18. Dezember 2002 Wenn's mir nur gruselte. Zum Weihnachtsfest wird sich mancher Heintjes Aufforderung Lasst uns froh und munter sein anschließen, sich mit Peter Alexander freuen, Alan Jacksons Wunsch Let It Be Christmas aufgreifen oder sich von *NSYNC The Meaning Of Christmas erklären lassen.
Es geht auch anders. FAZ.NET hat aus den CD-Besprechungen dieses Jahres Empfehlungen zusammen gestellt: gesegnete Sounds, die sich auf ihre Art auch fürs frohe Fest eignen.
Wenige schlichte Streicher-, Klavier- oder Gesangsfiguren fragmentiert und collagiert der Produzent Murcof, kontert sie mit einzelnen elektronischen Tönen, kombiniert sie mit britzeligen elektronischen Rhythmen und fasst das alles in einem hybriden Raum - halb konzertante Kammer, halb virtual reality. Unerhört.
Unstet und episch: Nils Petter Molvaer
Vielleicht liegt es an der Dehnbarkeit der Bezeichnung Jazz, dass die CDs des Trompeters Nils Petter Molvaer im Plattenladen zwischen Charles Mingus und Thelonius Monk liegen. Molvaer verwischt virtuos und raffiniert die Grenzen von Jazz zu Clubmusik-Spielformen wie Ambient, House, TripHop und Breakbeat. Darüber der unverwechselbare Sound des Norwegers, stumpf, fragil, dabei zart und luftig.
Die Isländer übersetzen den Raumklang einer Kathedrale in die Rockmusik. Orgel-Klänge, darüber einige Schichten verzerrter Gitarren mit nahezu ansatzlosem Klang. Oben schwebt die fremdartige Kopfstimme des Sängers. Getragene, gewaltige Musik. Manchmal staut sie sich kaum merklich, um in gewaltigen Eruptionen (Geysire? Vulkane?) mit aller Wucht elektrischer Gitarren auszubrechen.
Lyrisch und lakonisch: Sidsel Endresen und Bugge Wesseltoft
Die Stücke von Sidsel Endresen und Bugge Wesseltoft, filigrane Aufnahmen von Stimme, Tasten und überlegt eingesetzter Elektronik, scheinen zuweilen um winzige musikalische Details oder lyrische Einfälle herum angeordnet. Out here. In there versammelt Songs mit klaren Strophen-Abfolgen oder, in der Mehrzahl, frei strukturierte, häufig improvisiert wirkende Inventionen mit Ausflügen in Richtung elektronische Abstraktion, Free Jazz oder Body Music. Mutige Musik, aber nicht kopflos, besonnen, aber nicht verzagt.
Ergreifend, ironisch: Hederos und Hellberg
Es sind die alten Hits, von den Stones und Iggy Pop, Bob Marley, Kris Kristofferson und Neil Young, die die beiden schwedischen Rockmusiker Martin Hederos und Mattias Hellberg auf ihrem Album "Together In The Darkness" versammelt und mit großer Schlichtheit arrangiert haben, ergänzt um fünf eigene Songs. Gesang und Klavier, dazu Mundharmonika, Melodika und Glockenspiel, Gitarre und Orgel, einmal auch einen breit-harmonisch angelegten Bläsersatz - das genügt.
Lambchop, die Band um Sänger, Songwriter, Mastermind Kurt Wagner, wird gern als "Country- & Soul-Orchester". Es ist was dran. Die Musik ist entspannt wie Country und funky wie Soul. Dabei sind die Stücke dieser zwölf Mann starken Kapelle so intim, als wären sie eine Solo-Arbeit, so lebendig, als wären sie auf einer Session mitgeschnitten, und so präzise, als wären sie das Produkt ausgiebigster Studio-Basteleien. Musik gänzlich ohne Klangteppiche, ein organisches Geflecht, das den brüchigen Gesang Wagners dennoch trägt.
Ausgefuchst und angeschlagen: Beck
Mit Sea Change hat sich Beck aus den Glamour-Funk-Gefilden der Siebziger zurückgemeldet, in die er sich für sein '99er Album Midnite Vultures abgeseilt hatte. Das Album zeigt den inzwischen 32-Jährigen zur Zeitlosigkeit gereift, mit neuem Ernst und alter Rafinesse. Ihrem Wesen nach sind viele Songs scheinbar simple Stückchen Folk. Aber sie stehen auf einem hoch artifiziellen, zugleich sehr diskreten Untergrund.
Nostalgisch, glanzvoll: David Bowie
Mit ein Grund, warum David Bowies neues Album Heathen Assoziationen an die ganz großen Zeiten vor 25 Jahren weckt, ist Tony Visconti. Der Produzent, der unter anderen seine Berlin-Alben Low und Heroes produzierte, scheint in Bowie die Leichtigkeit geweckt zu haben. Bowie räsoniert über wahre Identitäten. Und er besinnt sich zurück auf seine Stärken. Es gab eine Zeit, da hatte David Bowie seine Vergangenheit satt. Im Jahr 2002 jedoch ist er bei sich selbst angekommen.
Lang gewährt, endlich gut: Peter Gabriel
Freilich: Wenn man den Schnulzendetektor an Peter Gabriels neues Album Up hält, schlägt der schon mal aus. Und wenn man den Weltverbesserungsindikator in die Texte tunkt, färbt er sich schon mal signalrot. Allerdings stecken die zehn Tracks auch voller guter Ideen, eigenwilliger und geschmackvoller Klangkombinationen, geistreicher Arrangements und inspirierter Spielereien. Up ist ein High-End-Album geworden. Von einem Soundtüftler, der bei aller Material-Lust immer auch luftige Strecken in seinen Songs lassen kann, für Zeitgenossen mit großen, guten Boxen.
Text: @kue
Bildmaterial: Columbia, dpa, Motor Music, Silence Records, The Leaf, Tom Sheenan / Virgin Records, Universal Jazz, Virgin Records, Yoshika Horita
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