21. März 2003 Die Sprüche, die wir aus Köln kennen, sind jetzt auch aus Leipzig zu hören: "Leipzig liest" sei das "größte Lesefest Europas, vielleicht der Welt", während Köln die "lit.Cologne" - ohne "Europa" und ohne "vielleicht" - zum "größten Literaturfest" ausruft. Mehr als sechshundert Veranstaltungen sind es an der Pleiße, "nur" achtzig am Rhein, wo inszeniert wird, wovor dort gewarnt wird: ein Event. "Wein und Krieg" war am Donnerstag im Hotel Hyatt ein Vier-Gänge-Menü für 145 Euro der amerikanischen Journalisten Don und Petie Kladstrup überschrieben, die über französische Winzer und Widerstandskämpfer im Zweiten Weltkrieg recherchiert haben. Unangenehmer Vorgeschmack: Genußvoller läßt sich der Kriegsbeginn kaum begehen.
Doch Köln ist und bleibt vor allem Kunststadt, und so versucht die lit.Cologne auch die Museen zu erobern. Ganz oben im Treppenhaus des Museums Ludwig stehen Stuhlreihen und, die Bühne als Atelier, zwei Gemälde auf der Staffelei: "Angesaugte Kuh" (1988) und "Tatkräftige Assistenz" (1989), "Körperbewußtseinsbilder", die die Leere spüren lassen. Gemalt hat sie die Künstlerin, deren "Zwei Selbstportraits mit Körperteilen" den Umschlag eines der meistbeachteten deutschen Romane des letzten Herbstes schmücken. Auf dem Podium sitzen die Malerin und der Autor nebeneinander, moderiert von Verena Auffermann, die sie zusammengeführt hat: "Maria Lassnig trifft Ernst-Wilhelm Händler." Ut pictura poesis? Maria Lassnig wandelt den Grundsatz des Horaz zu "Die Feder ist die Schwester des Pinsels", so der Titel ihrer "Tagebücher 1943-1997", ab: Notate und Notizen, Aphoristisches und Apodiktisches, eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht, aus denen sie vorliest.
"Wenn man im Leben Kompromisse macht, geht es mit der Kunst bergab", enthält in nuce das Credo der 1919 geborenen Künstlerin, die nicht erst jetzt mit der Lysistrate sympathisiert: "Das beste Mittel gegen den Krieg, ist, alle Männer auszutauschen. Die Deutschen nach Frankreich, die Franzosen nach Deutschland, und so weiter. Nach zwei Jahren tauscht man sie wieder mit einem anderen Land." Als Frau und Österreicherin ist sie gleich doppelt unversöhnt mit der Welt: "Die Kunst wird wie ein eingeschüchtertes Huhn in die Ecke getrieben." Wenn zutrifft, was Ernst-Wilhelm Händler in seinem Roman "Wenn wir sterben" registriert, macht es inzwischen genausoviel Sinn, die Frauen auszutauschen, da sie den Männern in ihrer Macht- und Geldgier nicht nachstehen. Der Autor, Jahrgang 1953 und im Brotberuf Unternehmer, liest die stroboskopische Anfangsszene und eine Auseinandersetzung, in der ein Kredit ausgehandelt wird, doch das Gespräch mit Maria Lassnig kommt sofort auf eine andere Leere: "Sehr lange sehr ratlos" hätten ihn, so Händler, ihre Bilder gemacht und gerade deshalb "wahnsinnig fasziniert". Erst über die Beschäftigung mit Ernst Machs "Analyse der Empfindungen" habe er sie begriffen und ein Denken kennengelernt, "das vom literarischen und philosophischen Denken weit entfernt ist".
"Was ist der Unterschied für Sie zwischen Schreiben und Malen?" ist die Frage, die Händler unter den Nägeln brennt. "Nicht viel", lautet Maria Lassnigs zögerliche Antwort: "Richtig erzählen mag ich eigentlich nicht. Nur feststellen." Die Laokoon-Debatte, die hier angetippt wird, aber bleibt hängen in der subjektiven Befangenheit, der jeweils anderen Kunst aktiv nicht gewachsen zu sein, und wird auf Fragen des Werdegangs abgeleitet. Dabei ist Maria Lassnig, die ihr Altersruhm noch mißtrauischer gemacht hat, mit ihrer Malerei keineswegs identisch. Auf eines ihrer Bilder angesprochen, überrascht sie auch sich selbst: "Das kenn' ich gar nicht!"
ANDREAS ROSSMANN
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.03.2003, Nr. 69 / Seite 39
Bildmaterial: dpa
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