Von Gunter Göckenjan
31. Oktober 2001 Filme wie "Amores perros" gibt es nicht oft. Ins Kino kommen sie noch seltener. Aber dann erinnern sie uns wieder daran, warum wir das Kino überhaupt lieben. Sie beleben unsere Lust auf Geschichten. Vielleicht ist das der Grund warum die Filmindustrie solche Filme gelegentlich zulässt.
"Das Fest", "Happiness", "Ice Storm" waren solche Werke. In ihrem Umfeld kommt das Wort "Unterhaltung" überhaupt nicht mehr in den Sinn. Auch der mexikanische Film "Amores perros" erreicht von seiner ersten Sequenz an sehr viel mehr, als dem Zuschauer die Zeit zu vertreiben.
Wir werden hineingezogen und berührt, wir sind engagiert. Am Anfang ist es noch die rohe Vitalität des Handwerks, die dem Betrachter den Atem raubt. Die Faszination des Stils, der mit schmutzigen Mitteln größte Wirkung erzielt. Diese erste Bildfolge, eine Verfolgungsjagd, die in atemberaubender Geschwindigkeit mit expressiver Handkamera gefilmt wurde, wirkt wie Action-Kino aus dem Geist der Dogma-Filme.
Knotenpunkt
Die Jagd endet mit einem Unfall, der zum dramaturgischen Knoten der drei Liebes- und Lebensgeschichten wird, da die Protagonisten der Episoden hier aufeinandertreffen. Das Zittern der Kamera scheint die Aufregung der Handelnden zu reflektieren und bewirkt bald die Erregung des Zuschauers. Das grobe Korn der Bilder, ihre schmutzige Authentizität, sucht den Bruch zum Mainstream-Kino. In seiner Dramaturgie, auch in einigen Szenen, zitiert "Amores Perros" jedoch die Struktur von "Pulp Fiction" mit seiner Dreiteilung und der bewussten Verdrehung der Chronologie. Anders als Quentin Tarantino verarbeitet Regisseur Alejandro González Inarritu in "Amores perros" allerdings nicht nur Film-Erlebnisse. Seine Figuren wollen nicht das Kino kommentieren, sondern das Leben in Mexiko City.
Hundeliebe
Die drei Paare in den drei Episoden haben jeweils ihre eigene unglückliche Liebesgeschichte. Octavio (Gael Garcia Bernal) liebt seine Schwägerin, die von ihrem Mann misshandelt wird. Um das Geld zusammen zu sparen, das er für die Flucht mit ihr braucht, schickt Octavio seinen Hund in illegale Hundekämpfe. Auf das Arme-Leute-Drama folgt die traurige Reiche-Leute-Groteske. Covergirl Valeria (Goya Toledo) und der verheiratete Magazin-Verleger Daniel (Álvaro Guerro) ziehen in eine gemeinsame Wohnung. Plötzlich läuft alles schief. Die absurde Tragödie beginnt, wenn ihr Hündchen sich in dem Zwischenraum unter dem Parkett verliert.
Im dritten Teil geht es um El Chivo (Emilio Echevarría), einen Tramp und Auftragskiller, der sich nach seiner Tochter sehnt, die ihn für tot hält. "Amores perros" heißt soviel wie "Hundeliebe", und alle Personen in diesem Film sind auf ihre Art auf den Hund gekommen. In der Weise, wie sie mit dem "besten Freund des Menschen" umgehen, spiegelt sich ein bedeutender Teil ihres Wesens.
Gewaltspirale
Die Wege der Personen kreuzen sich für einen Moment, als Valeria und Octavio in ihren Autos aufeinander prallen. Auf dem Rücksitz von Octavios Wagen liegt dessen blutender Hund. Hinter ihm her sind die Rächer seines Gegners. An dem hatte Octavio sich zuvor gerächt, weil der seinen Hund angeschossen hat. Der hat seinen Hund angeschossen, weil dieser wiederum seinen Hund totgebissen hat. Der Hund hat nun wieder ...
Aggression produziert Aggression, sagen die Soziologen. Und Alejandro Gonzáles Inárritu (Regie u. Produktion), Guillermo Arriaga (Buch) und Rodrigo Prieto (Kamera) streifen mit ihrem rauhen Filmkunststück die menschliche Realität auch dieses Reaktionsmodells. Doch werden ihre Personen nie zu Beispielen für ein Konstrukt. Dazu sind sie viel zu genau beobachtet.
Amores perros, Mexiko 2000, Regisseur: Alejandro González Inárritu, Darsteller: Emilio Echevarría, Gael García Bernal, Goya Toledo
Text: @göck
Bildmaterial: x-verleih
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