Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Er bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich erst in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung.
In den Messehallen war es kalt. Überall war die Versorgung zusammengebrochen. Es gab keinen Strom mehr, keine Beleuchtung, auch die sanitäre Versorgung war zum Erliegen gekommen. Die Überlebenden des gestrigen Massakers hatten sämtliche Cafeterien und Restaurants in den Messeanlagen geplündert, wobei es zu Tumulten gekommen war. Am schlimmsten war der Mangel an Information über die Lage. Niemand wusste etwas. Draußen im Hof waren Hubschrauber einer fremden, unbekannten Macht gelandet, schwarzuniformierte Gestalten gingen daran, die Eingänge der Hallen zu verminen und in gewissenhafter Langsamkeit Bohrlöcher in die Fundamente zu bohren, die sie mit Sprengladungen füllten. Die Besucher der Frankfurter Buchmesse, die noch vor drei Tagen in frohester Erwartungshaltung in die hessische Rippchen- und Apfelweinmetropole gereist waren, um hier ein Fest der Literatur zu feiern, sahen das Ende herbeinahen. Entweder man hielt sich in den Hallen verbarrikadiert oder wurde draußen auf dem Hof grausam niedergemetzelt.
Das einzige, was man an Information erhielt, war die nach wie vor täglich neu ausliegende Ausgabe der Messe-F.A.Z. Auf welchen Wegen sie immer noch in die Hallen gelangen konnte, wusste niemand. Das gegenwärtige Gemetzel wurde in der Zeitung in all seinem Schrecken genauestens beschrieben.
Überall auf der Messe wurde diskutiert, erörtert, Theorien wurden gebildet, vielleicht mehr als je auf einer Messe zuvor. Es gab ein kleines Grüppchen Metakritiker, die in Halle 5 um die verkohlten Reste des Standes vom Verlag menschliche Bedürfnisse (VMB) herumsaßen und sich an verglimmenden Buchseiten wärmten. Sie alle waren studiert, hatten für Zeitungen geschrieben, hatten rezensiert, ihr Gewerbe war, Texte immer jeweils von der nächsten Stufe aus zu betrachten, vom Metabereich aus. Sie entwickelten eine Theorie und vervielfältigten ihre Thesen auf einem durch Notstrom betriebenen Drucker am Stand von VMB. Ihre Thesen waren notgedrungen sehr reduziert. Sie wussten, sie mussten schlagwortartig sein, um die labile Masse zu einem letzten Widerstand aufzuputschen.
Hier das Blatt: Niemand anderes als der Autor des F.A.Z.-Romans ist für diesen Terror verantwortlich! Ob er autonom handelt oder die Redaktion für das, was hier geschieht, verantwortlich ist, wissen wir nicht. Wir müssen einen Ausbruch wagen und das Zeitungsgebäude in der Hellerhofstraße einnehmen. Mit jedem Tag F.A.Z.-Messe-Fortsetzungsroman wird es schlimmer. Stoppt den unbekannten F.A.Z.-Messe-Fortsetzungsromanschreiber, bevor es zu spät ist!
Eine halbe Stunde schien es, als käme neuer Mut über die Besucher. Schon wurden erste Gänge in die Kanalisation unternommen, schon versuchte man, andere Wege zu finden, um das Terrain zu verlassen und sein Heil in der Hellerhofstraße zu suchen, als sich die Nachricht verbreitete, ein Kommando unter Leitung eines renommierten Hamburger Schriftstellers habe sich in den Messeturm vorgekämpft und dort sehen können, was in der Stadt geschah. Das Gebäude der F.A.Z. brannte lichterloh! Auch die Zeitung war Opfer des schwarzen Feindes geworden.
Der S.-Fischer-Verlag war dem Erdboden gleichgemacht, aus dem Suhrkamp Verlag stiegen Flammen und Rauchwolken empor. Über dem Nordend flatterten im Feuersturm einzelne verwehte Hölderlinseiten. Fußgänger jenseits der Nidda fanden halbverkohlte Kafka-Autographen-Kopien. Die Rundschau brannte, die Frankfurter Neue Presse - um vierzehn Uhr achtzehn sackte das Gebäude der F.A.Z. in sich zusammen, Stockwerk für Stockwerk, und begrub jeden unter sich, der es nicht hatte rechtzeitig verlassen können.
Hauptkommissar Erich Scharf gehörte zu den Verbarrikadierten in Halle 4. Dort fand sich eine Gruppe von mehreren mutigen, jungen Autoren zusammen, die überlebt hatten. Sie hatten sich mit den Waffen des niedergemetzelten Wachpersonals ausgerüstet und planten einen Ausbruch aus dem Haupttor, um einen oder zwei der dort herumstehenden Hubschrauber des Feindes zu erobern. Thomas Glavinic war dabei, Georg M. Oswald, auch Markus Orths. Ihr Anführer war Albert Ostermaier, ein Schriftsteller außergewöhnlichen Schlages. Er gab das Kommando, und unter dem Applaus der Zurückbleibenden verließen die Heldenmutigen das Tor und verschwanden in den Rauchschwaden, die sich dicht vor dem Ausgang zusammenschlossen. Scharf schaute ihnen traurig nach. Nur die Metakritiker wandten sich ab und fanden all das zu naiv.
Fortsetzung folgt
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. Kat Menschik
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