Von Katja Blomberg
12. Mai 2002 Man kann es kaum oft genug sagen: der Boom deutscher Fotografie ist nicht älter als ein pubertierender Gymnasiast. Noch vor 15 Jahren weigerten sich viele Museumsdirektoren hierzulande Fotografie als Kunst anzuerkennen, sie auszustellen oder anzukaufen. Erst in den 90er Jahren tröpfelten Fotografien hier und da als fester Bestand in die öffentlichen Sammlungen.
Das ist inzwischen anders geworden. Für deutsche Fotografie aus der Becher-Schule, das heißt aus jenem Kreis von Künstlern, die in den 70er und 80er Jahren an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Bernd und Hilla Becher studierten, zahlen Sammler in der ganzen Welt hohe Summen. Seit dem riesigen Erfolg, den Andreas Gursky im vergangenen Jahr mit seiner großen Ausstellung in New York feiern konnte, folgt nun der zweite Schock aus den USA: An diesem Sonntag wurde eine Retrospektive mit etwa 90 Fotografien des Düsseldorfer Künstlers Thomas Struth im Dallas Museum of Art eröffnet, die bis zum Herbst 2003 noch in Los Angeles (Museum of Contemporary Art), New York (Metropolitan Museum) und Chicago (Museum of contemporary Art) zu sehen sein wird. Struths gesamtes OEuvre von 1977 bis heute wird in einer noch nicht da gewesenen Breite vorgeführt. Der Mitvierziger hat zusammen mit den Kuratoren eine Schau zusammengestellt, wie sie bisher nur großen Klassikern zu Teil wird.
Hinter der Schönheit Fragen an die Zukunft stellen
Neben seinen berühmten Museumsbildern und Familienporträts aus unterschiedlichen Metropolen der Erde, sind auch weniger bekannte Werkgruppen, wie seine Schweizer Landschaften und Blumenbilder zu sehen. Über 25 Jahre konsequenter Entwicklung, haben dem Künstler nicht mehr als eine handvoll Themen in die Kamera gespiegelt:
Straßenbilder, Städtebilder, Porträts, Menschen im Museum, Blumen, Landschaften, Dschungel und Wälder. Dabei interessieren ihn vor allem strukturelle Frage, Fragen der Perspektive. Wenn Struth Menschen aufnimmt, rückt er sie als Thema deutlich ins Zentrum. Seine Museumsserie zeigt Menschen, die Kunst anschauen. Auf den Familienporträts stellen sie sich hingegen selbst aus. Ansonsten bleiben seine Bilderserien weitgehend leer, jedenfalls sind Menschen darin nicht das eigentliche Thema. Diese Serien wirken wie skeletierte Rahmen für menschliche Kommunikation, wie Daniel Birnbaum in seinem erhellenden Essay in der jüngsten Ausgabe des Artforum meint.
Jeder Millimeter dieser Großfotografien ist technisch und handwerklich perfekt durchgearbeitet. Pure Schönheit ist die Folge. Dabei bewahrt Thomas Struths inhaltlich stets Distanz zu den Emotionen der Menschen. Gerade dadurch, dass er den Menschen Raum lässt, treibt er uns zum Nachdenken über die Voraussetzungen unterschiedlicher Kulturen und Gemeinschaften.
Der umfangreiche Katalog zur Ausstellung, mit Beiträgen von Kuratoren der beteiligten Museen: Douglas Eklund, Ann Goldstein, Maria Morris Hambourg und Charles Wylie ist bei Yale university press erschienen.
Text: @blo
Bildmaterial: 2002 Thomas Struth, courtesy of Marian Goodman Gallery
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