14. Oktober 2008 Gegen Ende der Talkshow Beckmann von Reinhold Beckmann kam eine These auf. Sendungen, die spät kommen, also geradezu nach hinten geschoben werden (Heiner Geißler), werden nach hinten geschoben, entweder - Variante I, die Kulturpessimismusthese - obwohl, oder - Variante II, die Bewusstseinsindustriethese - weil sie Niveau haben. Umkehrkurzschluss: Was spät kommt, hat Niveau.
Die Skandalausgleichssendung mit Marcel-Reich Ranicki beispielsweise, die schon am kommenden Freitag die Kuh der unbestimmten Fernsehnegation vom Eis bringen soll - Pardon für die niveaulose Metapher, Kuh der Negation ist echt eine Zumutung, aber wir schreiben das hier sehr spät, damit es sehr früh erscheinen kann, können also nicht durchweg auf Spätsendungsniveau bleiben -, die Fernsehpreisprotestausgleichsendung also kommt am Freitag auf den Sendeplatz von Aspekte.
Auf Kosten des Niveaus
Das ist ein Kulturmagazin ist und hat selbstverständlich schon als solches ein richtiges Hammerniveau, aber erst recht, weil es ja ziemlich spät kommt, spät in der Woche, spät am Tag. Jetzt kommt es am Freitag noch später - oder gar gar nicht? -, weil auf dem betreffenden Sendeplatz eben zur Niveaupflege oder Niveaubestandsaufnahme Gottschalk mit Marcel Reich-Ranicki diskutiert. Ist das nicht - siehe Variante II - typisch, dass im Fernsehen über das Niveau nur auf Kosten des Niveaus diskutiert werden kann und nicht, sagen wir, anstelle des nächsten Volksniveaustadels oder wenigstens zu Lasten von Maybritt Illner oder Guido Knopp?
Ein wenig ist jetzt wie bei der Finanzkrise: Man sieht betroffen, das Fernsehen ist ja gar keine Niveauanstalt, die senden ja haufenweise Schwachsinn, da macht man ja geistige Schulden, wenn man ständig mitschaut!
Andererseits: Wer schaut sich denn Fernsehgalas an, sofern er nicht gerade muss, weil er zu ihren Insassen gehört? Zeitgleich kam am Sonntag ein ganz ordentlicher Tatort. Und wer schaut sich schon Beckmann von Reinhold Beckmann an, wenn er nicht gerade muss, weil er Niveaubeobachtungsspätdienst hat? Zeitgleich kam Im Körper des Feindes, eine Geschichte über den privaten Gesichtertausch zweier Erzgegner, bei dem die Oberschurken Castor und Pollux heißen.
Vergnügungsangestellte und Literaturpäpste
Bei Beckmann diskutierten derweil Merz und Geißler. Merz war ganz fürs Kapital, Geißler mehr oder weniger dagegen, Merz für Neo-, Geißler für Ordo-Liberalismus. Gegen Amerika waren beide, den schlimmen Kapitalismus gibt's, wenn's nach uns geht, nur da. Dann ist das aber nach Europa übergeschwappt (Merz), weil es diese Derivate gab (Geißler), auch das mit den Kreditkarten und den Autokrediten schwappt jetzt nach Europa(Merz), aber sonst werden die Banken hervorragend geführt, außer vielleicht, denkt sich der Zuschauer, in den Überschwappabteilungen.
Über die wurde aber nicht weiter gesprochen. Kurz auch nur, auf Anregung eines ganz gut informierten Herrn Schuhmann, der offenbar, wie Herr Merz, Sachbücher über Wirtschaft schreibt, aber, anders als Herr Merz, antizyklische Konjunkturprogramme gut findet, darüber, dass Merzens Kanzlei anwaltlich auch für Finanzdienstleister tätig ist, wodurch er, sagte Merz, in seinen politischen Grundüberzeugungen nicht im geringsten beeinflusst werde, was aber den Zuschauer natürlich doch ein bisschen ratlos über die Herkunft der Grundüberzeugungen und über die Personalverflechtungen im Bereich des Kapitalismuslobs zurückließ.
Womit wir wieder bei der Fernsehgala und beim permanenten öffentlichen Gesichtertausch wären. Die Metamorphosen von Ovid sind ein Witz dagegen: Sportreporter sind Wirtschaftsjournalisten, Berufsblondinen verteilen Fernsehpreise, Vergnügungsangestellte treffen sich mit Literaturpäpsten, um über Kulturkritik zu diskutieren. Wenn so ständig das eine ins andere überschwappt, ist Formverlust nur noch ein anderes Wort für objektive Komik.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: ddp
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