Wellenreiter

In Wahrheit eine überzeugende Schauspielerin

17. Februar 2004 Das Feuilleton schaut in die „Bild“-Zeitung, und die schaut zurück. „So feierten die Zeitungen die Berlinale-Siegerin“, überschreibt sie eine Collage aus Zeitungsausschnitten unter anderen der F.A.Z., der „Süddeutschen“ und der „Welt“. „Erst wurde sie vom Feuilleton gefeiert“, textet „Bild“ mit der gewohnten Lüsternheit, „dann von ihrer Porno-Vergangenheit eingeholt.“

„Allein schon eklig, sich vorzustellen, was für eine eitel Freude bei den Kollegen am Sonntag geherrscht haben muß“, gibt die „Tageszeitung“ zurück. „Da feiert alle Welt Fatih Akins Berlinale-Siegerfilm 'Gegen die Wand' und dessen Hauptdarstellerin Sibel Kekilli. Und die Jungs von der 'Bild' haben Material zugespielt bekommen, das die Schauspielerin als Mitwirkende in Pornofilmen zeigt. Was sie draus gemacht haben, ist ein Skandal.“

Den sieht die „taz“ in der Überschrift: „Deutsche Film-Diva in Wahrheit Porno-Star“, schreit „Bild“ von der ersten Seite der Montagsausgabe. Als gehe es hier um Wahrheit, als sei eine Episode der Vergangenheit „wahrer“ als der gegenwärtige Erfolg und der aktuelle Eindruck: Sibel Kekilli ist in „Gegen die Wand“ eine überzeugende Schauspielerin.

Wie unanständig

Die „Frankfurter Rundschau“ fand es bestimmt auch eklig, sich den Gaudi der „Bild“-Redakteure bei ihrer Entdeckung vorzustellen. Sie hat es trotzdem getan und erspart es auch ihren Lesern nicht: Die Kolumne „Times Mager“ erzählt die Geschichte zweier „Vollblutrechercheure“, die ganz gemütlich den gemeinsamen Feierabend zu einem Videoabend gemacht hatten, mit Kerzen und Duftöl, und am nächsten Morgen eine junge Dame aus dem Video in den Fernsehnachrichten wiedererkannten: „Schnell setzen sich die beiden Genies hin und tippen eine gepfefferte Enthüllungsstory.“

Während sich das auflagenstarke Boulevardblatt nach diesem Coup noch auf die Schulter klopft, klopft sich eine kleinere Zeitung aus gleichem Hause auf die Finger: „Pfui, wie unanständig“ findet sie den eigenen Vorschlag, man möge „Erfahrungen im Pornofilm als Voraussetzung für eine Medienkarriere einführen“. Die „Grenzkontrollen“ zwischen Pornographie und Kunst seien doch nahezu abgeschafft, analysiert das Blatt, Filme wie „Baise-moi“ und „Intimacy“ hätten schließlich „die optischen Barrieren auch im seriösen Kino fallen lassen“. Nur der Abstand zwischen Enthüllung und Filmstart läßt die „Berliner Morgenpost“ daran zweifeln, daß der Blick ins Schmuddelfilmarchiv eine schlichte Publicity-Aktion ist. Das ist ausgeruhter Journalismus, der klare Kopf, der kühle Blick, die journalistische Unerbittlichkeit, die wir uns wünschen.



Text: @kue
Bildmaterial: FAZ.NET

 
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