Wellenreiter

Bitte auf der Couch platznehmen

Von Jörg Thomann

02. Februar 2005 Herzlichen Glückwunsch, Pro Sieben. Der junge, schnittige Fernsehsender, der tagtäglich atemberaubende Hochglanzunterhaltung und sensationelle Hollywoodfilme bietet, ist nach seinen jüngsten, gänzlich mysteriösen Quotenschwächen wieder im Aufwind.

So hat sich die Mittelalter-Reality-Soap „Die Burg“, die anfänglich kaum jemand sehen wollte, inzwischen berappelt, weil es den kreativen Köpfen bei Pro Sieben gelungen ist, die Sendung ins Gespräch zu bringen.

Die in der Burg eingekerkerten Existenzen haben sich zuletzt nämlich exakt so verhalten, wie der Sender es sich erhofft hat, und für Unterhaltung auf höchstem Niveau gesorgt: Sie pinkeln einander ins Badewasser, klatschen sich Marmeladebrote ins Gesicht und gehen aufeinander los, so auch ein Mann - Frederic Prinz von Anhalt - auf eine Frau, Kader Loth, die sich anschließend ins Krankenhaus einliefern ließ. So etwas schauen die Leute anscheinend gern: 2,78 Millionen Zuschauer hatte „Die Burg“ am Dienstag. Seit Verona Feldbusch bei Kerner unter Tränen von den Schlägen Dieter Bohlens berichtete, hat kein gewaltsamer Angriff auf eine Frau ein derart großes Publikumsinteresse gefunden. Herzlichen Glückwunsch also, Pro Sieben - auch zu diesen Zuschauern.

Das Comeback des „Bed-In“

Da loben wir uns Prinz Ferfried und Tatjana Gsell. Die beiden sind zwar ähnliche Plagegeister wie die „Burg“-Gespenster, bleiben bei ihrem Bemühen, nicht aus den Klatschspalten zu rutschen, friedlich. Zumindest klingt ihre Idee, in Wien eine Pressekonferenz im Bett zu geben wie einst Yoko Ono und John Lennon, ziemlich pazifistisch. Lennon und Oko wollten bei ihren „Bed-Ins“ Anfang der Siebziger für den Weltfrieden demonstrieren, ihre Kopisten vermutlich nur für sich selbst. Doch immerhin bietet ein Bett nur Raum für jene Sünden, die ein jeder gern verzeiht, liegend läßt sich nur wenig Unheil anrichten.

Unser Friedenspreiskandidat des Tages ist aus diesem Grund Jeff Tweiten, 27 Jahre alt, Grafik-Designer und zur Zeit seßhaft in Seattle. Dort liegt er auf einer Couch, die vor einem Kino steht, und wartet auf die Premiere der Abschlußfolge von „Star Wars“. Kinostart ist am 19. Mai. Bis dahin will Tweiten vor dem Kino ausharren, um eine gute Karte zu kriegen, und die „Süddeutsche Zeitung“ hat ihn interviewt.

Es ist okay, nicht zu hetzen

106 Tage zu warten wie Tweiten, das klingt nach Buddhismus, nach Gandhi; der „Star Wars“-Fan aber ist, wie er im Gespräch erklärt, katholisch. „Mein Lebensprinzip ist es, zu wissen, wo ich bin. Und das weiß ich hier: auf meiner Couch“, erzählt Tweiten. „Es ist ein sehr physischer Platz. Ich möchte den Leuten zeigen, daß es okay ist, sich nicht abzuhetzen und die Dinge abzuhetzen und die Dinge etwas langsamer anzugehen. Auch so erreicht man Ziele.“ Eine sehr sympathische Philosophie, auch wenn man einräumen muß, daß Tweitens Ziel nicht besonders hochgesteckt ist: Wer mehr ereichen möchte als nur eine Kinokarte, der wird sich von seinem Sofa wohl erheben müssen.

Langweilig aber ist es Jeff Tweiten nicht. „Ich komme mit den verschiedensten Leuten ins Gespräch und lebe viel bewußter. Es stärkt mein Vertrauen in mich und meine Ziele“, berichtet er, den Freunde mit Snacks und der Kinobetreiber ab und an mit einer Tasse Kaffee unterstützen. Tweiten ist schon ein alter Wartehase: Für „Star Wars I“ stand er 19 Tage an, für die „Episode II“ 136 Tage - und immer kam er an sein Ziel. Die „Burg“-Bewohner bei Pro Sieben, die sich schon nach 16 Tagen an die Kehle gehen, sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen: Auch für sie, und ebenso für die Pro-Sieben-Programmplaner, wäre eine Couch gewiß ein guter Platz.



Text: @jöt
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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