Zum Geburtstag

Kleines Grass-Glossar

Jubilar vor weitem Feld: Günter Grass

Jubilar vor weitem Feld: Günter Grass

16. Oktober 2002 Das Schlimmste ist geschafft: Die Honoratioren, Genossen und Kollegen des Jubilars haben ihre Grußbotschaften und Würdigungen in die Post gegeben, in die Mikrophone gesprochen oder in die Steno-Blöcke diktiert. An diesem Mittwoch feierte Günter Grass, Deutschlands wichtigster lebender Schriftsteller und nebenbei auch noch als Grafiker und Bildhauer erfolgreich, seinen 75. Geburtstag. Da kann es nie ganz unnütz sein, auf Stichwort Wissen zu Leben und Werk des Ehrenvollen abrufen zu können. Eine Handreichung von FAZ.NET für Leser und Nichtleser.

Austritte und Eintritte

Der Austritt zählt zu den bevorzugten Protestformen des streitbaren Schriftstellers. 1974 beginnt Grass seine Serie mit dem Austritt aus der Kirche - aus Protest gegen die Haltung der Bischöfe zur Reform des § 218. 1989 verlässt Grass die Berliner Akademie der Künste, als die dem durch das Todesurteil einer Fatwa bedrohten Kollegen Salman Rushdie kein Obdach gewähren wollte. 1998 wird er wieder in die Akademie gewählt. Aus Protest gegen die Haltung der SPD (siehe auch: Brandt, Willy) in der Asylpolitik verlässt Grass 1992 die Partei, im Bundestagswahlkampf 1998 engagiert er sich jedoch erneut für die Sozialdemokraten (siehe auch: Querdenker).

Brandt, Willy

Duz-Freund des Dichters, seit 1961 betrieb Grass für den SPD-Politiker Wahlkampf (siehe auch: Austritte).

Calcutta

Mitte der 80er lebte Grass auf Einladung des dortigen Goethe-Instituts ein halbes Jahr lang in Calcutta. In seinem Skizzenbuch schreibt Grass: „Ich, das heißt der Schriftsteller, zwang den Zeichner zum Hinsehen, immer wieder - und alle Ausflüchte wie Kunstansprüche verlachend - zum Hinsehen: Denn jener Slum, dessen Hütten als Mittelpunkt eine aus Zeiten der Kolonialherrschaft überlebende Denkmalbüste respektieren, wollte wahrgenommen werden; auch die Kuh vor dem Leichenfeuer, bewohnte Betonröhren, Kochstellen unter Bäumen; und jene vor undurchlässigen Häuserwänden und Fabrikmauern wie zufällig Liegenden, die in Calcutta als Obdachlose (weil in keinem Slum zugelassen) Pavementdweller - Pflasterbewohner - genannt werden, wollten gesehen, aufgezeichnet werden.“

Danzig

Geburtsstadt von Grass. Nach dem Krieg verschlug es ihn in amerikanische Gefangenschaft nach Bayern, später nach Düsseldorf, Berlin, Paris, Kalkutta und schließlich Lübeck. Schrieb aber weiterhin gerne über Danzig (siehe: Oskar). Dort ist er seit 1993 Ehrenbürger. Ein Denkmal haben ihm die Danziger auch schon errichtet, das neben einer Statue seines Romanhelden Oskar Matzerath (siehe: Oskar) stehen sollte; Grass aber hat sich gegen eine Aufstellung ausgesprochen, solange er noch lebe. Lieber solle man in seinem Geburtshaus endlich richtige Toiletten in die Wohnungen einbauen und sie von ihm aus gern „Grass-Klos“ nennen. Der kleine Oskar (siehe: Oskar) steht jetzt ganz alleine da.

Ehefrau

Seit 1979 in zweiter Ehe verheiratet.

Feinde

Hat er. Bis Grass 1999 den Literaturnobelpreis erhalten hat, war die Frage unentschieden: Hat der Schriftsteller mehr Feinde oder mehr Ehr'? Unzählige Politiker wird Grass mit Begeisterung zu seinen Feinden zählen, dazu Bonzen, Reaktionäre und „Skinheads mit Schlips und Scheitel“. Sein Lieblingsfeind aber ist wohl ein Literaturkritiker: Seit der „Spiegel“ 1995 Marcel Reich-Ranicki auf dem Titel trug, der das neue Buch „Ein weites Feld“ buchstäblich zerreißt, gelten die beiden großen Alten des Literaturbetriebs - auch wenn es jüngst kurz nach Tauwetter aussah - als unversöhnlich.

Gustloff, Wilhelm

Im „Krebsgang“ setzt Grass dem Flüchtlingsschiff „Gustloff“ und einer der größten Flüchtlingskatastrophen auf der Ostsee im Januar 1945 ein lebendiges Denkmal. Das mit ca. 10.000 Personen völlig überladene Schiff, benannt nach dem Schweizer NSDAP-Chef Wilhelm Gustloff, der 1936 ermordet wurde, war am 10. Januar 1945 von russischen Torpedos getroffen und versenkt worden. Die vielen Ertrunkenen blieben gesichtslos. Grass greift ein Schicksal heraus. Er war aber nicht der erste: Vor ihm hat schon der Leipziger Bildhauer Jörg Herold der „Gustloff“-Katastrophe gedacht. Er entwarf 1995 eine neue Form des plastischen Gedenkens: Aus vier kartographischen Positionen auf See - auf der Ostsee wurden im Frühjahr 1945 zahlreiche Flüchtlingsschiffe versenkt - schuf er ein abstraktes Zeichen, das nicht nur der „Gustloff“ gedenkt, sondern Überfahrt, Verlust und Fortsetzung von Geschichte als Ganzes markiert.

Höllengelächter

„Das Höllengelächter, das man mit literarischen Mitteln entfesselt, ist auch ein Protest gegen die Zustände.“ (Günter Grass 1999; siehe auch: Querdenker)

Internet

Die Adresse www.grass.de führt uns direkt zur Gesellschaft für Rechenzentrums-Automation und Systemsoftware mbH (GRASS). Unter www.guenter-grass.de kommt man immerhin zur Günter-Grass-Stiftung Bremen. Der Schriftsteller selbst hält es offenbar mehr mit den alten Medien.

Jazz

Überraschenderweise war es nicht „Die Blechtrommel“, sondern „Der Butt“, den Günter Grass Anfang der 90er zum Schlagzeugspiel des Jazz-Trommlers Günther „Baby“ Sommer vortrug. Der klöterte mit Töpfen und warf schon mal mit Federn, dass es eine Lust war.

Kutteln

Gehören - etwa als „Klare Kuttelsuppe“ - zu den von Grass als Koch und Feinschmecker bevorzugten Gerichten, neben Hammelkeule und Linsen, Kalbsnieren auf Sellerie und Aal grün - und zu Pfingsten einem mit Backpflaumen gefülltes Rinderherz. Bei manchen Bekochten gilt Grass' Küche als großartig, andere fürchten sie eher.

Literaturnobelpreis

1999.

Mutter

Ist die Beste. Denn sie hat ihrem Günter seine Kreativität in die Wiege gelegt: „Nun ja, also wenn ich's genau überlege, kommen diese Veranlagungen von der mütterlichen Seite her“ (Günter Grass 1997). „Sie, die genau rechnende Geschäftsfrau, die ihren Kolonialwarenladen zu Diensten unzuverlässiger Pumpkundschaft betrieb, liebte das Schöne, lauschte dem Volksempfängerradio Opern- und Operettenmelodien ab, hörte gerne meine vielversprechenden Geschichten, ging oft ins Stadttheater und nahm mich manchmal mit.“ (Günter Grass 1999)

Novelle

Prosaform, in deren Zentrum eine unerhörte Begebenheit steht. Die Novelle „Katz und Maus“ komplettiert neben den Romanen „Die Blechtrommel“ und „Hundejahre“ die „Danziger Trilogie“ (siehe: Danzig). Ob man auch das jüngste Buch des Jubilars „Im Krebsgang“ (siehe: Gustloff, Wilhelm) als Novelle sehen sollte, ist indes fraglich. Der Erzähler, der über eine Flüchtlingskatastrophe im Winter '45 auf der Ostsee recherchiert, bekommt zu hören, sein Stoff hätte „das Zeug zur Novelle“. Hat „Im Krebsgang“ auch. Wären da nicht die eigentlich zentrale Rahmen- nebst einigen Nebenhandlungen der Erzählung.

Oskar

Oskar Matzerath, großmäuliger kleinwüchsiger Schlagwerker, inhaftierter Erzähler aus dem Roman „Die Blechtrommel“, dem bekanntesten Buch des Schriftstellers (siehe: Danzig).

Pokriefke

Tulla Pokriefke heißt ein rätselhaft zählebiges Wesen aus „Haut, Knochen und Neugierde“ aus der Danziger Trilogie, das - wie Oskar Matzerath - als Figur in vielen weiteren Romanen Grass' auftritt. Im Buch „Im Krebsgang“ beschreibt schließlich ihr Sohn Paul Pokriefke ihr Schicksal auf dem torpedierten Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff (siehe: Gustloff, Wilhelm) gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, und der Enkel Konrad Pokriefke vertieft und verwickelt sich derart in die Weltgeschichte, dass er zuletzt zum Mörder wird.

Querdenker

Wohlwollend für: Querulant. Grass selbst („Mich wird so leicht nichts zum Verstummen bringen“) würde von sich am ehesten behaupten, „querfeldein“ zu denken. Oder er sei „unbequem“ (siehe: Austritte)

Rauchen

Nicht nur als Schriftsteller ist Grass erfolgreich: 1999 kürte das deutsche Tabakforum ihn zum „Pfeifenraucher des Jahres“. Es sollte nicht die letzte Auszeichung für Grass sein (siehe: Literaturnobelpreis)

Schnauzbart

Trägt er seit Jahrzehnten. Früher, weil das als Bürgerschreck gut passte, heute aus Gewohnheit.

Tiere

Hund und Katz, Maus, Möwen und Mehlwürmer, Aale im Pferdekopf, ein Butt, eine Rättin und viele Tiere mehr bevölkern die Romane von Günter Grass. Und damit nicht genug: Als „Pinscher“ wurde Grass im Deutschen Bundestag 1965 von Ludwig Erhard beschimpft, Franz Josef Strauß zählte ihn gar zu den „Ratten und Schmeißfliegen“.

Umstritten

War Grass schon immer (siehe auch: Querdenker). Es stört ihn aber nicht: „Vielmehr dürfen wir den Zustand des permanenten Umstrittenseins als belebend empfinden und auch dem Risiko unserer Berufswahl angemessen.“ (Günter Grass 1999)

Vaterland

„Kann mir jenes Vaterland, zu dessen Gunsten mit meinesgleichen aufgeräumt werden soll, nicht gestohlen bleiben?“, sinnierte Grass 1990, nachdem er - der Gegner der Wiedervereinigung und Befürworter einer Föderations-Lösung - als „Vaterlandsverräter“ beschimpft worden war. Heute hingegen gilt Grass als Nationaldichter, als „zur Einmischung bereiter Patriot, der sich Deutschlands historischer Verantwortung stets bewusst ist“, wie Gerhard Schröder an diesem Dienstag sagte. Der freilich ebenfalls kein glühender Verfechter der Wiedervereinigung war.

Windhühner

Vorzüglicher Gegenstand im Erstlingswerk des Literaten.

Xanthippe

„Die böse Frau Xanthippe heißt,/Die ihren Mann am Halstuch reißt“, heißt es in einem Gedicht. Leider stammt es nicht von Grass, sondern von Frank Wedekind.

Yankees

„Ich fühle mich vielen Amerikanern und dem Land gegenüber als Freund verbunden. Freundschaft verlangt aber auch, einem Freund in den Arm zu fallen, wenn er droht, etwas falsch zu machen, und wenn man ihn darauf aufmerksam machen kann, dass er dabei ist, einen Fehler zu begehen oder Fehler zu wiederholen. Solche offene Kritik gehört für mich zur Loyalität. Wenn man das unter Antiamerikanismus abbucht, hört die Diskussion auf.“ (Günter Grass 2001)

Zunge

Als streitbarer Schriftsteller zeigt Grass nicht nur gern Gesicht (siehe: Schnauzbart): „Zunge zeigen“ nennt er sein Tagebuch über seine Zeit in Indien (siehe: Calcutta), in dem er dem reichen Westen seine scharfe Zunge herausstreckt (siehe: Querdenker).

Die Abbildung, ein Foto von Thomas Müller, stammt aus dem Ausstellungskatalog „Why Are Your Creative“ von Hermann Vaske, Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2002



Text: @kue, @jöt, @blo
Bildmaterial: Thomas Müller / Focus

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