01. September 2004 Mit seinen größten Sehenswürdigkeiten geht Berlin ja meistens sehr fahrlässig um. Angesichts der Vielzahl meist ausländischer Berlin-Touristen, die mit Reiseführer und Stadtplan in der Hand zwischen den Glitzerbauten am Potsdamer Platz umherirren und sichtlich irritiert nach Spuren der verschwundenen Berliner Mauer suchen, kann man sich ausrechnen, welche Massen tagtäglich an einem zentralen Ort mit zwanzig, dreißig Metern Originalbeton zu erwarten gewesen wären.
Ein ästhetisch kaum ansprechenderer, historisch aber fast ebenso reizvoller Bau wie der Palast der Republik trotzt wenigstens seit Jahren tapfer seinem beschlossenen Abriß, auch wenn er längst völlig ausgehöhlt ist.
Ein soziales Kunstwerk
Seit einigen Monaten aber verfügt Berlin wieder über eine einzigartige Sehenswürdigkeit, die das In- und Ausland staunen läßt. Es handelt sich um ein großes soziales Kunstwerk, wie an diesem Mittwoch Die Welt schreibt, das, so der Tagesspiegel von heute, eine neue Lebensqualität der Hauptstadt symbolisiert und - diesmal hoffentlich wirklich berechtigte - Träume von der Weltstadt weckt.
Die Rede ist nicht von einem Bauwerk, sondern von einem Lebewesen, einem vielköpfigen zumal: Gemeint ist die Schlange vor der Neuen Nationalgalerie, bestehend aus den Besuchern, die sich die Exponate des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) anschauen wollen.
An diesem Mittwoch ist die Besucherin Nummer eine Million, die 19 Jahre alte Abiturientin Marie-Louise Dietrich aus dem Schwarzwald, zu ihrer Überraschung von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit begrüßt worden. Sie wird nun nach New York fliegen dürfen, um sich das richtige MoMA anzusehen, das freilich nicht mit einer so beeindruckenden Schlange aufwarten kann.
Die Attraktion des Sommers
Die Wartezeit von sieben, acht oder neun Stunden, die die Leute bereitwillig in Kauf nehmen, um die Picassos, Monets oder Dalís zu sehen, die trotz verlängerter Öffnungszeiten nächtlich vor dem Museum Campenden - die MoMA-Schlange läßt die Medien ins Schwärmen geraten.
Die MoMA-Schlange ist die Attraktion des Sommers. Eine Skulptur, die sich ständig verändert. Ein Sehnsuchtsort: Je größer sie wird, um so mehr Leute stellen sich an schreibt die Welt in ihrem Artikel, in welchem sie den Kartenabreißer am Eingang zum Herrgott ernennt, der die Besucher eintreten läßt in die heiligen Hallen der Kunst, die Pforte zum Paradies. Je näher man nach vorne rückt, bekommt die Kunst, auf die alle warten, etwas Großes, Erhabenes, Spirituelles.
Aus der Warteschlange vor der Nationalgalerie, zeigt sich der Feuilletonchef der Welt in einem zweiten Text überzeugt, kommt die Erneuerung der Gesellschaft, da mag am Standort Deutschland herumbasteln, wer will. Zeugt die Schlange doch von einer bemerkenswerten Reife ihrer Einzelglieder: Freiwillig begeben sich Tag für Tag Tausende in eine soziale Situation, die in der kollektiven Erinnerung für höchste Gefahr und höchste Bedrückung steht und jetzt ironisch gebrochen zum sozialen Erlebnis wird. Das ist künstlerische Geschichtsverarbeitung. Worin das soziale Erlebnis besteht, weiß der erste Welt-Artikel: Warten kann eine Form der Meditation sein. Der Geborgenheit. Der Einzigartigkeit. Oder ein beinahe rauschhaftes Gefühl zwischen Klassenfahrt, Konfirmation und Firmenparty.
Geborgenheit und Rausch
Konfirmation! Firmenparty! Wer sich jetzt nicht sofort aufmacht, um an diesem Kunstwerk höchstpersönlich teilhaben zu können, dem ist nicht mehr zu helfen. Auf nach Berlin, wo die Kunstsuchenden nicht nur 200 Meisterwerke finden, sondern Geborgenheit, Erhabenheit und Rausch, wo die Ausstellung selbst nur mehr ein süßes Dessert ist nach dem sozial-künstlerischen Festmahl des Schlangestehens.
Der Autor dieser Zeilen allerdings war bereits da. Auf vier Stunden haben wir es gebracht - viel zu kurz, wird man nun meinen, um das Erlebnis wirklich auskosten zu können, aber uns hat es, ehrlich gesagt, gereizt. Die sich mehrfach ums Museum windende Schlange ist ganz ohne Zweifel beeindruckend, ihren Anblick genießt man freilich vor allem dann, wenn man kein Teil von ihr ist.
Der meditativ minderbegabte Schlangesteher fühlt sich allein deshalb schon wenig berauscht, weil er damit beschäftigt ist auszurechnen, in wievielen Stunden ihm wohl endlich Einlaß gewährt wird. Und das Gefühl, große Kunst vollbracht zu haben, hatten wir auch nicht - auch wenn es nicht einfach war, bei den feuchtkalten Windböen Zeitung zu lesen.
Doch wir wollen nicht mäkeln: Nicht der Einzelne zählt, sondern das Kollektiv - und nicht zuletzt die Stadt Berlin, die zuletzt zwar keine Love Parade mehr zu bieten hatte, aber immerhin diese Art Parade. Doch Unheil naht. Jede Schlange nämlich hat naturgemäß ein Ende, und das der MoMA-Schlange kommt am 19. September: Dann schließt die Ausstellung, und die Schlange stirbt. Wie sich Berlin dann seinen Rausch bewahren will, steht in den Sternen. Sämtliche Museen der Stadt mit schmaleren Pforten ausstatten, damit man auch bei weniger spektakulären Ausstellungen Schlange stehen darf, scheint uns keine vernünftige Lösung zu sein.
Nachtrag: Für manchen ist der Rausch viel früher vorbei, als ihm lieb ist. Ein FAZ.NET-Leser teilte uns mit, wie ihm, der extra aus Bayern angereist war, nach einiger Wartezeit in der Schlange von MoMA-Bediensteten mitgeteilt worden sei, daß an diesem Tag niemand mehr reinkomme - obgleich es erst 10 Uhr morgens war.
Text: @jöt
Bildmaterial: dpa/dpaweb, FAZ.NET, ZB
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