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Nur kein Revival: Tarwaters andere 80er

Von Aram Lintzel

26. August 2002 Das Berliner Duo Tarwater vereint Natur und Technik in einem verästelten Klangkosmos. Akustische Gitarren, ein schüchtern pathetischer Gesang und digitale Nebengeräusche kommen auf ihrer neuen CD zusammen. So sehr die Klanggebung an Depeche Mode, Anne Clark und andere Romantiker der 80er Jahre erinnert, erweitern Tarwater das derzeitige 80er-Revival, anstatt sich plump an den Elektropop-Hype anzuhängen.

Ein anderes 1985

Tatsächlich wird hier eine andere Erinnerung an die 80er aufgerufen. Die beiden Bandmitglieder Ronald Lippok und Bernd Jestram taten sich nämlich 1981 in Ost-Berlin zusammen und arbeiteten in Bandprojekten wie Rosa Extra, Ornament und Verbrechen und Aufruhr zur Liebe. In der DDR entwickelten sie ein eigensinniges Verhältnis zu den Konventionen des 80er-Pops. Seit 1996 machen sie als Tarwater gemeinsam Musik, Ronald Lippok ist zudem Drummer bei dem Elektronik-Projekt To Rococo Rot.

Ob es mit der DDR-Sozialisation zu tun hat, dass auf ihrer neuen Platte „Dwellers on the Threshold“ ein faszinierendes Schillern entsteht, das sich der plakativen Eindeutigkeit vieler 80er-Reanimateure entzieht? Textzeilen oder Songtitel wie „1985“ täuschen populistische Nostalgie höchstens an, ansonsten nähert man sich der Vergangenheit auf verschlungenen, verästelten und verrätselten Pfaden.

Verführerische Melodien

Denn nicht die harsche Zackigkeit des New Wave wird hier aufgearbeitet, sondern die romantische Sehnsucht jener Zeit. Märchenhafte Akustikgitarren, schummrige Mundharmonika-Klänge und schwelgerische Streicher treffen auf monotone elektronische Klangschlaufen. Jeder Song variiert eine bestimmte Atmosphäre - deren Stimmungsfragmente und atmosphärische Signaturen werden obsessiv verfeinert. Jedes Stück ist wie ein musikalisches Bilderbuch, das sich behutsam entfächert.

Sänger Ronald Lippok agiert dabei wie ein klassischer Singer/Songwriter - allerdings mit elektronischem Unterbau: Zärtlich wie die Stimme eines Verliebten schmiegt sich sein Gesang an die digitalen und analogen Geräusch- und Melodiemassen an. Das Pathos der Situation, also das, was den Liebenden hinreißt, wird aber nicht laut hinausgerufen, sondern hinter vorgehaltener Hand geflüstert und in Musik verwandelt. Die wunderschön verführerischen Melodien tun ihr übriges, um diese romantische Begegnung unvergesslich zu machen.

Keine Rückschau

Die emotionale Aufrührung wird aber immer wieder durch karge Rationalität diszipliniert. Es entsteht so ein interessantes Wechselspiel zwischen Enthemmung und Kontrolle, Verschwendung und Verknappung, Kunst und Technik. Man könnte die Musik von Tarwater als 'elektronischen Folk' bezeichnen. Elektronisches und Naturwüchsiges werden ab einem bestimmten Punkt ununterscheidbar und gewähren so ein intuitives Eintauchen in den Klangstrom.

Tarwaters elektronische Balladen münden aber beileibe nicht in regressiver Rückschau. Denn bei aller Erinnerungsarbeit sind Lippok und Jestram der Zukunft freudig zugewandt. Die 80er Jahre begreifen sie als Möglichkeitsmoment, das es nicht originalgetreu abzubilden, sondern kreativ zu nutzen und umzugestalten gilt.

„Dwellers On The Threshold“ von Tarwater ist auf Kitty-Yo / EFA erschienen.



Text: @aram
Bildmaterial: Kitty-Yo

 

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