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Wach, gewitzt und auf der Hut: Hilary Hahn spielt Brahms und Strawinsky

Von Fridtjof Küchemann

10. Dezember 2001 „Alter“, sagte Hilary Hahn einmal in einem Interview, „wird total überschätzt“. Die 22-Jährige zählt zu den meist beachteten Geigerinnen der Gegenwart, und ihre Worte lassen sich vor- wie rückwärts lesen: Kurz vor ihrem vierten Geburtstag begann sie mit dem Geigenspiel, als Neunjährige war sie Beste ihres Konservatoriums, mit zwölf Jahren gab sie ihr Orchesterdebüt, mit 16 war Lorin Maazel auf sie aufmerksam geworden und hatte sie zur Zusammenarbeit eingeladen. Ein Fall fürs Wunderkind-Klischee.

Im Jahr darauf - 1996 - stellte sich Hilary Hahn auf ihrer ersten CD mit Solo-Partiten und einer Sonate Johann Sebastian Bachs vor. Im Konzert schreckte sie auch vor Werken nicht zurück, deren Durchdringung gemeinhin nur über die Jahrzehnte gereiften Musikerpersönlichkeiten zugetraut wird. Sie musste und konnte die Skeptiker überzeugen: Weder das eine noch das andere Bild will passen, wenn es darum geht, die Musikerpersönlichkeit der jungen Künstlerin zu fassen. Hilary Hahn ist kein Wunderkind, die junge Frau war es auch in ihrer Kindheit nicht. Sie ist allerdings - dies zeigt ihre vierte CD erneut - auch nicht zu jung, um sich den großen Herausforderungen der Geigenkunst zu stellen.

Leichtigkeit und Klarheit

Nach Einspielungen von Beethoven und Bernstein, Edgar Meyer und Samuel Barber hat sich Hilary den Violinkonzerten von Brahms und Strawinsky gewidmet. Beide Konzerte keine Leichtgewichte, wenn auch Leichtigkeit zu den musikalischen Tugenden zählt, mit denen die junge Geigerin in diesen Aufnahmen - zusammen mit der Academy Of St. Martin in The Fields unter Sir Neville Marriner - glänzt.

Johannes Brahms' Violinkonzert entstand 1788 am Wörthersee in enger Zusammenarbeit zwischen dem Komponisten und dem befreundeten Geiger Joseph Joachim. Der Virtuose beriet Brahms in instrumentenspezifischen Fragen und war bei der Uraufführung des Konzertes am Neujahrstag 1879 in Leipzig Solist unter dem Dirigat des Komponisten. Von Joachim stammt auch die Solokadenz, die Hilary Hahn für ihre Einspielung gewählt hat.

Der Verlockung widerstanden

Die Reaktionen der Zeitgenossen vor über 120 Jahren waren geteilt: Von den einen gefeiert und sofort in eine Reihe mit den seinerzeit bedeutendsten Violinkonzerten - von Beethoven und Mendelssohn - gestellt, wurde das spätromantische Werk von anderen heftig angegriffen. Es sei nicht für, sondern gegen die Violine geschrieben, sagte beispielsweise der Dirigent der Wiener Erstaufführung. Auch Joachim soll sich erst allmählich mit dem Konzert angefreundet haben können.

Johannes Brahms legte das Gewicht seiner Komposition weniger auf die klare melodische Aussage des Soloinstrumentes, als auf dessen Ausdrucks- und Farbenkraft. Und hier lauern die Gefahren dieses Stückes, dort, wo der Solist nicht als Vituose ausgestellt werden soll. In der Solokadenz, aber auch in den Passagen, in denen ihr das Orchester nur den Untergrund bereitet, auf dem sie sich entfalten kann, könnte ein Solist leicht der Expressivitäts-Verlockung der Komposition erliegen und die Feinheiten des Stückes unter allzu viel - oder besser: allzu offensiv vorgeführtem - Gefühl verschütten. Hilary Hahn widersteht dem mit bewundernswerter Klarheit. Das Spiel der jungen Geigerin lässt an keiner Stelle die notwendige Minimaldistanz der Interpretin zur Komposition vermissen.

Geist- und anspielungsreicher Strawinsky

Auch Strawinsky ließ sich - eher unüblich bei der Skepsis des Komponisten gegenüber dem Virtuosentum - von einem Geiger bei der Ausarbeitung seines Violinkonzertes im Jahr 1931 beraten. Zu gering war seine Erfahrung mit diesem Instrument. Dass das grundsätzlich kein Hindernis sein müsse, hatte Strawinsky sich zuvor von Paul Hindemith bestätigen lassen: Allenfalls führe die Unvoreingenommenheit zu einer frischen, originellen Komposition.

Strawinskys Konzert ist geist- und anspielungsreich, es bedient sich verschiedenster Gesten aus den vorangegangenen Epochen seit dem Barock. Hilary Hahn war überrascht zu sehen, dass sich dieses Werk auch 30 Jahre nach dem Tod des Komponisten noch nicht als Standardwerk der Orchesterliteratur durchgesetzt hat. Zu wünschen wäre es ihm, wie die Geigerin in den der CD beigefügten Anmerkungen befindet. Auch in diesem Stück zeigt sie ihre musikalische Sicherheit, die Flexibilität ihres Spiels - und eine erfrischende Bereitschaft, der wechselvollen Versatzstückarbeit Strawinskys zu folgen.

Hilary Hahns Einspielung der Violinkonzerte in D-Dur von Johannes Brahms (Opus 77) und Igor Strawinsky mit der Academy Of St. Martin In The Fields unter der Leitung von Sir Neville Marriner ist auf Sony Classical erschienen.



Text: @kue
Bildmaterial: Sony Classical

 
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