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Friedenspreis

Achebe fordert Krieg gegen Armut, Aids und Analphabetismus

Für wichtiger als einen Krieg gegen den Irak hält der nigerianische Friedenspreisträger Chinua Achebe die Bekämpfung von Armut, Aids und Analphabetismus.

Vor der Preisverleihung: Chinua Achebe auf der BuchmesseVor der Preisverleihung: Chinua Achebe auf der Buchmesse

12. Oktober 2002 

Der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe, hat zu einem Krieg gegen Armut, Aids und Analphabetismus aufgerufen. Dies sei wichtiger als ein Krieg gegen Irak, sagte der 71-Jährige am Samstag bei einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse.

Zugleich übte er Kritik an den Scharia-Gesetzen in seinem Heimatland und plädierte für eine Weltzivilisation, an der alle Kulturen teilhaben müssten. Wenn er jetzt den amerikanischen Präsidenten George W. Bush treffen könnte, würde er ihm raten, von seinem harten Irak-Kurs abzulassen, sagte Achebe auf die Frage eines Journalisten. Es gebe in der Welt wichtigere Kämpfe auszufechten als Kriege gegen einen anderen Staat - nämlich gegen die wahren Geißeln der Menschheit. Dazu zählten vor allem Armut, Analphabetismus und Aids.

„Afrika muss seine Geschichte selbst erzählen“

Achebe zeigte sich zutiefst besorgt über das Wiedererstarken des islamischen Fundamentalismus im Norden Nigerias. Steinigungen von Frauen wegen angeblichen Ehebruchs könnten keinesfalls akzeptiert werden. Er bezweifelte jedoch, dass die Religion an sich der Auslöser der derzeitigen Probleme sei. Den Islam habe es in Nigeria schon seit Jahrhunderten gegeben, ohne dass der Fundamentalismus die Oberhand gewonnen habe. Nun aber benutzten verantwortungslose Politiker die Religion bewusst für ihre eigenen Ziele.

Der Schriftsteller habe sich in seinen Romanen stets gegen ungerechte politische Verhältnisse gestellt und damit einen wesentlichen Beitrag zum Frieden geleistet, würdigte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seinen diesjährigen Friedenspreisträger. „Es ist an der Zeit, dass Afrika seine eigene Geschichte erzählt“, umriss Achebe selbst seine Aufgabe als Literat. Afrika müsse seinen Beitrag leisten zu einer globalen Zivilisation, die auf der Basis der universellen Menschenrechte zu errichten sei.

Literatur als Beispiel für die Gesellschaft

Diese künftige Weltzivilisation darf nach Achebes Vorstellungen aber nicht von nur einer Region allen anderen aufgezwungen werden. Sie werde weder eine amerikanische noch eine europäische Zivilisation sein, sondern eine Komposition aus allen Kulturen, deren Identität damit erhalten bleibe. Eben diese Komposition bestimmt die Romane Achebes, der als der prominenteste Vertreter afrikanischer Literatur in englischer Sprache gilt. In seinen Werken sind nach einhelliger Kritikermeinung afrikanische Erzählformen und europäische Romanstrukturen auf eine geniale Weise miteinander versöhnt. Dies könnte der Gesellschaft als Beispiel dienen. Dabei schreibe er nicht über den Frieden an sich, betonte Achebe. Er schreibe Romane über Menschen in Konfliktsituationen. Damit aber verbinde sich für ihn stets ein Plädoyer für den Frieden.

Den typisch afrikanischen Blickwinkel seiner Literatur definierte Achebe in Anlehnung an eine Aussage des früheren südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela. In Europa gelte das Konzept des Individualismus basierend auf der rationalistischen Formel: „Ich denke, also bin ich.“ In Afrika dagegen gelte das Prinzip: „Ein Mensch wird erst zum Menschen durch seine Mitmenschen.“ Der mit 15.000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird Achebe an diesem Sonntag in der Frankfurter Paulskirche verliehen.

Text: AP
Bildmaterial: dpa

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