Mode aus Mali

Nomadin in Silberpailletten

Von Karen Krüger, Bamako

Die Modemacherin: Mimi Konaté (zweite von re.)

Die Modemacherin: Mimi Konaté (zweite von re.)

14. März 2007 Sie gilt als eine der erfolgreichsten Modedesignerinnen von Mali. Sie verkauft Mode in einem Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. Sie macht Kleidung für Frauen, die sich von den strengen Rollenerwartungen der malischen Gesellschaft gelöst haben, ohne dabei auf ihre traditionellen Wurzeln zu verzichten. Sie kombiniert Stoffe und Muster, die sonst nach Ethnien und sozialen Rängen streng getrennt sind, und stellt damit das malische Sozialgefüge auf den Kopf. „Mode in Afrika war schon immer ein Kommunikationsmittel, mit dem die Menschen auf die politische Ohnmacht regierten“, sagt Mimi Konaté. „Meine Kreationen wirken auf viele Malier verstörend - und regen zum Nachdenken an.“

Mimi Konaté steht in ihrem Atelier in Bamako und hält prüfend die Nähte eines tiefgrünen Kleides gegen das Licht. Wie nasser Seetang fließt der weiche Baumwollstoff über ihren Arm. Oberhalb des Saums tanzen kleine Silberplättchen. Der Tekamist, das traditionelle Frauengewand der Tuareg im Norden Malis, habe sie zu dem Schnitt inspiriert, sagt die Modemacherin. Das dunkle Grün erinnere an die Reisfelder am südlichen Niger - bei den Tuareg tragen die Frauen vor allem Schwarz. „Mein Vater wurde bei den Unruhen 1992 von Tuaregs erschossen.

„Die meisten reihen sich ein“

Der Damastklopfer: In Westafrika gilt Damast als Inbegriff von Eleganz

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Meine Mutter sieht es deshalb nicht gern, wenn ich mich von ihrer Kultur inspirieren lasse.“ Und erst die Nachbarn: Sobald sie in einem Tekamist das Haus verlässt, heißt es: „Hält die sich für eine Nomadin?“ Mimi Konaté hängt das Kleid zurück an den Ständer: „Hier im Viertel bin ich eine Außenseiterin.“ Draußen vor dem Fenster kickt ein Junge mit einem Ball aus Plastiktüten, im Schatten der Häuser trinken Männer Tee. Das Quartier du Fleuve, in dem Mimi Konatés Atelier und Modeladen liegen, hält in der heißen Nachmittagssonne den Atem an.

Dreiunddreißig Jahre alt, unverheiratet, kinderlos und erfolgreiche Geschäftsfrau - Mimi Konaté ist in Mali eine Ausnahmeerscheinung und eine Provokation zugleich. „Es gibt hier nur sehr wenige Frauen, die ihre Träume verwirklichen“, sagt sie. „Die meisten reihen sich in das traditionelle System ein, das Frauen in die Familie verweist.“ Wie immer, wenn die zurückhaltende junge Frau direkt wird, umspielt ein Lächeln ihren Mund. Während ihre Freundinnen am Wochenende auf großen Familienfeiern nach einem Bräutigam Ausschau halten, zieht sie sich zum Arbeiten zurück.

„Ich hätte gerne einen makellosen Körper“

Schon als Kind will Mimi Konaté Designerin werden. Eine schwere Wundinfektion nach einem Armbruch macht diesen Traum fast zunichte. Das neun Jahre alte Mädchen, das älteste von sieben Geschwistern, fällt ins Koma, die Ärzte raten zur Amputation. Statt sich dem zu beugen, fliegen die Eltern Mimi nach Paris, wo ihr Arm gerettet wird. Drei Jahre bleibt das Mädchen in Frankreich, liegt monatelang in Krankenhäusern und Rehakliniken und besucht die Schule.

Mimi Konaté kehrt als Fremde in die eigene Heimat zurück. Weil sie sich vor den anderen Kindern wegen der hässlichen Narbenwulst an ihrem Arm schämt, näht sie sich auf der Singer-Maschine ihrer Mutter erst Ärmel an die T-Shirts, dann langärmelige Blusen und Jacken. Auf der Straße verkauft sie gefrorenen Fruchtsaft als Eis, um heimlich Geld für die Stoffe zusammenzusparen. „Ich hätte gerne einen makellosen Körper“, sagt Mimi Konaté. „Aber ohne den Armbruch hätte ich vielleicht nie angefangen, Kleider zu nähen.“ Schönheit gilt in Mali als Zeichen für moralische Überlegenheit.

Kostüme für die Eröffnungsfeier

Begierig, ihr Können zu perfektionieren, stellt sie sich nach der zehnten Klasse im „Centre d'Orientation Professionelle en Coupe et Couture“ (COPCC) vor, der besten Schneiderschule von Bamako. Doch der Direktor schickt sie weg. Mimi solle erst ihr Abitur machen und dann entscheiden, ob sie das Modehandwerk wirklich erlernen will. Schneiderin sei ein Beruf für perspektivlose Mädchen. Mimi Konaté schüttelt den Kopf: Selbst bekannte westafrikanische Modeschöpfer wie der Malier Chris Seydou, der bis zu seinem Tod für Yves Saint Laurent und andere große Namen der internationalen Modebranche arbeitete, hätten an dem schlechten Ansehen des Berufes nichts geändert. „Das war auch einer der Gründe, warum meine Mutter mich nach Elfenbeinküste schickte, so dass ich dort statt Mode Kommunikationswissenschaften studiere.“

Die Schneiderschülerin: Das COPCC gilt als die beste Schneiderschule Malis

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Doch als Mimi in Abidjan ankommt, ist die Einschreibefrist schon abgelaufen. Kurzerhand meldet sie sich für das Modefach an. Ihrer Familie erzählt sie erst davon, als das Studienjahr schon fast vorbei und die ersten Prüfungen erfolgreich bestanden sind. „Meine Mutter war erst sehr wütend auf mich. Später hat sie mir sogar ein Praktikum in einem Pariser Modeatelier erlaubt“, sagt Mimi Konaté. Die Fußball-Afrikameisterschaft im Jahr 2002 bringt ihr den ersten großen Auftrag: Für die Eröffnungsfeier soll die junge Designerin die Kostüme kreieren. Mimi Konaté zieht Fotos der Modelle hervor: Moderne Schnitte, traditionellen Stoffe - von nun an ihr Markenzeichen.

Die Familie kommt an erster Stelle

Zur gleichen Zeit beginnt sie, eine Modesendung im staatlichen Fernsehen zu moderieren. Mit dem so verdienten Geld gründet sie das Modeunternehmen „Mimi K.“ und eröffnet im Stadtzentrum ein Reisgeschäft. „Reis ist eine gute Investition und kann nicht verderben. Das ist wie mit zeitloser Mode: oft hängt sie jahrelang im Laden, bevor sie jemand kauft“, sagt die Designerin und lacht. Anders als in Mali üblich, kommt nicht ein männliches Familienmitglied für ihre Mutter, die Ausbildung ihrer Geschwister und für mittellose Tanten und Onkel auf, sondern sie. „Je mehr ich einnehme, desto größer wird der Verwandtenkreis und desto mehr Löcher soll ich stopfen. Aber so ist das eben in Afrika: die Familie kommt an erster Stelle“, sagt Mimi Konaté, und fast unmerklich verzieht sie das Gesicht. Arbeiten ihre Kusinen als Mannequins für sie, bezahlt sie ihnen ein Gehalt. Auch die beiden Verwandten, die in ihrem Reisgeschäft hinter dem Verkaufstresen stehen, bekommen den landesüblichen Lohn.

Eine Malierin in rosafarbenem Poloshirt und Jeans betritt den Laden. Sie wolle ihre Bestellung abholen, sagt sie, morgen gehe es nach Amerika zurück. Mimi Konaté springt auf, die Teile sind für eine New Yorker Boutique bestimmt, die vielleicht weitere Entwürfe bestellen will: Jacken aus beigefarbenem Bogolan-Stoff, der mit geometrischen Formen aus roter und brauner Erdfarbe bemalt ist - ursprünglich galt der Stoff als magischer Schutz für junge Mädchen bei ihrem Übergang zum Erwachsenenalter. Blusen aus buntbedruckten Pagne-Stoffen, die mit ihrer Symbolsprache Lebensweisheiten erzählen oder auf politische Ereignisse verweisen - aus Anlass der malischen Präsidentschaftswahl im April ziert gegenwärtig vor allem das Gesicht von Präsident Amadou Toumani Touré die Stoffballen auf dem Markt.

„Mode ist immer ein Mittel der Selbstvergewisserung“

Auch lange, elegante Kleider aus indigo-gefärbter Baumwolle hat Mimi Konaté für die Käuferin vorbereitet. Ihr feines weißes Batikmuster entsteht durch das Abbinden des Stoffes mit Baumwollfaden und ist eine traditionelle Männerarbeit. „Indigo gilt in Mali als Farbe der Zurückhaltung“, erklärt die Designerin. „In einigen Regionen des Landes werden die kleinen Mädchen in den Stoff gehüllt, wenn sie beschnitten werden. Auch wenn sie das erste Mal ihre Monatsblutung bekommen, heiraten und ein Kind gebären, tragen sie Indigo. Denn das dunkle Blau schluckt die Farbe des Blutes.“

Noch sind die meisten von Mimi Konatés Kundinnen Ausländerinnen - oder sie gehören der malischen Diaspora an. Erst seit kurzem finden auch Käuferinnen aus der Oberschicht Bamakos in den Laden. Die traditionellen Baumwollstoffe, mit denen Mimi Konaté vor allem näht, gelten in Mali nicht als chic. Der Inbegriff von Eleganz ist Damast, aus dem in Westafrika der Boubou, ein weites Hängekleid, gefertigt wird. „Der Damast wird so lange geklopft, bis er fast bricht, knistert und glänzt“, sagt Mimi Konaté. Mit ihrer Begeisterung für die alten Techniken ist sie aber ziemlich allein: „Es gibt Tage, an denen ich gerne alles hinschmeißen würde, weil meine Arbeit nicht gewürdigt wird.“ Am Freitag werden in Berlin einige ihrer Modelle im Wettbewerb der Modenschau „Weltgewänder“ präsentiert, einer Initiative der Welthungerhilfe.

Doch solche Anerkennung ist selten. In Mali fehle das Bewusstsein dafür, dass die traditionellen Stoffe Teil der malischen Identität sind und ihren Weg in die Moderne finden müssen. Früher hätten Weber und Stofffärber als Künstler gegolten. Heute kauften viele junge Leute lieber Second-Hand-Kleidung, die in Rotkreuzsäcken aus Europa kommt und die Märkte von Bamako und Timbuktu überschwemmt. „Mode ist immer ein Mittel der Selbstvergewisserung“, sagt Mimi Konaté. „Traditionelles ist nur dann statisch, wenn man sein Potential nicht erkennt.“

Text: F.A.Z., 15.03.2007, Nr. 63 / Seite 9
Bildmaterial: F.A.Z. / Marcus Kaufhold

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