Von Fridtjof Küchemann
24. März 2005 Vor fast zehn Jahren begab es sich in einem Theaterstück in der Provinz, in einer Art Nummernrevue voller Kunstwillen, daß ein hagerer junger Mann in Hausmeisterkutte hinter einer Trennwand hervorgeschlurft kam, mit seinen Armen einen Bogen beschrieb, sich anschließend auf seinen Besen stützte und mit der denkbar harmlosesten Stimme der Welt den auch damals schon denkbar weitestverbreiteten Wahlspruch der Welt zum Besten gab: Global denken, lokal handeln.
Wenn das Internet, jene Krake, jener Tausendfüßler, jenes vieläugige, vielarmige, hirnlose Monster, jemals Kinderschuhe trug, dann steckte es damals noch darin. Vor zehn Jahren hatten sich Sergey Brin und Larry Page gerade in Stanford kennengelernt, sie hatten noch nicht an den Computerprogrammen zu basteln begonnen, die einmal zu Google, der heute beliebtesten Orientierungshilfe im weltumspannenden Netz werden sollten. Und auch der heute beliebteste Einzelhandelsplatz im Internet war gerade erst gegründet worden: Ebay.
Das Dorf im Dorf
Die zentrale Metapher jener Frühzeit war das global village. Man stellte sich das Internet und seine Nutzer als virtuelles globales Dorf mit all seinen sozialen, kulturellen und ökonomischen Funktionen vor. Das war anschaulich, übersichtlich und sympathisch, klang nach Tratsch und Tante-Emma-Laden - und überlebte, zumindest im Namen unzähliger Internet-Unternehmen, die Blase der New Economy ebenso wie deren Platzen.
Das globale Dorf ist groß geworden. Heute muß man es sich als Moloch vorstellen, als Mega-City, unübersichtlich, unbegreiflich mit ihren Slums und Silos, multikulturell und multicodiert mit ihren Nomaden, Narren und Novizen, ihren Robin Hoods und deren Getreuen, ihren Geschäftsleuten und ihrem weltweit angehäuften Datengerümpel. Und mitten drin, im Central Business District dieser Ballung, unter dessen Fundamenten Datenarchäologen einst den alten Dorfplatz finden werden, treiben Sehnsucht und Geschäftssinn neue Blüten: die beiden größten Unternehmungen im Netz, Google und Ebay, haben sich auf das Lokale im Globalen besonnen und sozusagen das Dorf im Dorf gegründet. Man sieht förmlich, wie sich ein hagerer Junghausmeister vor der Firmenzentrale der globalen Unternehmen auf seinen Besen stützt und Global denken, lokal handeln sagt.
Was heißt global auf Suaheli?
Das eine heißt Google local, ist als Beta-Version über google.com erreichbar und bietet neben dem Feld für den Suchbegriff auch eines für die Verortung - vorerst allerdings nur in Nordamerika. Wenn man also, wie das Unternehmen in seiner Produkterklärung jubelt, den Doughnut Shop in der Nähe finden will, der rund um die Uhr geöffnet hat, dann hilft diese Doppelsuche. Prima. Ebay hingegen hat seinen Nutzern den Wunsch abgelauscht, wieder mehr Gemeinschaftsgefühl - wie früher in dörflichen Gemeinschaften - in unsere weltumspannende Internet-Gemeinschaft zu bringen. Und für die Website, auf der man wie einst auf dem Dorfplatz tratschen und überhaupt fast alles darf, außer Körperteile, Inkassoansprüche, Drogen oder Diebesgut verticken, folkloristisch-froh den Namen Kijiji gewählt. Das ist Suaheli und bedeutet Dorf.
Das Kamusi Project Internet Living Swahili Dictionary, ohne Zweifel eine Website aus den dörflichen Randgebieten des einstigen globalen Dorfes, schlägt für lokal die Übersetzung kimwetu vor, für handeln unter anderem amili und für denken zum Beispiel dhamiri. Nur für global bietet die Seite keine Entsprechung an. Vielleicht braucht man ein solches Wort auf Suaheli einfach nicht. Dorf hingegen kann man laut Kamusi Projekt nicht nur mit Kijiji, sondern auch mit Chengo, Kaya, Kiambo und Kitongoji übersetzen.
Text: @kue
Bildmaterial: FAZ.NET
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