Von Andreas Brand und Marco Dettweiler
04. März 2010Eigentlich ist die Kommunikation zwischen Mensch und Computer eine eingespielte Sache. Wir benutzen Tastatur und Maus, um den Rechnern zu sagen, was sie zu tun haben. Das funktioniert seit vielen Jahren reibungslos. Seit der Einführung des iPhones ist eine andere Eingabeart Mode geworden: der berührungsempfindliche Bildschirm. Jetzt tatschen alle gerne, am besten mit mehreren Fingern. Doch Multitouch-Funktionalität ist längst nicht die einzige Alternative zu Maus und Tastatur. Wir haben uns auf der Cebit mal auf die Suche nach Eingabemöglichkeiten gemacht.
Das Unternehmen Linguatec ist bekannt für seine VoicePro-Software. Die Spracherkennung wandelt Gesprochenes in Geschriebenes um - und das in Echtzeit. Linguatec hat nun seine Software um eine Funktion erweitert. Der Mensch gibt der Maschine Befehle - und sie gehorcht. Nach einem kurzen Hörtraining für die Software, kann es sofort losgehen. Ein Beispiel: Die Worte Suche in Wikipedia nach 'Eingabegerät' löst eine Kette von Befehlen aus. Es wird zunächst der Browser geöffnet, dann Wikipedia aufgerufen und der Ausdruck 'Eingabegerät' gesucht. Der ganze Prozess läuft so schnell ab, dass in wenigen Sekunden der Wikipedia-Eintrag zu sehen ist. Ebenso reibungslos lassen sich Fotos oder andere Dokumente über die Desktopsuche finden.
Um fehlerfrei funktionieren zu können, fordert die Software von Linguatec ein Headset, damit nicht zu viele Außengeräusche die gesprochenen Befehle übertönen. In ruhiger Umgebung genügt allerdings ein ordentliches Mikrofon am Notebook, um ohne Tastatur oder Maus Anwendungen per Sprache auszuführen. Welche Programme mit dieser Eingabeart steuerbar sind, entscheidet Linguatec. Momentan reagiert der Browser, die Desktopsuche oder etwa der Mediaplayer auf Sprachanweisungen. Dankbar werden all jene sein, die aufgrund körperlicher Einschränkungen Maus und Tastatur nicht oder nur schwerlich bedienen können. Dankend ablehnen werden Nutzer, die sowieso den ganzen Tag reden und gerne schweigend vorm Computer sitzen.
Microsoft folgt der Mode und Methode, wie Smartphones bedient werden, und setzt mit Windows 7 auf Multitouch-Funktionalität. Der Nutzer braucht zusätzlich einen Bildschirm, der eine berührungsempfindliche Oberfläche hat. Am Cebit-Stand konnte man an mächtigen Flachbildschirmen ausprobieren, wie sich das neue Windows anfühlt, wenn man mit dem Finger durch das Menü führt. Echtes Multitouch-Feeling stellt sich ein, wenn der Nutzer Programme wie etwa Paint aufruft. Malen mit vier Fingern gleichzeitig macht das System locker mit - bei entsprechender Hardware allerdings. Mit den mittlerweile weit verbreiteten Fingergesten für Zoomen oder Wechseln von Bildern kann Windows 7 selbstverständlich auch umgehen.
Das neue Betriebssystem wurde von Microsoft so vorbereitet, dass andere Softwarehersteller diese Funktionalität für eigene Multitouch-Anwendungen nutzen können. Treiber und Software regeln dann das Zusammenspiel mit dem Betriebssystem. Tastatur und Maus bleiben dabei nicht außen vor. Sie können parallel zur Fingereingabe benutzt werden. Der Nutzer entscheidet sich somit je nach Umgebung für die jeweilige Steuerung des Rechners. Ein Spiel kann auf einem berührungsempfindlichen Display interessant sein, Mailprogramm, Twitter oder Textverarbeitung sind ohne Tastatur nicht denkbar.
Die Multitouch-Technologie ist keine Erfindung von Microsoft. Andere Unternehmen nutzen ebenfalls diese Möglichkeiten. Das Unternehmen Projekt: Syntropy bietet ein Produkt an, das bei Bestellung speziell auf die Wünsche der Kunden zugeschnitten wird. Ähnlich wie Microsofts Surface (Video: Finger dirigieren Computer) besteht das Ganze auf einer Glasplatte, die in einen Tisch eingelassen ist. Eine an den Rechner angeschlossene Kamera beobachtet von unten die Bewegungen auf der Oberfläche. Diese wird - ebenfalls von unterhalb des Tisches - mit Infrarot-Licht angeleuchtet. Berührt der Nutzer die Platte, wird das Licht reflektiert und die Kamera kann die Koordinaten an die Software weitergeben.
Solche Multitouch-Lösungen sind teuer. Allein die in den Tisch eingebaute Kamera kostet mehrere tausend Euro. Und ihr Einsatz ist nur sinnvoll, wenn das Gerät von mehreren Menschen gleichzeitig genutzt wird. Dann können Vorschläge oder Ideen sehr anschaulich eingebracht werden, indem Symbole angeordnet, Farben gewechselt oder Dokumente verschoben werden können. Geeignet sind solche Systeme für Messen, Museen, Science-Center oder etwa die Immobilienbranche. Sofern sich die Institution oder das Unternehmen das leisten kann. Für das komplette System verlangt Projekt:Syntropy schon mal über 40.000 Euro.
Einige Nummern kleiner und günstiger ist das Produkt von Wacom. Bamboo besteht aus einem Stift, mit dem man auf einem Art Maus-Pad zeichnet. Die Unterlage gibt die Bewegungen des Stiftes direkt an den Computer weiter, der diese wiederum auf dem Bildschirm darstellt. Unter Grafikern sind die großen Modelle, die Wacoms, weit verbreitet, weil sie mit dem Stift sehr genau Fotos bearbeiten können. Aber auch Designer oder Modeschöpfer setzen die Wacoms ein, um ihre Entwürfe direkt digital festzuhalten. Die kleine Variante, das Bamboo, ist auch als Alternative zur Maus gedacht. Man kann damit Fenster schließen, Objekte auswählen oder das Menü des Betriebssystems bedienen.
Auf der Cebit stellt Wacom nun eine Erweiterung seines Produkts vor. Die Unterlage reagiert jetzt nicht mehr nur auf den Stift, sondern auch auf bestimmte Fingergesten. Und auch hier sind es wieder die üblichen Verdächtigen: Zoomen und Drehen von Bildern mit zwei Fingern. Ebenfalls möglich ist das vertikale Scrollen in einer Liste. Besitzer von modernen Notebooks dürfte das bekannt vorkommen. Denn auf diesen Geräten übernimmt das integrierte Mauspad schon diese Funktionalität.
Das Fraunhofer-Institut geht noch einen Schritt weiter und verzichtet komplett auf Berührung und Sprache. Man könnte von einer No-touch-Steuerung sprechen. Das Projekt läuft unter dem Namen iPoint. Auf der Cebit lässt sich jedes Jahr erkennen, wie die Funktionalität komplexer wird. Der Versuchsaufbau ist relativ konstant. Zwei Kameras nehmen die Gesten der Hände auf. Sie sind in der Regel am Boden oder an der Decke befestigt. Wenn man nun einen oder mehrere Finger in den Fokusbereich hält, wandelt die Software die Bewegung so um, dass der Bildschirm oder Beamer sie darstellen kann. Der Nutzer bewegt sich somit im Aufnahmefeld der Kamera und steuert den Mauszeiger auf dem Bildschirm, der mehrere Meter von ihm entfernt sein kann.
Auf der Cebit ist schön zu sehen, dass iPoint nun auch Handgesten verstehen kann. Eine ausgestreckte Hand mit leicht gespreizten Fingern bedeutet Zurück zum Hauptmenü, ein leichter Fauststoß löst die Play-Taste des Mediaplayers aus, ein Wischen von rechts nach links blättert das auf dem Bildschirm abgebildete Buch weiter. Die Einsatzszenarien, die die Forscher vom Fraunhofer entwickeln, haben meist eines gemeinsam: der Nutzer will oder kann seine Hände nicht einsetzen, weil sie in irgendeiner Weise verschmutzt sind. Deshalb ist es in Zukunft vorstellbar, dass iPoint-Produkte sowohl in der Küche als auch im Operationssaal zu finden sind.
Bildmaterial: FAZ.NET - Andreas Brand