you're beautiful.
Thank you.
How much?
Fifty.
Too much.
Laura zieht die Augenbrauen hoch. Die normalen Gäste kommen nicht mehr, klagt sie. Um den Trubel zu meiden, bleiben Kunden weg, die für ihren Besuch im Puff normalerweise etwas mehr Zeit und Geld veranschlagen und es Frauen wie Laura erlauben, von zwei oder drei Klienten am Tag zu leben. Die Arbeit zur WM hingegen, sagt die hübsche Deutschrumänin, sei ähnlich aufreibend wie am Wochenende, wenn Teenager und Besoffene zwar die Flure füllten, aber wenig Geld mitbrächten. Ein Stockwerk höher hängt ein Zettel an einer verschlossenen Tür: Meine Stammgäste bitte klopfen. Jenseits der Gegenden, die Taxifahrer in der Dunkelheit reflexartig ansteuern, in intimeren Clubs und Modellwohnungen hat längst das Warten auf die Zeit nach der WM begonnen.
Nur gucken, nicht anfassen
Offenbar hängt die Attraktivität des Milieus für die Fans weniger am Angebot als am Erscheinungsbild. Man könnte auch von harmlosem Sextourismus sprechen. Die meisten Engländer machen nichts. Nur gucken, nicht anfassen, sagt ein breitschultriger Security-Glatzkopf. Die vergleichsweise große Offenheit, mit der Prostitution in Deutschland stattfindet, erhebt die Branche zur Sehenswürdigkeit. Da andere Länder das Thema auf ihre Weise regeln, ein striktes Verbot verhängen (Amerika) oder nur den Freiern Strafen androhen (Schweden), wird der deutsche Weg zum Streitfall. Für eine Fußballreise ist das hier fantastisch, sagt ein Poloshirtträger mit Landesflagge auf der Brust in alkoholschwerem Englisch. Aber eigentlich ist es widerlich. Bitte nicht in meinem Land. Ein Kraftprotz mit Sonnenbrille im Stoppelhaar meint: Gute Sache. Wie bei Pit-Stop. Und keine Korruption.
Schon befindet man sich mitten in einer Debatte, die moralische Fragen aufwirft, die hierzulande längst beantwortet schienen. Da fällt kaum auf, daß die Kritiker - allen voran Amerika, Frankreich und Schweden - mitunter Themen in einen Topf werfen, die nach polizeilichen Erkenntnissen in keinerlei Wechselverhältnis stehen: Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung und legale Prostitution. Bundeskanzlerin Angela Merkel mußte auf ihrer Amerikareise heftige Attacken hinnehmen, in Schweden wurde von offizieller Seite gar der Boykott der WM empfohlen. Noch vergangene Woche äußerten Vertreter von Europäischer Union und Unicef die Sorge, die Zahl der Zwangsprostituierten in Deutschland sei wegen der WM gestiegen. Nach den Razzien der ersten Turnierwoche jedoch hat die Polizei dafür keine Anhaltspunkte.
Eine soziale Einrichtung
Robert Kilp, Leiter des Kölner Ordnungsamts, wird schon länger von Medien aus aller Welt bestürmt, weil er die Einrichtung der ominösen Verrichtungsboxen verantwortet, die zum Symbol für den laxen Umgang der Deutschen mit käuflichem Sex avanciert sind. Wir sind keine öffentlich-rechtlichen Zuhälter, pflegt Kilp dann zu sagen, wir betreiben hier eine soziale Einrichtung. Im Herbst 2001 hat Köln den Straßenstrich für Drogenabhängige aus einem zentralen Wohn- und Bürogebiet auf ein kommunales Gelände im Norden der Stadt verlegt, Sozialarbeiter inklusive. Dort fahren die Junkies mit ihren Freiern nun in eine alte Scheune, in der die Stadt Carports eingerichtet hat, aus denen die Frau sich notfalls schnell in Sicherheit bringen kann. Dortmund versucht inzwischen auf ähnliche Weise, die Straßenprostitution von Drogenabhängigen in den Griff zu bekommen. Mit der WM hat das alles nichts zu tun.
Aber fördert die Legalität der Prostitution nicht doch die Geschäfte mit gewerblichem Sex? Kann ein Land mit gutem Gewissen erlauben, daß Frauen ihre Körper verkaufen? Ist das Fortschritt? Oder müßte nicht vielmehr das schwedische Modell Vorbild sein, das von der dortigen Frauenbewegung mitgetragen wird?
Ein Beruf wie jeder andere?
Ich will keine schwedischen Verhältnisse, sagt die langjährige Hurenaktivistin Stephanie Klee. Die gesamte Branche wird kriminalisiert mit der Folge, daß wir wieder in den Untergrund gehen müssen. Und damit sind der Gewalt Tor und Tür geöffnet. Klee befürchtet, daß die WM-Kampagnen gegen Zwangsprostitution benutzt würden, um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Denn die Kritik aus dem Ausland verschafft im Inland feministischen und christlich-konservativen Stimmen wieder Gehör, die immer dagegen waren, Prostituierten mehr Rechte zuzugestehen. Während Huren seit langem fordern, ihr Tun als ganz normalen Job zu respektieren, hält das allgemeine Unbehagen dagegen: ein Beruf wie jeder anderer? Das kann, das darf doch nicht sein.
Ich finde, wir müssen das unideologisch diskutieren, sagt Henny Engels, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrats. Der Abschaffung der Prostitution komme man seit Jahrtausenden trotz vielfältiger Strafen nicht näher. Deshalb sollten doch wenigstens jene Frauen in Würde arbeiten können, die sich freiwillig für dieses Gewerbe entschieden. Selbst wenn Feministinnen meinten, ihre Geschlechtsgenossinnen schützen zu müssen: Ich darf doch auch rauchen, obwohl ich mich nachweislich selbst schädige, gibt Engels zu bedenken.
Die Auswirkungen des Prostitutionsgesetzes sind übrigens gerade wissenschaftlich untersucht worden. Die Ergebnisse liegen im Familienministerium und harren ihrer Kommentierung. Mit einer Veröffentlichung ist jedoch erst in der zweiten Jahreshälfte zu rechnen - nach der WM. Wenn dann der innenpolitische Streit entbrennt, schaut wenigstens das Ausland nicht mehr so genau hin.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.06.2006, Nr. 24 / Seite 61
Bildmaterial: AP, F.A.Z. - Wolfgang Eilmes