
Volker Sommer, Anthropologe und Primatologe, Professor für evolutionäre Anthropologie am University College London
21. November 2008 Sind invasive Versuche an Affen vertretbar? Der Anthropologe und Primatologe Volker Sommer erläutert im Gespräch mit FAZ.NET, warum er für ein grundsätzliche Verbot solcher Versuche eintritt.
In der Bremer Debatte geht es um Versuche an Affen (Makaken), bei denen u.a. invasive Techniken zum Einsatz kommen. Die Gegner sehen darin Quälerei von Tieren und bezweifeln überdies die wissenschaftliche Notwendigkeit solcher Experimente? Was halten Sie von solchen Einwänden?
Zweifellos gäbe es noch eine ganze Menge zu lernen durch invasive und schmerzhafte Versuche an Primaten - etwa im Bereich der Neurobiologie oder Immunologie. Doch das rechtfertigt solche Eingriffe keineswegs. Denn was potentiell nützlich ist, ist nicht automatisch ethisch unbedenklich.
Halten Sie nun Eingriffe an Makaken-Affen für vertretbar?
Ich erforsche Affen und Menschenaffen in der Wildnis - und kann mich deshalb leicht aus der Affäre ziehen, weil meine Wissenschaft ohne harte Eingriffe auskommt. Aber ob ich meine, dass andere invasive Laborversuche durchführen sollten? Meine Antwort ist: Nein.
Sollten also die Bremer Versuche verboten werden?
Hier ist die Politik gefragt. Bisher sind solche Versuche erlaubt, und wer sie durchführt, verhält sich legal. Deshalb brauchen wir klare Änderungen der Gesetze. Und da würde ich mich für ein grundsätzliches Verbot invasiver Versuche an Primaten aussprechen - alles also, was auf Schmerz oder körperliche Schädigung hinausläuft.
Würden Sie so weit gehen, den Makaken-Affen Personenstatus zusprechen zu wollen - was Sie ja, im Sinne des Great Ape Projekt, für Menschenaffen fordern?
Nein. Die Initiative der Philosophen Peter Singer und Paola Cavalieri macht sich dafür stark, nur unsere allernächsten Verwandten - Orang-utans, Gorillas, Bonobos, Schimpansen - in die community of equals aufzunehmen. Diese Gleichberechtigung würde ihnen gesetzlich ein Recht auf Leben und Freiheit von Folter zusprechen. Unter anderem deshalb, weil ihre mentale Welt der unseren mehr ähneln dürfte, als der von anderen Affen. Menschenaffen haben vermutlich ein Selbstkonzept, können sich in andere Wesen hineinversetzen und in die Zukunft hinein denken. Ihre Leidensfähigkeit dürfte deshalb der von Menschen nicht nachstehen. Solche Qualitäten machen sie zu Personen.
Damit wird die Grenze zwischen Menschen und Tieren unscharf . . .
Genau. Für mich ist eine solche Grenze ohnehin nicht von Gott, der Natur oder irgendeiner mythischen Instanz auf ewig festgeschrieben. Als Darwiniker denke ich in fließenden Übergängen. Wo es geht, zoomorphisiere ich deshalb Menschen und anthropomorphisiere andere Tiere. Zu vertierlichen und zu vermenschlichen sind gute Denkübungen für Evolutionsbiologen.
Und warum gilt es in Ihren Augen, die Grenzziehung zwischen Tier und Mensch neu zu überdenken?
Wer zur Gemeinschaft jener gehören soll, die gleiche Rechte haben, wird nicht von unveränderlichen Werten bestimmt. Wer aus- oder eingeschlossen sein soll, ist Verhandlungssache - eine Frage des gesellschaftlichen Konsenses. Für mich ist die Forderung nach Personenstatus für Menschenaffen eine logische Fortsetzung anderer moderner Debatten - beispielsweise der, ob Frauen das Wahlrecht haben dürfen, ob Menschen ihr Geschlecht ändern dürfen, ob ein Mensch mit dunkler Hautfarbe nur spezielle Toiletten benutzen darf, oder ob Kinder wegen ihres kleinen Körpergröße in enge Minenschächte geschickt werden dürfen.
Kommt also bald das Wahlrecht für Schimpansen?
Na ja, viele Menschen können und dürfen ja auch nicht wählen - Kinder, Jugendliche, Komakranke -, aber dafür haben sie etwa ein Recht auf körperliche Unversehrtheit. Gleichheit kann also durchaus in der Praxis Einschränkungen unterliegen. Ich würde beispielsweise auch kein Recht auf Bildung für Bonobos fordern. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und ein Verbot von Folter aber schon.
Und wo soll man dann aufhören? Wieso kein Recht auf Leben für Ratten?
Zu meinen Anliegen gehört das nicht. Aber es ist durchaus denkbar, dass dies eines Tages auf die Agenda gesetzt wird. Es müssten sich nur genügend Leute dafür stark machen wollen. Warum auch nicht? In der nordindischen Stadt Deshnok beispielsweise gelten Ratten als heilig und unantastbar. Uns erscheint das absurd. Aber andererseits gelten Kühe und Affen Hinduisten auch als heilig. Für sie ist es absurd, dass für uns Kühe lediglich Fleischlieferanten sein können. Während wir uns wiederum darüber aufregen, dass Westafrikaner Affenfleisch verzehren.
Manche Kritiker haben da gleich den Vorwurf des Kulturrelativismus parat.
In der Tat ist alles relativ, und speziell das, was als lobenswert oder verwerflich gilt. Die Verstümmelung des Penis durch Vorhautbeschneidung oder das Essen von Hundefleisch gelten in manchen Kulturen als Gräueltaten, in anderen gehört es zum guten Ton. In dem Maße, wie die Welt zusammenwächst, prallen diese Wertewelten aufeinander.
Und wir sollten diese Werte schlichtweg respektieren?
Die Erkenntnis, dass Kulturen je eigene Werte haben, verurteilt mich durchaus nicht dazu, alles zu akzeptieren. Ich bestreite den Pygmäen das Recht, Gorillas in ihrer angestammten Heimat zu jagen. Und meine Freunde in Indien bestreiten mein Recht, Kühe zu verschlingen. Und ich bestreite das Recht von Wissenschaftlern, Affen die Schädeldecke aufzuschneiden. Der Streit wird nie enden. Aber ihn auszutragen, gehört zu den Merkmalen erwachsener Gesellschaften.
Und kann der Streit zu tragfähigen Ergebnissen führen? Ihre Forderung nach Personenstatus für Menschenaffen geht vielen Leuten zu weit.
Mag sein. Aber der Gedankengang wird heute weitaus leichter nachvollzogen als noch vor zwanzig Jahren. Ganz ähnlich wuchs beispielsweise auch stetig die Akzeptanz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Und schauen Sie sich ein einst erzkonservativer Land wie Spanien an: Da dürfen Schwule plötzlich heiraten und Rechte für Menschenaffen wurden in der Tat gesetzlich verankert. Deutschland hat da Nachholbedarf. Wenn man es hier ernst meint, sollte die Forderung nach Leitkultur nicht rechten Rufern überlassen werden. Sie sollte sich vielmehr manifestieren im Sinne einer neu verhandelten Ethik, die ich mir wünsche: der des evolutionären Humanismus.
Das Gespräch führte Helmut Mayer.
Volker Sommer ist Professor für evolutionäre Anthropologie am University College London. Er widmet sich seit vielen Jahren der Feldforschung mit Affen und leitet das von ihm 1999 begründete Gashaka Primate Project in Nigeria (www. ucl.ac.uk/gashaka). Letzte Buchveröffentlichungen: Darwinisch denken (2007) und Schimpansenland (2008).
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: V. Sommer
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