Von Ingeborg Harms
12. April 2004 Wenn Sarah Jessica Parker am Drehort erscheint, ruft schon jemand "Hufkontrolle!", denn die Koproduzentin und leading lady von "Sex and the City findet als Mutter eines einjährigen Sohns nicht immer die Zeit, ihre zarten Füße zu putzen und zu pediküren. Daß noch ein wenig Schmutz zwischen ihren Zehen steckt, hat seine Richtigkeit. Es ist das Imprimatur des Glücks. Alles an ihrem bisherigen Lebenslauf mutet wie ein Märchen an.
Da ist zunächst die frugale Kindheit in Cincinnati, die kurz nach ihrer Geburt geschiedene Ehe der Eltern, die drei Geschwister, zu denen vier weitere ins Haus kamen, als ihre Mutter eine zweite Ehe mit dem Lastwagenfahrer Paul Forse einging. Daß der vielköpfige Haushalt auf freie Schulmittagessen angewiesen war, lehrte die Kinder Bescheidenheit und Stolz: "Es hat sich literarisch angefühlt", bemerkt Parker über ihre Kindheit, und man muß an J. D. Salingers exzentrische "Glass"-Familie denken, wenn die Forse-Parker ihre Kinder in einen Kleinbus packen und nach New York umziehen.
Schillernde Rollenwahl
Sie kommen gerade rechtzeitig, um Sarah Jessica zum Vorsprechen am Broadway abzuladen. Natürlich erhält die im Ballettanz ausgebildete Elfjährige die Hauptrolle in der Charles-Strouse-Revue "Annie". In einer TV-Produktion hatte sie bereits als Andersens Streichholzmädchen debütiert. Am Broadway spielt sie die Prinzessin auf der Erbse, dann wird sie Teenagerstar in einer Sitcom und erhält mit einundzwanzig einen vielbeachteten Part in Steve Martins "L. A. Story", es folgen Komödien, Fantasycomics, Actionthriller und Filmsatiren - ihre Rollenwahl ist zu schillernd, um daraus eine konsumierbare Hollywood-Ikone zu zimmern.
Erst als sie zu einer der vier Karrierefrauen in der Manhattan-Kultserie "Sex and the City" wird, ergibt ihre Persönlichkeit medial Sinn, und ihr Ruhm ist nicht mehr zu stoppen. Denn sie spielt eine junge Frau, die ihre Widersprüche nicht nur lebt, sondern auch zeigt: in der Kleidung.
Ekstatische Liebe zu prächtigen Designer-Outfits
Der Wandschrank im Einzimmerapartment von Carrie Bredshaw erinnert an Tischleindeckdich-Phantasien. Er ist klein, doch unerschöpflich, obwohl Carries Konto nie aus den roten Zahlen kommt. Den Überfluß entsorgt ihre Bildschirmprominenz. Parker nennt es "Verbrennen", wenn einer ihrer vielkopierten Looks auf Sendung geht.
Am verrücktesten sind die Ressourcen an sündhaft teuren Manolo-Blahnik-Stilettos. Der in transatlantischen Modekreisen vergötterte Schuhkönig scheint auf Parker gewartet zu haben - an den athletischen Gestalten amerikanischer Frauen sehen die zierlichen Kreationen oft deplaziert aus, hier passen sie wie angegossen. Auch wenn ihr Naturell um einiges keuscher als das der erotisch freizüngigen Carrie ist, eins haben beide gemeinsam: die ekstatische Liebe zu prächtigen Designer-Outfits. "Leikileikileiki!" (I like it, I like it, I like it!) ist regelmäßig von Parker zu hören, wenn man ihr beim Fotoshooting den Kleiderständer vorführt.
Daß die charismatische Frau mit den vom Lächeln geformten Grübchen und den akrobatisch beweglichen Augenbrauen zur Zeit die Muse der Mode ist, wird der amerikanische Mode-Rat (CFDA) am 7. Juni unterstreichen, wenn er ihr in New York den "Fashion Icon"-Preis verleiht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.04.2004, Nr. 86 / Seite 44
Bildmaterial: AP
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